Windkraft-Debatte

Der Wind dreht bei der Regierung bald zugunsten der EBL-Projekte

Die Regierung beschliesst den Richtplan zu Windkraft-Standorten Mitte März. Dann ist ist der Landrat am Zug. Anschliessend liege der Ball bei den Gemeinden, ihre Ortspläne zu ändern. Zur Diskussion stehen 14 mögliche Standorte.

Daniel Haller
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Mit dieser Miene könnte Martin Kolb jedes Casting für eine Passionsspiel-Hauptrolle gewinnen. Als Susanne Brêchet über den Stress der Zugvögel referiert, wenn sie einer Windkraftanlage ausweichen, verdreht der Kantonsplaner leidend die Augen. Die Präsidentin des Natur- und Vogelschutzverbands Baselland räumt zwar ein, es gebe keine fundierten Untersuchungen. Doch kann sie es nicht lassen, von «Hackfleisch» zu reden, wenn ein Vogel mit einem Rotorflügel kollidiert. «Hackfleisch können wir uns nicht leisten, wenn wie am Mont Crosin 50 000 Personen pro Jahr das Kraftwerk besuchen», entgegnet Reto Rigassi, Geschäftsführer des Verbands Suisse Eole. Die Windkraft-Branche arbeite mit der Vogelwarte Sempach und dem Schweizer Fledermausschutz zusammen. Rigassis Zahlen: «Es sterben tausendmal mehr Vögel an Glasfassaden als in Windkraftrotoren.»

Graue Haare dominieren den vollen Zeglinger «Rössli»-Saal. Vor allem die Generation Kaiseraugst hat den Weg ans kontroverse Forum «Windenergie im Oberbaselbiet?!» des Vereins Erlebnisraum Tafeljura gefunden. Gemeindepräsident Fredi Rickenbacher sagte bei der Begrüssung, Zeglingen sei mit zwölfeinhalb Quadratmetern Solarpanel pro Kopf Sonnenstrom-Schweizermeister. Einzig ein Walliser Wanderprediger gegen die Energiewende wettert, diese ruiniere die Schweizer Industrie und erneuerbare Energie sei reine Subventionsjägerei. Sonst ist man sich einig, dass es darum geht, wie es Urs Steiner formuliert, «für die kommenden Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen.» Der EBL-Geschäftsleiter folgert: «Dafür wollen wir auch in der Region mit Alternativenergie vorwärts machen. Deshalb brauchen wir Rechtssicherheit und verlässliche Rahmenbedingungen.»

Auch der Landrat wollte dies, als er 2008 auf den Antrag von Hannes Schweizer (SP) der Regierung den Auftrag erteilte, «auf den Jurahöhen gezielt Gebiete für die Windkraftnutzung auszuscheiden». Dabei solle man den Windverhältnissen «vorrangige oder zumindest gleichwertige Priorität wie den Schutzzonen» einräumen. Schweizer wollte, dass dies «in Absprache mit den Landschaftsschutz-Organisationen» geschieht. Doch nun klagen Brêchet und Matthias Rapp, Experte der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, der Kanton habe sie erst 2011 kontaktiert und erst im letzten Jahr sei es zur Diskussion darüber gekommen, wie Landschaft zu bewerten sei. Nun habe der Kanton – hier auf dem Podium durch Kolb vertreten – diese unvermittelt abgebrochen. Begründung: Man wolle nun vorwärts machen.

«Es ging so lange, weil wir das Gespräch mit den Verbänden suchten», meint Kolb und erläutert die helvetisch-baselbieter-föderalistische Planungsträgheit: Zuerst lege der Kanton im Richtplan fest, welche Gebiete sich für Windkraftparks mit fünf bis sechs Anlagen eignen. Dafür seien viele Abklärungen erforderlich gewesen. Dass dem Vorgänger der aktuellen Baudirektorin Sabine Pegoraro, Jörg Krähenbühl, die Schnellstrasse H 2 wohl näher am Herzen lag als zukünftige Windräder auf den Jura-Kreten, erwähnt er nicht. Aber nun werde die Regierung Mitte März und der Landrat gegen Ende Jahr über den Richtplan entscheiden. Anschliessend liege der Ball bei den Gemeinden, ihre Ortspläne zu ändern. Erst dann sei ein Baugesuch möglich. Mit dem Laserpointer fährt er über die projizierte Karte: Wo in der Höhe der Wind am stärksten weht, liegen die vom Bund definierten Landschaften von nationaler Bedeutung, die BLN-Gebiete. «Unser Auftrag des Landrats lautet: keine Tabugebiete!»

«Landschaft ist Heimat», betonte dagegen Rapp. «Landschaft ist bedroht durch Zersiedelung, touristische Anlagen, Strassen, Eisenbahnlinien, Staumauern. Nun kommt Windkraft als neue Gefahr hinzu.» Zutiefst widerstrebt es ihm, einen zäh erkämpften Schutzstatus preiszugeben, selbst wenn es für den Einstieg in ein neues Energiezeitalter ist. «Stolz singen wir doch im Baselbieter Lied von unserer Landschaft.»

«Niemand will das schöne Ländli mit Windanlagen kaputt machen», stellt Kolb richtig. Rapp meint seinerseits, der Kanton habe mit seinem lauten Nachdenken über 14 mögliche Standorte und der theoretischen Berechnung, so liesse sich ein Viertel des Baselbieter Strombedarfs decken, Ängste ausgelöst. «Geht es jedoch um die Standorte, welche die EBL ins Auge fasst, dann ist das etwas anderes». Darüber zeigte sich Steiner sehr erleichtert. «Wir wollen nur im Einverständnis mit den Gemeinden und Verbänden einen ersten Windpark bauen. Ein BLN-Gebiet wollen wir vorerst nicht antasten. Das geht wegen der Widerstände nicht.»

«Titterten beschloss schon vor Jahren an der Gemeindeversammlung einstimmig ein eigenes Windkraftprojekt», berichtet der im Publikum sitzende Hannes Schweizer. Und von ganz hinten kommt der Vorschlag, auf der Schafmatt trotz des BLN-Status einen Windpark zu bauen: «Da muss kein Wald weg, eine Strasse ist schon da, und man könnte als Kompensation die vorhandene Hochspannungsleitung in den Boden verlegen.» Zwar gibt es für kritische Voten Brêchets und Rapps vereinzelt Applaus. Aber es bleibt der Eindruck: Im Oberbaselbiet wird der Widerstand gegen Windparks nicht von den Gemeinden kommen. Doch wie reagiert Rapp auf Steiners Erleichterung? «Freu dich nicht zu früh!»