Kilchberg
«Die vielen Begegnungen sind unvergesslich»

Weshalb im raum22 in Kilchberg trotz grosser Nachfrage zum letzten Mal ausgestellt wird.

Simon Tschopp
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Tabitha Schuler und Heinz Schweingruber in ihrem Kulturraum.

Tabitha Schuler und Heinz Schweingruber in ihrem Kulturraum.

Kenneth Nars

«Wir sind nicht Galeristen, aber wir üben diese Funktion aus.» Dies sagt Heinz Schweingruber, mit seiner Partnerin Tabitha Schuler zusammen Besitzer und Betreiber des raum22 in Kilchberg. Dieser ist für die beiden trotz regelmässiger Ausstellungen mit Bildern und Skulpturen keine Galerie, sondern Begegnungsort. Hier könne man Kunst, Künstlern und Leuten begegnen. Tabitha Schuler ergänzt: «Es ist ein Kulturort für regionale Künstler, wo auch Lesungen und Sonntagsmatineen stattfinden.» Diese zogen viele Leute an, die sonst den raum22 nicht besucht hätten.

Nach 16 Jahren ist nun Mitte September Schluss. Schuler und Schweingruber möchten ihr Leben ruhiger gestalten. «Wir, Freunde, Künstler und Publikum sind älter geworden. Wir wollen den Aufwand und die Verpflichtungen nicht weiter auf uns nehmen. Verantwortung und Präsenzzeit sind enorm», erklärt der 71-jährige Schweingruber. Ihr Raum sei immer begehrter geworden, und sie hätten Künstlern absagen müssen. Mit dem raum22 verschwindet eine bedeutende Oberbaselbieter Kulturinstitution. «Jetzt können wir noch selber entscheiden, diesen Schlusspunkt zu setzen», meint Tabitha Schuler.

Nicht immer ganz einfach

Das Paar organisierte jeweils im Mai und September zweiwöchige Ausstellungen – insgesamt 30 seit den Anfängen. 43 Kunstschaffende präsentierten sich und ihre Werke in Kilchberg. Bis auf wenige Ausnahmen war die Zusammenarbeit mit den Ausstellenden unkompliziert. «Bei Gruppen-Ausstellungen gab es Situationen, die nicht ganz einfach waren», merkt Schweingruber an.

Dieser kümmerte sich um die administrativen und organisatorischen Belange und hängte die Bilder. Schuler trat als Gastgeberin in Erscheinung und liess ihre Beziehungen spielen. Sie sang im raum22, der eine gute Akustik aufweist, auch schon selber.

Tabitha Schuler und Heinz Schweingruber erlebten viele anregende Begegnungen mit Künstlern und Besuchern. Daraus sind persönliche Beziehungen entstanden, die sie weiterpflegen. Unter anderem mit Uli Wirz aus Brig, der seine Werke zweimal in Kilchberg gezeigt hat. Diesen Kontakt knüpften die Baselbieter einst in ihren Ferien im Wallis.

«Für mich war der raum22 ein Gewinn. Wir haben Kilchberg jedes Jahr zweimal in die Öffentlichkeit hinausgetragen», glaubt Schweingruber. Und Tabitha Schuler meint: «Die vielen Begegnungen sind unvergesslich. Diesen Treffpunkt werden wir vermissen.» Das langjährige Engagement hat sich für das Paar auch finanziell gelohnt, was allerdings nicht in barem Geld Ausdruck findet. Denn mit den Einkünften aus Ausstellungen kauften die raum22-Betreiber Künstlern Werke ab, die nun ihre Wohnung verschönern.

Aus Scheune wurde Kulturort

1996 hat das Paar ein grosses, altes Bauernhaus an der Hauptstrasse in Kilchberg erworben. Nach dem Umbau zogen die beiden zwei Jahre später ein. Aus dem früheren Ökonomiegebäude entstand der raum22, «damit wir nicht alleine hier oben hocken, damit etwas passiert», sagt Heinz Schweingruber. Der kunstinteressierte, selbstständige Treuhänder und Tabitha Schuler als Sängerin und Gesangslehrerin brachten die nötige Kompetenz mit, um Ausstellungen, Konzerte und Lesungen zu veranstalten.

Schweingruber fertigt Holzschnitte an und spielt Trompete. «Das war ein wichtiger Ausgleich zu meinem Beruf.» Bis 1993 leitete er den Bereich Kommerz in einer regionalen Bank. Mit «La dolce vita» schliesst Künstlerin Brigitta Glatt den Kreis der Ausstellungen im raum22. Die Liestalerin konnte im Jahr 2000 zusammen mit Kitty Schaertlin aus Sissach für die Eröffnung des Kilchberger Kulturraums gewonnen werden. Zu dessen zehnjährigem Bestehen kam Glatt wiederum zum Zug. «Dieses Jubiläum mit Ausstellung und Matinee war einer der vielen Höhepunkte», sagen rückblickend Tabitha Schuler und Heinz Schweingruber unisono.

Das Paar hat kein neues Projekt in petto, «vielleicht ergibt sich später wieder mal etwas, aber in anderer Form», meint Schuler. Und Schweingruber fügt an: «Wir sind offen für alles.»

Ausstellung «La dolce vita», neue
Arbeiten auf Papier von Brigitta Glatt aus Liestal; bis 18. September, raum22 in Kilchberg. Am 11. September findet eine Sonntagsmatinee statt (11.30 Uhr).

www.brigittaglatt.ch

www.raum22.ch