Coronavirus

Das sind die Corona-Pläne des Baselbiets: Experten waren und sind nicht einer Meinung mit den Behörden

Seit Ende Mai ist es ruhig geworden um den Kantonalen Krisenstab im Baselbiet. Denn gleichzeitig mit dem Ende des Pandemieplans wurde er deaktiviert. Das Gremium aus 107 Experten ist aber weiterhin aktiv und verfasst regelmässig Lageberichte. Die bz hat Einblick erhalten.

Michel Ecklin
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Altersheime könnten die neuen Gefahrenherde werden.

Altersheime könnten die neuen Gefahrenherde werden.

Patrick Hürlimann

Seit Ende Mai ist es ruhig geworden um den Kantonalen Krisenstab im Baselbiet. Denn gleichzeitig mit dem Ende des Pandemieplans wurde er deaktiviert. Doch in Sachen Corona ist er weiterhin aktiv. Das Gremium, das aus 107 Experten besteht, verfasst regelmässig Lageentwicklungsberichte, in welche die bz jetzt Einblick erhalten hat.

Die Dokumente lassen erahnen, in welche Richtung sich die Coronakrise in den kommenden Monaten entwickeln könnte. Im letzten von der bz einsehbaren Bericht vom 29. Juni sehen die Expertinnen und Experten ein Problem darin, dass das Contact Tracing nicht mehr funktionieren wird, sobald die zweite Welle grösser wird.

Denn dass eine zweite Welle kommt, steht für sie fest. Der aktuelle leichte Anstieg der Fallzahlen ist für sie ein erstes Zeichen dafür. Bis im Herbst sehen sie noch einen leichten Anstieg der Erkrankungen, unter anderem wegen schlechter Einhaltung der Schutzmassnahmen. «Ab dem September rechnen wir mit einer signifikanten Steigerung aller relevanten Fallzahlen», heisst es wörtlich. «Es ist davon auszugehen, dass auch in der Schweiz Infektionsherde ausbrechen.»

«Massenvorfall» wäre ein Corona-GAU

Als wahrscheinlich erachtet werden namentlich Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen. Eine grosse Gefahr sehen die Expertinnen und Experten zudem darin, dass im öffentlichen Verkehr das Contact Tracing bald nicht mehr funktionieren könnte. Als Beispiel nennen sie einen positiv Getesteten, der «zuvor mehr als 15 Minuten in einem gutbesetzten Zug oder schreiend an einer Demonstration verbracht» hat. Da sei es nicht möglich, seine Kontakte zu tracken. Ein «schwieriges Szenario» wäre ein «Massenvorfall», bei dem auf einen Schlag mehrere hundert Personen in Quarantäne gehen müssten. «Dieses Szenario bringt uns sowohl mit den Test-, aber auch mit den Kommunikationsressourcen sofort und massiv ans Limit.»

Hier brauche es einen Plan, wie «über die Kapazitäten des Krisenstabs hinaus» sehr schnell geholfen werden könnte. Denn dann brauche es «sofort unglaublich viele Spezialisten».Der Krisenstab malt aber nicht nur schwarz, sondern präsentiert auch Handlungsansätze, um die zweite Welle besser zu überstehen. So empfiehlt er Altersheimen, das ganze Personal regelmässig zu testen. Überhaupt müsse sich jeder, der es wolle, gratis untersuchen lassen können, wie in Singapur oder Hongkong. Ins Spiel gebracht wird ein flächendeckendes Abklären wie in Wuhan. Das sei «in letzter Konsequenz immer noch günstiger, als eine ganze Wirtschaft lahmzulegen».

Als «mit Abstand günstigste Methode, um schnell ein Lagebild zu erhalten», werfen die Expertinnen und Experten eine neue Idee auf: «Abwassermonitoring», mit dessen Erkenntnissen man möglichst rasch Eindämmungsmassnahmen treffen könne. Den Schulen wird nahegelegt, den Unterricht weiter zu digitalisieren.

Basel-Stadt verweigert Einblick in Dokumente

Es ist nicht anzunehmen, dass die Baselbieter Regierung diese Massnahmen eins zu eins umsetzen wird. Denn ein Blick auf vergangene Berichte zeigt: Die Empfehlungen des Krisenstabs deckten sich nicht immer mit dem, was die Behörden beschlossen. So sah er noch Mitte Juni einen Hauptgrund für eine befürchtete zweite Welle in der (damals) fehlenden Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr.

Die Lageentwicklungsberichte, die der Krisenstab der bz zur Verfügung stellt, enthalten einige schwarze Stellen. Eine davon beschreibt ein zweites «schwieriges Szenario». In Basel-Stadt hingegen gewährt die Regierung gar nicht erst Einblick in die Berichte des Krisenstabs. Die Begründung: Es handle sich um «offene, nicht abgeschlossene Arbeitsdokumente». Sie würden «in der gegenwärtigen Form der Öffentlichkeit keine fixen Antworten zu Problemstellungen vermitteln, sondern eher zu Spekulationen verleiten».