Pflege

Claudia Aufdereggen: «Die Spitex Liestal will Kündigungen vermeiden»

Selten hört man, dass eine Spitex einem Patienten den Pflege-Auftrag kündigt. Das ist nun im Einzugsgebiet der Spitex Regio Liestal per Ende Januar passiert. Deren Leiterin Claudia Aufdereggen beantwortet die Fragen der bz.

Andreas Hirsbrunner
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Die Kündigung eines Pflege-Auftrags sei fast immer das Ende eines langen Prozesses, sagt Claudia Aufdereggen.

Die Kündigung eines Pflege-Auftrags sei fast immer das Ende eines langen Prozesses, sagt Claudia Aufdereggen.

FOTOLABOR SPIESS AG

Frau Aufdereggen, wieso hat Ihre Spitex einem älteren Multiple-Sklerose-Patienten den Pflege-Auftrag gekündigt?

Claudia Aufdereggen: Zu diesem konkreten Fall kann ich mich nicht äussern, das untersteht dem Datenschutz. Aber ich kann mich im Allgemeinen äussern, wie es zu so einem Fall kommen kann. Wenn wir zu einem Kunden gehen, gehen wir quasi als Gast in den häuslichen Bereich. Gleichzeitig sind wir aber eine Organisation mit Rahmen- und Geschäftsbedingungen, in denen die Rechte und Pflichten der Patienten, aber auch die Arbeitsbedingungen für unser Personal festgehalten sind. Zu Letzterem gehört etwa, dass das Personal die Arbeit so rückenschonend verrichten kann, dass es keinen Schaden nimmt. Ist das nicht möglich, kann es zu einer Kündigung des Pflege-Auftrags kommen.

Kommen denn solche Kündigungen öfters vor?

Nein. Bei uns kommt es etwa alle zwei Jahre zu einer Kündigung und das bei über 900 Kunden, die wir jährlich betreuen. Praktisch jeder Kündigung geht aber immer eine lange Geschichte voraus, bei der wir alle Möglichkeiten ausschöpfen, um diesen letzten Schritt zu vermeiden. So beziehen wir bei Schwierigkeiten die Angehörigen, das soziale Umfeld und den Hausarzt mit ein und suchen an einem runden Tisch nach Lösungen.

Dann gibt es noch einen erweiterten Kreis. Dazu gehören Fachstellen wie die Pro Senectute mit ihrem Hilfsmittelangebot oder bei finanziellen Schwierigkeiten die Sozialdienste. Das geht aber nur, wenn der Patient damit einverstanden ist. Und wenn sich ein Konflikt verhärtet, raten wir dem Patienten auch, zum Beispiel bei der Diabetes-Gesellschaft, der Krebsliga oder der MS-Gesellschaft eine Aussensicht einzuholen. Dabei kommt oft Bewegung in eine festgefahrene Situation zugunsten beider Seiten, denn ein Konflikt ist für den Patienten und für uns eine ausserordentlich unangenehme Situation. Neu können sich sowohl die Spitex wie der Patient auch an die Ombudsstelle für Altersfragen und Spitex wenden. Diese war auch in dem von Ihnen angesprochenen Fall involviert.

Sie fand aber in diesem Fall offensichtlich keine Lösung.

Nicht im Sinne eines gemeinsamen Weitergehens. Bei einer Kündigung sind wir im Übrigen auch verpflichtet, die Gemeinde als Auftraggeber miteinzubeziehen.

Nach einer Kündigung muss der Patient selber schauen, wie er zu seiner Pflege kommt?

Wenn der Patient das wünscht, helfen wir, eine Anschlusslösung zu finden. Im allerschlimmsten Fall kommt es zu einer Spitaleinweisung. Das hat es bei uns allerdings wegen einer Kündigung noch nie gegeben.

Und das Spital kann einen Patienten auch ablehnen?

Nein.

Wir haben jetzt von Situationen geredet, bei denen es innerhalb eines langen Prozesses zu einer Trennung kommt. Gibt es auch abrupte Kündigungen von Pflege-Aufträgen?

Ja, ganz selten. Wir hatten vor Jahren einmal den Fall, dass der Patient einen bissigen Hund hielt. Aber selbst dort kündigten wir erst nach dem zweiten Biss. Auch bei einem Missbrauch oder einer Gefährdung einer Mitarbeiterin müssten wir reagieren. Das war bis jetzt aber zum Glück noch nie der Fall bei uns. Und zu sagen ist auch, dass ich selbst vor jeder Kündigung das Gespräch mit dem Patienten suche und mir die Situation vor Ort anschaue. Denn am Schluss muss ich entscheiden.

Kommen wir zurück zum gekündigten MS-Patienten: Er sagte gegenüber der bz, dass die Zusammenarbeit mit der Spitex 30 Jahre lang bestens funktioniert habe, jetzt aber soll kein Faden mehr gut sein an ihm. Misst die Spitex mit neuen Ellen?

Nein, gar nicht. Der Zustand des Patienten hat sich wesentlich verändert und seine Hilfsbedürftigkeit und seine Anforderungen haben stark zugenommen. Mehr will ich nicht ins Detail gehen.

Von Patienten ist auch zu hören, dass der administrative Umfang bei der Spitex immer mehr zu- und die Zeit für den Patienten abnimmt. Ist das so?

Der administrative Aufwand steigt in der Tat, weil die Krankenkassen von uns immer mehr Rechtfertigungen einfordern und das hat Rückwirkungen auf die Zeit mit den Patienten. So können wir uns nicht für einen einzelnen Einsatz zwei Stunden Zeit nehmen, wenn wir im Nacken haben, dass wir für einen Patienten maximal 60 Stunden Aufwand pro Quartal leisten dürfen. Die Krankenkassen wägen die Kosten für eine ambulante Pflege immer mit den Beiträgen ab, die sie für einen stationären Aufenthalt zahlen müssten. Ist eine Pflege zu Hause sehr intensiv, so entspricht sie aus Sicht der Krankenkasse nicht mehr ihrem Grundsatz, dass ein Einsatz zweckmässig, wirksam und wirtschaftlich sein muss. Die volkswirtschaftliche Sicht oder das Wohl des Patienten spielt dabei keine Rolle. Das führt für uns zu einem rechten Druck.

Der MS-Patient hat nun eine Anschlusslösung bei einer privaten Pflegeorganisation gefunden. Spielen Sie von daher mit der Kündigung nicht der wachsenden Konkurrenz in die Hände, die solche Fälle ausschlachten könnte?

Das birgt selbstverständlich eine gewisse Gefahr, aber es gibt auch die umgekehrten Fälle. Eine Kündigung ist nicht in unserem Interesse, aber es kann einfach zu Grenzfällen kommen, in denen man sich besser trennt. Das erleben auch Ärzte, Psychiater und Physiotherapeuten.