Langmattstrasse

Das müssen Sie wissen für die kommende Baselbieter Abstimmung

Barrieren, Tramunterführung, mehr oder weniger Autos? Darum geht es am 24. November bei der Abstimmung über die Langmattstrasse. Wir beantworten zwölf Fragen für Sie.

Michel Ecklin
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Die Verlängerung der Langmattstrasse, heute eine Sackgasse, soll Verkehrsprobleme im Leimental lösen.

Die Verlängerung der Langmattstrasse, heute eine Sackgasse, soll Verkehrsprobleme im Leimental lösen.

Nicole Nars-Zimmer

1. Wo soll warum eine Strasse gebaut werden?

In den 1980er-Jahren baute Oberwil ein Stück der Langmattstrasse. Sie führt unter der Tramlinie 10 durch, endet aber für Autos in einer Sackgasse. Jetzt will der Kanton den Abschnitt um 260 Meter bis zur Therwilerstrasse verlängern. Damit würde eine neue Querverbindung zwischen den beiden Längsstrassen im Leimental entstehen, der Therwilerstrasse im Osten und der Mühlemattstrasse im Westen.

2. Gibt es im Leimental nicht bereits Querverbindungen?

Doch, sogar einige. Aber nur eine quert das Tram unterirdisch: die Ringstrasse in Therwil. Das ist eine bewohnte Quartierstrasse, in der Tempo 30 gilt. Alle anderen Tramübergänge sind ebenerdig.

3. Wieso ist das ein Problem?

Wer derzeit mit einem Auto die Talseite wechseln will, muss notgedrungen durch einen der Ortskerne fahren. Und dort staut sich vor den Barrieren an den Tramübergängen der Verkehr täglich, insbesondere in Oberwil und Therwil. Mit der Verlängerung der Langmattstrasse entstünde eine zusätzliche kreuzungsfreie Querung des Leimentals für den motorisierten Individualverkehr.

4. Also würde die verlängerte Langmattstrasse zu weniger Stau in den beiden Ortskernen führen?

Das ist einer der wichtigsten umstrittenen Punkte der Vorlage. Die Befürworter erhoffen sich eine Entlastung der Ortskerne. Zudem soll das Gewerbegebiet Mühlematt besser mit dem Auto erreichbar sein. Dort haben sowohl Therwil als auch Oberwil gezielt Arbeitsplätze und Läden angesiedelt.

5. Ist die Auswirkung der neuen Strasse bereits theoretisch berechnet worden?

Ja. Eine Studie und ein Vorprojekt, die im Auftrag der Regierung erstellt wurden, kamen zum Schluss, dass nur die Therwiler Ringstrasse wesentlich entlastet wird, die beiden Ortskerne dafür kaum. Einige bewohnte Strassenabschnitte würden sogar mehr belastet als heute. Die Gegner sehen deshalb im ganzen Projekt zu wenig Nutzen für das investierte Geld. Allerdings bestreitet das Ja-Komitee die Ist-Zahlen, die zu den Prognosen in der Studie geführt haben.

6. Warum stimmen wir über die Vorlage ab?

Ein Komitee, bestehend hauptsächlich aus Leimentaler Politikern, hat das Referendum ergriffen. Neben dem fehlenden Nutzen befürchten sie, die Staus in den Ortskernen könnten durch die neue Strasse nicht ab-, sondern sogar noch zunehmen. Denn die neue Strasse werde zusätzlichen Verkehr anziehen.

7. Die neue Strasse soll durch derzeit unbebautes Ackerland führen. Wie schützenswert ist die Grünfläche?

Auch das ist umstritten. Für die Gegner handelt es sich um einen wertvolle Erholungsraum zwischen Oberwil und Therwil. Diesen müsse man bewahren, nicht zuletzt wegen der Schule und dem Altersheim in der Nähe. Zudem führe eine viel befahrene kantonale Veloroute durch das Gebiet. Je nach Ausbaustandard der Strasse müssten die Velofahrer die neue Strasse ebenerdig queren. Die Befürworter hingegen erinnern daran, dass entlang des neuen Strassenabschnitts sowieso der Werkhof einer Gärtnerei vorgesehen ist, es sich also planerisch gesehen nicht um Grünraum handelt.

