Sicherheit

Baselbieter SP-Informatiker Jan Fässler kritisiert E-Vote

Am 14. Juni wird im Baselbiet unter anderem über E-Voting abgestimmt. Mit einem Ja würden die gesetzlichen Grundlagen geschaffen. Jan Fässler, Präsident der SP-Ortspartei von Therwil, wehrt sich gegen die politische Stimmabgabe via Internet.

Benjamin Wieland
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Verführerisch einfach, aber nicht unumstritten: E-Voting.

Verführerisch einfach, aber nicht unumstritten: E-Voting.

Andreas Kaufmann

Jan Fässler ist einer der wenigen, die die E-Voting-Euphorie bei den Baselbieter Genossen dämpfen. Er sprach sich an der Delegiertenversammlung der SP-Kantonalpartei gegen die E-Voting-Vorlage aus, über die im Baselbiet am 14. Juni abgestimmt wird. Zwar beschlossen die SP-Mitglieder am 18. April klar die Ja-Parole – die mahnenden Worte des Informatikers zum elektronischen Stimmen und Wählen wurden trotzdem registriert.

Jan Fässler, am 14. Juni wird im Kanton Baselland unter anderem über E-Voting abgestimmt. Es sollen die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden, um dieses – wenn es dann technisch ausgereift ist – einführen zu können. Sie lehnen E-Voting fundamental ab.

Jan Fässler: Ja. E-Voting basiert auf elektronischer Datenverarbeitung. Und derartige Systeme sind immer nur zu einem bestimmten Grad sicher, aber nie hundert Prozent.

Was berechtigt Sie zu dieser Aussage?

Ich hatte während meines Studiums vertieften Einblick in Datenverarbeitung. Man kann Daten verschlüsseln, das ist richtig. Aber jede Verschlüsselung basiert auf einem bestimmten Vorsprung an Wissen und Zeit. Auch die beste Verschlüsselung wird in einigen Jahren einfach überwindbar sein – und so ein Fall wäre bei Wahlen und Abstimmungen verheerend.

Auch das analoge System mit handbeschriebenen Zetteln, wie es heute praktiziert wird, ist nicht hundertprozentig sicher. Wahlbetrug kam schon immer vor.

Das ist so. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem analogen und dem digitalen System, wenn wir das so nennen wollen: die Wirkung. Wenn ich heute wirkungsvoll eine Abstimmung illegal beeinflussen will, muss ich mühsam einzelne Stimmrechts-Couverts aus Briefkästen fischen. Oder aber ich überfalle einen Pöstler, oder sogar ein ganzes Wahlbüro. Das fällt auf, ich brauche dazu viele Leute, es ist riskant. Anders beim E-Voting: Wenn ich es erst einmal geschafft habe, in das System einzudringen, kann ich dort wüten, wie es mir beliebt. Ich habe dann im schlechtesten Fall Zugriff auf alle Wahlzettel auf einmal.

Auch das würde irgendwann auffallen.

Nicht in jedem Fall. Wer geschickt vorgeht, nimmt nur kleine, unauffällige Änderungen vor, die aber das Gesamtergebnis beeinflussen. Eine Rückverfolgung der Manipulation ist schlecht möglich, denn die Wählenden müssen ja anonym bleiben, man darf die einzelnen Stimmen nicht auf den einzelnen Wählenden zurückverfolgen können. Im analogen System haben sie wenigstens noch ein Back-up: die ausgefüllten Wahlzettel. Diese können sie dann nachzählen. Beim E-Voting können Sie Kopien anfertigen, doch auch diese können gehackt und verändert werden.

Jedes neue System hat Kinderkrankheiten. Das ist kein Grund, es fundamental abzulehnen. Beim E-Banking zum Beispiel kommt es auch zu Betrügereien, doch fast niemand will heute noch seine Rechnungen bar einzahlen.

Zur Person Jan Fässler (28) absolvierte eine Informatiklehre bei Novartis, danach studierte der Therwiler Informatik an der Fachhochschule Nordwestschweiz mit Vertiefung Informationsverarbeitung und Visualisierung. Seit vergangenem Jahr präsidiert er die SP-Ortspartei von Therwil.

Zur Person Jan Fässler (28) absolvierte eine Informatiklehre bei Novartis, danach studierte der Therwiler Informatik an der Fachhochschule Nordwestschweiz mit Vertiefung Informationsverarbeitung und Visualisierung. Seit vergangenem Jahr präsidiert er die SP-Ortspartei von Therwil.

zvg

Kennen Sie Beispiele für Manipulationen mit E-Voting?

Es ist mir ein Versuch aus den USA bekannt. Dort hat die Universität von Michigan ein E-Voting-System in 36 Stunden geknackt, um aufzuzeigen, wie unsicher die Methode ist. In den letzten Monaten gab es auch mit den sogenannten Open-SSL-Software viele Probleme. Diese Software setzen sehr viele Server ein und ist faktischer Standard. Hier war die Software fehlerhaft. Der Datenverkehr, der über die betroffenen Server ablief, konnte eingesehen werden.

Das analoge Zeitalter ist bei Wahlen schon vorbei. Heute kommen bei Abstimmungen und Wahlen auch im Baselbiet elektronische Systeme zum Einsatz – so werden die Resultate mit dem Programm Sesam übermittelt.

Auch bei der reinen Übertragung der Abstimmungsresultate gibt es natürlich potenzielle Angriffsflächen. Aber im Verdachtsfall können immer noch die Wahlzettel im Wahlbüro noch einmal nachgezählt werden.

Bei der Abstimmung geht es erst um die gesetzlichen Grundlagen. Die Einführung sollte erst dann erfolgen, wenn die Systeme genügend erprobt und sicher sind.

Wir sind heute noch weit davon entfernt, dass die Systeme sicher genug sein könnten. Wer entscheidet denn, ob die Systeme gut genug sind? Ich habe Mühe damit, die Verantwortung der Verwaltung oder dem Regierungsrat zu übertragen.

Sie haben gesagt, die Technik sei weit davon entfernt, genügend sicher zu sein. Es wäre aus Ihrer Sicht also möglich, dereinst ein – sagen wir es mal so – solches System zu entwickeln, bei dem zumindest nicht mehr Betrug möglich wäre als heute?

Sag niemals nie. Aber trotzdem bleibe ich skeptisch. Oft sind es nur winzige und auf den ersten Blick triviale Fehler, welche den Angreifern Tür und Tor öffnen. Eine 99,99-prozentige Sicherheit ist also schnell überhaupt nichts mehr wert.