Coronavirus
Baselbieter Beizen bleiben offen: Schon wieder keine gemeinsamen Regeln in Stadt und Land

Die Baselbieter Regierung hat die Coronamassnahmen am Dienstag Nachmittag verschärft – noch bevor der Bund am Abend informierte. Die neuen Massnahmen betreffen in erster Linie den Sport und die Gastronomie. Bei den Schulen gibt es keine weiteren Verschärfungen.

Hans-Martin Jermann, Kelly Spielmann
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«Nur noch bis 21 Uhr geöffnet»: Vielleicht wird diese Baselbieter Regelung bereits am Samstag von einer noch schärferen nationalen Bestimmung abgelöst.

«Nur noch bis 21 Uhr geöffnet»: Vielleicht wird diese Baselbieter Regelung bereits am Samstag von einer noch schärferen nationalen Bestimmung abgelöst.

Kenneth Nars

Fast zeitgleich mit der bisher höchsten Zahl von 208 Neuansteckungen hat der Kanton Baselland am Dienstag schärfere Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus kommuniziert – dies, bevor der Bundesrat am Abend in einer Konferenz eine weitere Verschärfung in Aussicht stellte.

So wäre im Baselbiet geplant gewesen, dass ab Freitag Restaurants, Bars und Clubs um 21 Uhr schliessen müssen. Damit würde die Sperrstunde, die bisher von 23 bis 6 Uhr galt, um zwei Stunden ausgeweitet. Um nächtliche Alkoholkäufe in Tankstellenshops für Privatpartys zu verhindern, sollen zudem sämtliche Verkaufsgeschäfte ebenfalls um 21 Uhr schliessen.

Daneben will Baselland die Teilnehmerzahl für Veranstaltungen von 50 auf 15 einschränken. Ausgenommen sind politische Aktivitäten sowie religiöse Veranstaltungen an Feiertagen. Sämtliche Sportaktivitäten in Gruppen sollen verboten werden (Ausnahmen gibt’s im Leistungs- sowie im Schulsport), Freizeiteinrichtungen sollen geschlossen werden. Alle Massnahmen würden bis 17. Januar gelten.

«Gewisse Aktivitäten müssen noch möglich sein»

Die Baselbieter Coronamassnahmen gleichen sich damit jenen von Basel-Stadt an (Box unten). Zudem sind sie fast identisch mit jenen des Kantons Solothurn. «Uns war die regionale Abstimmung der Massnahmen wichtig», sagte dazu Regierungspräsident Anton Lauber an einer Videokonferenz. Einen wesentlichen Unterschied zu Basel gibt’s aber: Die Beizen sollen offenbleiben. Man habe kein Indiz, dass es in Restaurants eine signifikante Zahl von Ansteckungen gebe, sagte dazu Gesundheitsdirektor Thomas Weber.

Weber hielt an der Videokonferenz ein Kärtli in die Kamera, das er von einer 74-jährigen Frau erhalten hatte. Diese dankte ihm, dass sie auch in diesen schwierigen Zeiten jeden Morgen einen Kaffee in ihrem Stammlokal geniessen kann. Neben der Sorge um die physische Gesundheit trage der Kanton auch die Verantwortung für die psychische Verfassung der Menschen. «Gewisse Aktivitäten müssen noch möglich sein», sagte Weber.

Gleichzeitig stellte er klar, dass «die Zahlen runter müssen». Die Reproduktionszahl, die angibt, wie viele Personen ein Corona-Infizierter im Durchschnitt ansteckt, lag gestern im Baselbiet bei 1,09, in Basel-Stadt bei 1,06. Bei Werten über Eins breitet sich das Virus aus. Weber appellierte an die Bevölkerung, über die Festtage auf grössere Familienanlässe zu verzichten. «Wir wissen, dass das schwer ist. Aber aktuell liegt das nicht drin.»

So entwickeln sich die Fallzahlen in der Region: Die 14-Tage-Inzidenz in Baselland steigt weiter, während die von Basel-Stadt runter geht.

So entwickeln sich die Fallzahlen in der Region: Die 14-Tage-Inzidenz in Baselland steigt weiter, während die von Basel-Stadt runter geht.

Kantonaler Krisenstab BL

Präsenzunterricht soll weiterhin stattfinden

Keine neuen Massnahmen soll es im Baselbiet (und in den Nachbarkantonen) im Bereich der Schulen geben. Dies, obwohl erst gestern das Schulhaus Neuallschwil wegen Corona-Infektionen geschlossen werden musste. «Oberste Priorität hat für mich, dass der Präsenzunterricht stattfinden kann, ohne dass wir den Gesundheitsschutz vernachlässigen», sagte Bildungsdirektorin Monica Gschwind. «Nur im äussersten Notfall möchten wir von diesem Grundsatz abweichen. Auch, weil fast alle Ansteckungen in Freizeit und Familie stattfinden und nur wenige an der Schule», wie Gschwind anfügte.

Basel-Stadt hält an Massnahmen fest

Der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt verlängert die geltenden Massnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie um eine Woche bis und mit Sonntag, 20. Dezember, wie er gestern mitteilte. Das Wachstum der Neuansteckungen habe zwar in den letzten zwei Wochen gebremst werden können. «Die Wirkungen sind aber weniger schnell und deutlich eingetreten, als es für eine Lockerung notwendig gewesen wäre.» Die Zeit könne nun für eine weitere Abstimmung mit Bund und insbesondere den Nachbarkantonen genutzt werden.

Man warte mit dem Entscheid, ob auf die Feiertage hin Lockerungen möglich sind, noch zu. Restaurants, Bars und Freizeitanlagen bleiben also geschlossen, für Veranstaltungen gilt eine Beschränkung auf 15 Personen.

«Der basel-städtische Alleingang ist völlig unverständlich», sagt Maurus Ebneter, Präsident des Basler Wirteverbands. «Restaurationsbetriebe sind keine Treiber des Infektionsgeschehens. Nun werden sich Treffen weiterhin ins Private verlagern, wo sich nachweislich sehr viele Leute anstecken.»

Der Lockdown sei zudem undifferenziert, weil er nicht zwischen Innen- und Aussenplätzen, zwischen Hotspots und Aussenquartieren, zwischen Tagesgeschäft und Nachtleben unterscheide. Ärgerlich sei auch, dass zusätzliche Massnahmen zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen in der Medienmitteilung des Kantons nicht erwähnt würden. Denn: Jede Woche Lockdown in der Vorweihnachtszeit koste das Basler Gastgewerbe 20 Millionen Umsatz. Davon könnten Kurzarbeit und nicht anfallende Warenkosten rund zwei Drittel auffangen. Ein Drittel bleibe als Nettoschaden zurück.

«Je urbaner ein Kanton und je internationaler die Gäste, desto stärker leidet das Gastgewerbe», meint auch Raphael Wyniger, Präsident des Basler Hotelier-Vereins. «Viele Restaurants, Cafés und Hotels stehen unmittelbar vor dem Aus. Um das Schlimmste abzuwenden, braucht es sofort entschiedenes Handeln.» Die Regierung könne in eigener Kompetenz über einen gut gefüllten Krisenfonds verfügen, der dem Kampf gegen Arbeitslosigkeit diene. «Gehen Betriebe Konkurs, verlieren viele ihre Stelle», sagen die beiden Präsidenten. «Zunehmend werden auch Lieferanten in den Strudel gezogen.» (no, ksp)