8. Wer ist für die Vorlage, wer ist dagegen?

Dafür sind SVP, FDP und CVP, die Regierung und eine Mehrheit des Landrats; dazu ACS und TCS, die Baselbieter Wirtschaftskammer und die Handelskammer beider Basel. Dagegen sind SP, Grüne, EVP, BDP, GLP, die Oberwiler FDP, die regionalen Sektionen von VCS, Pro Velo, Fussverkehr, WWF, Pro Natura und des Natur- und Vogelschutzvereins.

9. Wird bei einem Ja die Strasse gebaut?

Das ist wahrscheinlich. Formal stimmt das Baselbieter Stimmvolk aber nur über den Eintrag der Strassenverlängerung in den kantonalen Richtplan ab.

10. Gibt es denn schon ein konkretes Bauprojekt?

Sogar zwei: Eines für 13 Millionen Franken, das unter anderem eine Velounterführung beinhaltet; und ein schnörkelloses für 4,7 Millionen. Der Ausbaustandard wird erst bekannt sein, wenn der Landrat eine Vorlage beschliesst. Diese wird dem Referendum unterstehen.

11. Was meinen die Oberwiler zur verlängerten Strasse?

In den vergangenen 35 Jahren hat die Oberwiler Gemeindeversammlung die Verlängerung fünf Mal abgelehnt. Deshalb vertritt der Oberwiler Gemeinderat ein Nein. Das Ja-Komitee ist hingegen der Meinung, die schlecht besuchten Gemeindeversammlungen würden nicht die Mehrheit der Oberwiler Bevölkerung repräsentieren.

12. Was passiert, wenn am 24. November Oberwil Nein sagt, aber auf kantonaler Ebene überstimmt wird?

Dann kann die Strasse trotzdem gebaut werden.

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Was spricht für und was gegen die Langmattstrasse?

Lotti Stokar und Hans-Jürgen Ringgenberg sagen ihre Meinung im Pro und Contra.

 Hans-Jürgen Ringgenberg, SVP.

Hans-Jürgen Ringgenberg, SVP.

Pro:

«Die Strasse wäre keinesfalls nutzlos, wie behauptet wird. Sie würde die Ortszentren entlasten.»

Wer die Verkehrssituation in diesem Teil des Leimentals kennt, weiss, dass die Möglichkeit einer zusätzlichen Talquerung offen gehalten und der räumliche Korridor für diese Strasse freigehalten werden muss. Dazu braucht es aber unbedingt ein Ja zur Anpassung des kantonalen Richtplans.

Auch wenn heute der Ausbau des öffentlichen Verkehrs mehr im Vordergrund steht, so wird sich an der Bedeutung der Strasse als Verkehrsträger kaum etwas ändern. Denn auch E-Autos und BLT-Busse benötigen die Strasse. Projekte, die bereits in Planung sind, müssen deshalb rasch zur Baureife gebracht werden. Vor allem dann, wenn sie zur Entflechtung des Strassenverkehrs und des öffentlichen Verkehrs führen, wie dies bei der Langmattstrasse der Fall ist. Es ist deshalb unverständlich, weshalb sich ein Referendumskomitee gegen diese Anpassung des Richtplans mit nicht stichhaltigen Argumenten zur Wehr setzt. Die Strasse wäre keinesfalls nutzlos, wie behauptet wird. Sie würde die Zentren von Oberwil und Therwil entlasten und den täglichen Stau an den Barrieren entschärfen.

