Sprengung in Breitenbach

Hochkamin wird innert zehn Sekunden dem Erdboden gleichgemacht

Einer der beiden Hochkamine auf dem ehemaligen Areal der von Roll AG in Breitenbach wurde gesprengt. Viele Schaulustige sahen sich an, wie der 56 Meter hohe Kamin zu Boden stürzte. Auf dem Industriegelände sollen unter anderem Wohnungen entstehen.

Julia Gohl
Drucken
Teilen

Nach knapp zehn Sekunden war der Spuk vorbei. Und darauf warteten manche Schaulustige rund eine Stunde. Aber die Sprengung eines 265-Tonnen-Kolosses sieht man eben nicht alle Tage, da lohnt sich das Warten für einen Platz in der vordersten Reihe, wenns knallt.

Und geknallt hat es deftig, sodass so mancher Zuschauer trotz Vorwarnung durch Hornstösse zusammenzuckte, als der Sprengstoff am Hochkamin «K 15» auf dem ehemaligen Areal der Von Roll AG Schweiz gezündet wurde.

Auf dem nördlichen Teil des Von-Roll-Areals möchte die Lüssel-Immobilien AG Wohnungen und Gewerberäume erstellen. Deshalb müssen die Hochkamine weichen.
18 Bilder
Hier waren sie aber noch heil. Der mittlerweile gesprengte "K15" ist rechts im Bild.
Weil er zu nahe an der Lüssel und an einem Gebäude steht, das erhalten bleiben soll, wird der zweite Turm nicht gesprengt, sondern Stück für Stück abgetragen. Dazu wird er von innen aufgeschnitten.
Als Vorbereitung für die Sprengung des "K15" wurde auf dessen südlicher Seite eine Kerbe geschlagen, in der ein Stahlkippgelenk angebracht wurde, um sicherzugehen, dass der Kamin Richtung Norden stürzt. Die gelben Punkte markieren die Bohrlöcher, in denen später Sprengstoff platziert wurde.
Um Erschütterungen einzudämmen, wurde ein Fallbett aus Inerstoffen vorbereitet, auf das der Kamin schliesslich stürzte.
Viele Schaulustige fanden sich schon früh ein, um bei der Sprengung einen Platz in der vordersten Reihe zu haben.
Hier sind Sprengstoff und Kippgelenk angebracht.
Um die Staubentwicklung einzudämmen spritzte die Feuerwehr vor der Sprengung Wasser in die Luft.
Erst kurz vor der Zündung sperrten die Feuerwehrmänner und weiteren Sicherheitsleute einen Radius von 80 Metern um die Schornsteinbasis ab.
Ein heftiger Knall, eine Staubwolke, dann beginnt der Kamin zu kippen.
Der "K15" bricht dabei wie angekündigt nicht auseinander.
Die Sprengung verläuft nach Plan.
Und nach nur zehn Sekunden ...
... ist der Spuk ...
... vorbei.
Die Arbeiter begutachten den gefallenen Schornstein.
Und dafür musste der Turm Platz machen: das Projekt "Isola Nord".
Es soll das ehemalige Industrieareal wieder öffentlich zugänglich machen. Die Gebäude sollen dabei nach Möglichkeit erhalten bleiben und unter anderem als Wohnungen weitergenutzt werden.

Auf dem nördlichen Teil des Von-Roll-Areals möchte die Lüssel-Immobilien AG Wohnungen und Gewerberäume erstellen. Deshalb müssen die Hochkamine weichen.

zVg Lüssel-Immobilien AG

Die Vorbereitungen für diesen Moment begannen vor gut eineinhalb Wochen. Zuerst wurde auf seiner südlichen Seite eine Kerbe in den Kamin geschlagen. In dieser wurden Kippgelenke aus Stahl angebracht, die sicherstellen sollten, dass der Kamin in Richtung Norden kippt.

Dort wurde aus Inertstoff ein Fallbett vorbereitet, das den Untergrund schützen und Bodenunruhen reduzieren sollte. In die linke und die rechte Seite des Turms wurden zudem je 19 Löcher gebohrt, in welchen jeweils 40 Gramm Sprengstoff des Typs Poladyn platziert wurden. Insgesamt wurden also 1,52 Kilogramm Sprengstoff für die Sprengung eingesetzt.

Mit Wasser gegen Staubwolke

Um die Staubentwicklung einzudämmen, sprühte die Feuerwehr kurz vor der Sprengung Wasser und reinigte, nachdem der Turm gefallen war, die Luft ebenfalls mithilfe von Wasser. Der Staub sei allerdings harmlos, wie Felix Hofer von der Java Rückbau und Recycling AG im Vorfeld versicherte. Der Kamin sei früher nicht benutzt worden, um bedenkliche Stoffe abzuführen. Der ganze bisherige und bevorstehende Rückbau werde durch Altlastenexperten begleitet.

Die Verantwortlichen versicherten nach der Sprengung, dass alles nach Plan verlaufen sei und keine Meldungen von Kollateralschäden eingegangen seien. Im Vorfeld seien Erschütterungsprognosen durchgeführt worden und auch während der Sprengung wurden die Erschütterungen gemessen.

Der 56 Meter hohe «K15» ist nicht der einzige Hochkamin auf dem Areal. Der zweite kann allerdings nicht gesprengt werden. Dafür gibt es zwei Gründe: Er steht zu nahe an einem Gebäude, das erhalten bleiben und für Wohnungen umgenutzt werden soll, und grenzt auch direkt an die Lüssel.

Darum muss der zweite Hochkamin Schritt für Schritt abgetragen werden. Nächste Woche beginnen die entsprechenden Arbeiten. Von innen sollen jeweils sieben Meter hohe und 27 Tonnen schwere Stücke aus dem Kamin geschnitten und von einem Kran heruntergehoben werden.

Platz für Wohnungen schaffen

1988 übernahm die Von Roll AG die Isola-Werke in Breitenbach, die dort unter anderem Kabel herstellte. Seit Ende 2015 gehört der nördliche Teil des Geländes der Lüssel-Immobilien AG. Sie möchte auf der rund 20 000 Quadratmeter grossen Fläche das Projekt «Isola Nord» realisieren.

Das Areal soll dabei für die Bevölkerung wieder begeh- und durchquerbar werden. «Wir legen unter anderem viel Wert auf die Öffnung für den Langsamverkehr und die Gestaltung der parkartigen Aussenräume», verspricht Daniel Allemann, Inhaber der Immobilienfirma und Sohn eines einstigen Angestellten der Isola-Werke. Weiter ist die Renaturierung der Lüssel vorgesehen.

Das Areal sei von historischer Bedeutung für Breitenbach, so das Immobilienunternehmen. Deshalb sei eine umsichtige Vorgehensweise geplant. Soll heissen: Die wichtigsten bestehenden Gebäude sollen nach Möglichkeit erhalten bleiben und hauptsächlich für Wohn-, Gewerbe-, Dienstleistungs- und Kulturzwecke umgenutzt werden.

Auch Zwischennutzungen seien je nach Projektphase möglich. Geplant sind drei Bauphasen: Bis 2018 sollen 60 Wohnungen entstehen, bis 2022 50 weitere und in der dritten Phase bis 2027 nochmals 40. Die Umzonung ist allerdings noch hängig.