Sek Gelterkinden

Jugendliche dröhnen sich mit Beruhigungsmitteln zu – neuer Trend?

In Gelterkinden wurde ein Sek-Schüler nach Medikamentenmissbrauch ins Spital eingeliefert. Fachleute befürchten einen neuen Trend.

Jocelyn Daloz
Drucken
Teilen
Die neueste Mode: Jugendliche dröhnen sich mit Medikamenten zu. Xanax ist ein Beruhigungsmittel mit einem Wirkstoff aus der Gruppe der Benzodiazepine. (Archivbild)

Die neueste Mode: Jugendliche dröhnen sich mit Medikamenten zu. Xanax ist ein Beruhigungsmittel mit einem Wirkstoff aus der Gruppe der Benzodiazepine. (Archivbild)

KEYSTONE/AP/JENS MEYER

Am Dienstag bemerkte eine Jugendliche im Bahnhofsladen Gelterkinden einen stark berauschten 12-Jährigen. Gegenüber «20 Minuten» berichtete das Mädchen, der Sekundarschüler sei kaum noch fähig gewesen, sich aufrecht zu halten. Sie setzte sich mit ihm an die frische Luft und nahm ihm eine Pillendose ab; offenbar handelte es sich um Xanax, das der Junge einem Kollegen geklaut hatte.

Xanax ist ein Beruhigungsmittel mit einem Wirkstoff aus der Gruppe der Benzodiazepine. Das rezeptpflichtige Medikament wird eigentlich zur Behandlung von Angststörungen angewendet; der regelmässige Konsum macht schnell abhängig. Der Teenager musste am Abend ins Spital gebracht werden. Tagsüber waren gemäss «20 Minuten» auf dem Pausenplatz der Sekundaschule Gelterkinden Xanaxpillen im Umlauf. Ein Polizeieinsatz an der Schule am Mittwochmorgen stand jedoch nicht im Zusammenhang mit dem vorliegenden Fall, wie «20 Minuten» zuerst schrieb und später korrigierte.

Xanax ist momentan in. Viele Rapper glorifizieren den Konsum.

(Quelle: Klauspeter Stark, Leitender Arzt der Psychiatrie Baselland)

Die Sekundarschule schlägt zum zweiten Mal Wellen: Im Sommer 2017 wurde bekannt, dass mitunter ebenfalls 12-Jährige in den Konsum und Handel von Cannabis und Kokain involviert waren. Damals begegnete die Schulleitung dem Vorfall mit Fachstellen und Jugendanwaltschaft. Schulleiter Roger Leoni beteuert, dass man weiterhin in intensivem Austausch mit dem Jugenddienst stehe und bemüht sei, das Präventionsangebot stetig anzupassen. Gänzlich verhindern liesse sich das Experimentieren mit Drogen unter Jugendlichen nicht, da spielten «gesellschaftliche Aspekte» eine Rolle.

Jugendliche greifen aus Gruppendruck zu Pillen

Auch das Zentrum Abhängigkeitserkrankungen der Psychiatrie Baselland behandelt vermehrt Jugendliche und Kinder wegen dem Konsum rezeptpflichtiger Beruhigungsmitteln und illegalen Substanzen, wie der Leitende Arzt Klauspeter Stark bestätigt. Für ihn greifen Jugendliche zur Pille auch aus Gruppendruck: «Xanax ist momentan in, viele Rapper glorifizieren den Konsum.» An Partys würden Alkohol und Drogen konsumiert. So entwickle sich ein Gemeinschaftsgefühl. «Die Jugendlichen chillen gemeinsam und verschaffen sich mit den Beruhigungsmitteln eine Distanz zu ihren Alltagsproblemen und Konflikten in einem krisenhaften Lebensabschnitt, der Pubertät.»

Baselbieter Jugendanwälte und Suchtberater stellen schon länger eine steigende Tendenz unter Jugendlichen fest, vermehrt Beruhigungsmittel zu konsumieren. Die «Schweiz am Wochenende» zitierte im Dezember zwei Jugendanwälte, die von einer kommenden Drogenwelle sprachen. Die «Zeit» zeichnete das düstere Portrait einer apathischen Jugend in der Agglomeration, die masslos Pillen zu sich nimmt.

Davon ist aber noch nichts in der Polizeistatistik zu sehen, weil sie weder zwischen der Art von Betäubungsmitteln noch nach Alter der Konsumenten unterscheidet. «Es liegt in der Natur der Sache, dass die Dunkelziffer relativ hoch ist», sagt Polizeisprecher Adrian Gaugler. Die Baselbieter Schulsozialarbeit tut sich ebenfalls schwer mit einer Einschätzung, weil Daten über jugendliches Suchtverhalten weder nach Schulen noch nach Substanzart erfasst werden.