Prepper

Corona-Krise? Von wegen: Benno Panissidi hat Essen für eine Garnison im Keller

Benno Panissidi aus Reinach ist ein Prepper. Er und seine Frau sind auf eine Katastrophe vorbereitet – und hätten im Notfall einen Vorrat für ein ganzes Jahr.

Benjamin Wieland
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bz Prepper Panissidi
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Alles, was der Magen begehrt: Benno Panissidi schätzt den Wert der gelagerten Esswaren auf rund 3000 Franken. Er besitzt auch eine Getreidemühle. «Wir können unser eigenes Brot backen.»
In Bottichen ist unter anderem Getreide gelagert.
Panissidi im Garten. Er hat auch eine Feldküche, einen Pizzaofen und viel Holz.
Als das Paar im Jahr 2000 das Haus bauen liess, plante es auch diese Zisterne mit ein. Sie sammelt Wasser vom Dach. Dank eines Filters könnte daraus Trinkwasser werden.
In diesem Beutel ist Eipulver enthalten. Die Menge entspricht 250 Eiern.
Die Kübel mit dem rohen Getreide.
Wegen der Solaranlage auf dem Dach ist Panissidi auch Energie-autark. Im Keller hat es einen Speicher.
Der Staat förderte früher das Vorrathalten nach Kräften. 1969 erhielt jeder Haushalt das Büchlein «Zivilverteidigung».
Es beschreibt detailliert, welche Nahrungsmittel zu Hause gelagert werden sollten.
Pro Person sollten die Esswaren zwei Monate reichen.
Firmen wie die Sichersatt AG verkaufen Notvorrats-Pakete und alles andere, was ein guter Prepper braucht.
Das Hauskraftwerk im Keller der Panissidis.
Die Truhe mit allem, was es fürs Grillieren braucht.
Panissidi auf dem Vorplatz. Er zeigt auf die Solaranlage auf dem Dach.
In Basel kam das Zivilverteidigungs-Büchlein nicht so gut an. In den Buchhandlungen Steinentor und Tanner konnte es gegen Peter Bichsels Buch «Des Schweizers Schweiz» umgetauscht werden.
Die Zivilverteidigungsbücher wurden dann an Bundesrat Ludwig von Moos zurückgesandt.

bz Prepper Panissidi

Nicole Nars-Zimmer

US-Präsident Donald Trump lässt keine Europäer mehr einreisen. Der Bundesrat macht die Schulen dicht, Österreich Skigebiete. Die Uefa bläst die Champions League und die Europa League ab. Die Nachrichten zu Corona überschlagen sich. Benno Panissidi macht das nicht nervös. Er versichert, er sei tiefen­entspannt: «Als wir von diesen Hamsterkäufen hörten, sagte ich meiner Frau: Du musst gar nichts einkaufen gehen. Wir haben doch alles.»

Wenn Benno Panissidi das sagt, ist es wahr. Er hat wirklich alles. Der 59-Jährige sorgt vor. Ein Jahr lang könnten seine Frau und er sich von den eingelagerten Vorräten ernähren, sagt der Polizist in Frühpension. «Wenn unsere Söhne und ihre Familien noch hinzukommen, reicht’s halt etwas weniger lang.»

«Bin jemand, der die Dinge immer bis zu Ende denkt»

Benno Panissidi ist ein Prepper. So werden Menschen genannt, die prepared sind, vorbereitet auf den Tag X, wenn die Lieferketten reissen, die öffentliche Ordnung zusammenbricht. Leute, die monatelang, jahrelang überleben könnten, ohne Hilfe von aussen. Sein Hobby macht Panis­sidi interessant – gerade jetzt, in der Corona-Krise: Der «Blick» war schon da, und «Regio TV Plus». Das Schweizer Fernsehen hat sich ebenfalls angemeldet.

Viele Prepper wollen nicht so genannt werden. Damit seien Spinner gemeint. Miesepeter, die nicht nur mit dem Notstand rechnen, sondern ihn geradezu herbeisehnen. Benno Panissidi sagt, er habe nichts gegen die Bezeichnung Prepper – aber: «Ich bin nicht im Angstmodus. Ich hoffe auch nicht auf den Weltuntergang. Ich bin einfach jemand, der die Dinge immer bis zu Ende denkt. Wenn ich A sage, sage ich immer auch B.»

Im Haus der Panissidis am Reinacher Rebberg weist nichts darauf hin, dass hier ein Prepper wohnt. Gemütliche Stube, Familienfotos an den Wänden, in der Küche die Futternäpfe für die zwei bengalischen Katzen. Auch im Keller: zunächst alles normal. Dann im Luftschutzkeller: die Vorratskammer. Die Regale und die zwei Tiefkühler prall gefüllt. Kiloweise Fleisch, Fisch, Pelati, Pasta, literweise Tomatensauce, zwei Steckpaletten Tuben mit Mayonnaise und Senf, mehrere Kanister Olivenöl, Hunderte Konservendosen, Säcke mit Eipulver, aber auch Duschmittel, Katzenfutter – und an der Rückwand: 200 Rollen WC-Papier. «Ich habe letztes Jahr gleich eine ganze Palette gekauft», sagt Panissidi, «zum halben Preis.»