Zudem würde sie, und das ist der wichtigste Punkt, zu einem schnelleren Verkehrsabfluss aus dem Oberwiler Gewerbegebiet führen. Heute wird der Verkehr entweder durch das verstopfte Oberwiler Ortszentrum, oder, was mich besonders ärgert, über das Therwiler Wohnquartier an der Ringstrasse geführt. Auch die Zu- und Wegfahrt zum BLT-Parkhaus und -Busdepot, die beide auf Oberwiler Boden stehen, führt über das Gebiet von Therwil. Verkehrspolitik à la Oberwil! Ganz nach dem Motto: Lieber die nötige Strasse verhindern und den Verkehr der Nachbargemeinde aufhalsen. Auch das Argument, die Baukosten seien eine Verschleuderung von Steuergeldern, ist falsch. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die bereits investierten neun Millionen Franken für den bereits erstellten Teil samt Unterführung würden bei einer Ablehnung verantwortungslos in den Sand gesetzt. Aus der Luft gegriffen ist auch die Behauptung, es komme zu mehr Staus an der Therwilerstrasse in Bottmingen.

Mein Fazit: Wenn die Gegner des Individualverkehrs eine Strasse nicht wollen, sind ihrer Fantasie, um dagegen Sturm zu laufen, keine Grenzen gesetzt. Ich bitte deshalb das Stimmvolk, sich nicht beirren zu lassen und der Vorlage mit einem überzeugten Ja zuzustimmen.

Hans-Jürgen Ringgenberg, ehemaliger SVP-Landrat aus Therwil.

 Lotti Stokar, Grüne.

Lotti Stokar, Grüne.

Michael Nittnaus

Contra:

«Das Leimental braucht keinen Schnellschuss über die Köpfe der Gemeinde Oberwil hinweg.»

Die Langmattstrasse wurde vor knapp 40 Jahren von der Gemeinde Oberwil gebaut. Bereits 1984 lehnte es die Gemeindeversammlung Oberwil ab, das jetzt zur Diskussion stehende Stück zu bauen. Dieses würde die Wilmatt durchqueren, den weitgehend grünen und einzigen Siedlungstrenngürtel zwischen Oberwil und Therwil. Die Gemeindeversammlung Oberwil beschloss im Jahr 2012, die Wilmatt als Grüngürtel (Gärtnereizone) zu erhalten. Eine Überbauung ist weder möglich noch geplant.

Die bestehende Langmatt-strasse blieb immer eine Gemeindestrasse. Wenn nun gesagt wird, es handle sich aktuell um einen «Lückenschluss», ist das falsch: die Gemeinde hat mehrfach beschlossen, die Langmattstrasse nicht zu verlängern. Es gibt also keine Lücke bei den Gemeindestrassen. Wenn heute in der dicht bebauten Agglomeration Landwirtschafts- und Naherholungsflächen für eine Strasse geopfert werden sollen, muss es dafür starke Gründe geben. Alle vom Kanton in Auftrag gegebenen Studien kommen aber zum Schluss, dass die Zentren von Oberwil und Therwil nicht spürbar entlastet würden. Nur die Ringstrasse in Therwil würde entlastet, und es gäbe dann zwei Talquerungen im Abstand von nur 400 Metern.

Der Preis dafür ist entschieden zu hoch: Das beliebte Naherholungsgebiet würde brutal durchtrennt, die kindersichere Veloroute unterbrochen, ein dicht bebautes Quartier und eine Schule zusätzlichem Verkehr ausgesetzt. Auch das Gewerbegebiet Mühlematt würde durch die Langmattstrasse nicht entlastet. Und beide Gemeinden haben klug entschieden, hier keine weiteren Grossverteiler zuzulassen. Überhaupt rechnet der Kanton nicht mit einer Verschlechterung der Verkehrslage, auch nicht bei den Trambarrieren. Diese sind zwar ein gewisses Hindernis, werden sich aber zu Stosszeiten künftig nicht häufiger senken, weil es bereits heute einen dichten Tramfahrplan hat und keine weitere Verdichtung vorgesehen ist.

Eine weitere Querung – auch wenn mit Unterführung – bringt also nichts. Das Leimental braucht ein gesamtheitliches Verkehrskonzept und keinen Schnellschuss über die Köpfe der Gemeinde Oberwil hinweg. Bereits der Eintrag in den Richtplan würde teure Planungskosten auslösen. Diese können wir uns sparen.

Lotti Stokar ist Landrätin der Grünen. Sie war von 2008 bis 2016 Gemeindepräsidentin von Oberwil.