Ein Rotationssystem sorge dafür, dass nichts verderbe. «Ich musste praktisch noch nie etwas wegwerfen. Food-Waste, das gibt es bei uns nicht!»

Vorrat-Tipps für die gute Schweizer Hausfrau

Das «Preppertum» wurde früher vom Staat kräftig gefördert. 1969 verteilte der Bund ein rotes Büchlein mit dem Titel Zivilverteidigung an alle Haushalte. Im Kapitel «Frau und Vorratshaltung» heisst es: «Seien Sie jederzeit auf eine Sperre gefasst.» Jede gute Hausfrau habe einen «eisernen Bestand» für zwei Monate anzulegen. Pro Person brauche es: 2 Kilogramm Reis oder Teigwaren, 2 Kilogramm Zucker, 1 Kilogramm Speisefett, 1 Liter Speiseöl.

Doch der Slogan «Kluger Rat – Notvorrat» geriet in Vergessenheit, spätestens nach dem Ende des Kalten Kriegs. 2014 erntete der damalige Armeechef André Blattmann Hohn und Spott. Er hatte gesagt, er habe zu Hause zwischen­ 30 und 40 Sechserpackungen Mineralwasser verstaut.

Da war Panissidi schon weiter. Er begann im Jahr 2000 mit Reis und Zucker. Kurz nachdem er und seine Frau das Haus in Reinach bezogen hatten. Richtig losgegangen sei es mit der Finanzkrise 2008. In der Küche der Panissidis steht eine Mühle, im Keller ist auch Getreide gelagert. «Wir können unser eigenes Brot backen.» Rasch habe er aber gemerkt, dass Esswaren alleine wenig nützen im Notstand. «Ich will auch autark sein, was die Energie betrifft.» 2019 weihten die Panissidis ihre Fotovoltaikanlage auf dem Dach ein.

Bei Töffunfall das rechte Bein verloren

Für Wasser ist auch gesorgt. Panissidi geht auf den Garagenvorplatz, hebt einen Dolen­deckel hoch. Darunter: eine Zisterne, die Dachwasser sammelt. Mit einem Osmosefilter wird daraus Trinkwasser. Schon beim Bau des Hauses war die Zisterne eingeplant gewesen. «Ich mache mir halt immer Gedanken», sagt Panissidi und lächelt. «Ich kann nicht anders.»

Gut möglich, dass ein Schicksalsschlag Panissidi dazu brachte, für alle Fälle vorzubeugen. Als er 28 Jahre alt ist, verliert er bei einem Töffunfall ein Bein. Panissidi kann bei der Polizei bleiben, wechselt vom Streifenwagen in den Innendienst. Über zwei Jahrzehnte arbeitet der gebürtige Basler am Spiegelhof in der Einsatzzentrale. 2013 bereitet ihm der Beinstumpf zunehmend Probleme. Die Suva pocht auf Frühpensionierung. «Ich kann nicht mehr weite Strecken zu Fuss gehen», sagt Panissidi. «Das spielt sicher auch eine Rolle, warum ich gerne vorbereitet bin. Ich kann nicht einfach meine Zelte abbrechen. Für mich gilt: My home is my castle!»

Unternehmen haben die Furcht vor der Versorgungslücke als Geschäftsmodell entdeckt. Etwa die Sichersatt AG aus Wald, Kanton Zürich. Sie liefert Notrationen in Paketform nach Hause. Die Variante «Classic» zum Beispiel, 320 Franken, 51931 Kilokalorien, die reichen für 32 Tage. Inhalt: Vollmilchpulver, rote Linsen, Risotto, Zucker und Braune Sauce, vegan.

Mitinhaber Stefan Schätti schreibt der «Schweiz am Wochenende», die Bestellungen hätten sich verzehnfacht seit den ersten Covid-19-Fällen in Italien. Man komme kaum noch nach mit Liefern. «So etwas haben wir in unserer 10-jährigen Firmengeschichte noch nicht annähernd erlebt.»

Bund hortet ebenfalls Lebensnotwendiges

Ganz auf sich alleine gestellt wäre die Bevölkerung in einer Notlage nicht. Auch der Bund kennt die Vorratsmaxime. Er lässt etwa Zucker, Reis, Speiseöle und Getreide horten. Reis etwa muss für vier Monate vorrätig sein: 15'400 Tonnen.

Panissidi sagt, er vertraue den Behörden schon, gerade als ehemaliger Polizist, und seine Frau arbeite noch immer beim Kanton Basel-Stadt. «Aber mein Beruf hat mir auch gezeigt, dass der Mensch in Notsituationen zum Tier werden kann – zum schlimmsten Tier.» Er stellt sich auf den Standpunkt: Alle, die können, sollten vorsorgen. Dann hätte der Staat genügend Ressourcen, sich um alle anderen zu kümmern. Angst davor, dass ihm im Katastrophenfall hungernde Zeitgenossen, die nicht vorgesorgt haben, die Vorräte rauben könnten, habe er nicht, sagt Panissidi. «Ich war Polizist. Glauben sie mir, ich habe mir dazu Gedanken gemacht.»

Dann folgt ein Satz, den man von jemandem, der nichts dem Zufall überlässt, kaum erwartet hätte: «Als gläubiger Christ vertraue ich Gott. Er schaut schon, dass es gut kommt.»