IS-Terror

Junger Baselbieter Offizier begleitet Widerstands-Kämpfer

Ein junger Laufentaler hatte im jordanisch-syrischen Grenzgebiet Einblick in die Vorbereitungen von Freischärlern im Kampf gegen den IS.

Nils Hänggi
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Ein Baselbieter bei den «Brothers of Kurdistan»
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Freiwillige der «Brothers of Kurdistan»
Freiwillige der «Brothers of Kurdistan»
Freiwillige der «Brothers of Kurdistan»
Freiwillige der «Brothers of Kurdistan»
Freiwillige der «Brothers of Kurdistan»

Ein Baselbieter bei den «Brothers of Kurdistan»

zvg/Gabriel Pfeiffer

Reise in den Krieg im jordanisch-syrischen Grenzgebiet - Zweck unklar

Ein junger Laufentaler begibt sich in grosse Gefahr. Freiwillig. Während mehrerer Monate reist er durch den Nahen und Mittleren Osten, mitten durch das vom Krieg versehrte Gebiet. Der 21-jährige Gabriel Pfeiffer aus Zwingen befindet sich momentan in Jordanien – 20 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Pfeiffer, ein Offizier der Schweizer Armee und angehender ETH-Student, erlebte den Alltag im Kriegsgebiet: Attentate, Schiessereien und vorbeidonnernde Kampfflugzeuge waren für ihn an der Tagesordnung.

Durch seine Offizierstätigkeit und sein Wissen über den Nahen und Mittleren Osten gewinnt er das Vertrauen einer Gruppe von Freischärlern, die sich auf ihren Einsatz im Kampf gegen den IS vorbereiten. «Ich konnte die Brücke zwischen den Freiwilligen und den Kurden bauen», sagt Pfeiffer.

Aufmerksam wurde die bz auf den jungen Abenteurer durch einen von ihm verfassten Reisebericht im «Wochenblatt». Darin stellte er die Mitglieder einer von ihm besuchten Truppe vor. Doch die Rolle von Pfeiffer bleibt auch nach einem Gespräch unklar. War er eine Art Militärberater? Was war seine Motivation, in ein Kriegsgebiet zu reisen? Auch ist er eine wichtige Antwort schuldig geblieben: Hat er selber gekämpft?

Herr Pfeiffer, Sie begleiteten eine Truppe bei deren Einsatzvorbereitungen im Kampf gegen den IS. Wie kam dieser Kontakt zustande?

Gabriel Pfeiffer: Das war Zufall. Ich habe in einem Flüchtlingslager Mitglieder einer Hilfsorganisation getroffen, die nur aus Kriegsveteranen besteht. Diese Organisation, «Squadbay», verfolgt zwei Ziele: Aktive Flüchtlingshilfe mit Medizin und Hilfsgütern, dann sind sie auch im Kriegsdienst tätig – sei es als Ausbildner oder an der Front. Praktisch sieht das aber so aus, dass sie eher Volunteers mit Kontakten aushelfen. Sprich: Will jemand im Irak auf der Seite der Peschmerga, also der kurdischen Paramilitärs, kämpfen, so meldet er sich bei der «Squadbay». Dann bekommt er Kontakte und Tipps. Der Freiwillige kommt in den Irak, wird am Flughafen abgeholt und bis zu seiner Einheit begleitet. Ich lernte auch Peschmerga kennen. Ein paar Tage später bekam ich dann eine Nachricht und das Treffen mit den Volunteers stand.

Keine alltägliche Sache ...

Ja. Ein Grund, dass ich dieses Vertrauen bekam, war sicher auch, dass ich selber ein junger Leutnant bin und auch mit meinem Wissen über die hiesige Kultur und die Religion den Amerikanern etwas beibringen konnte. Die Kurden kannten nur ihre Welt und die Amerikaner nur ihre. Da ich schon etwas länger im Land war und mich gut informiert hatte, konnte ich so eine Brücke zwischen den Kulturen bauen.

Die Freiwilligen, die Sie dann treffen konnten, nennen sich «Brothers of Kurdistan». Was sind das für Typen?

Erstmals muss man sagen, dass die «Brothers of Kurdistan» nicht eine geschlossene Gruppe sind: Es kommen welche hinzu, es gehen andere wieder heim. Sie kämpfen mit anderen Gruppierungen und ändern immer wieder die Formation oder den Namen. Sie heissen auch «Peschmerga Volunteers» oder «Shadow of Hope». Es ist alles recht neu. In Syrien, bei den syrischen Kurden, ist vieles schon besser organisiert. Hier ist alles noch frisch, auch weil die Frontlinie sich immer mehr Richtung Osten verschiebt und es Zeit braucht, bis gewisse Kontaktpersonen die Tür öffnen. Die Typen sind meistens erfahrene Soldaten, vorwiegend aus Amerika oder England, aber auch aus Deutschland, Australien, Kanada und weiteren Ländern. Sie kämpften bereits im Irak, sind meistens über 25 Jahre alt und führten ein normales Leben. Für gewisse ist es nicht der erste Einsatz in einer paramilitärischen Organisation.

Sind es Menschen, die einfach töten wollen?

Nein. Sie sind lustig, nett, freundlich, verteilen Süssigkeiten an Kinder. Es sind keine Rambos, die einfach töten wollen und auch keine hasserfüllten Traumakrieger. Die Männer – alles Christen – respektieren den Islam und die Muslime mehr als viele derer Landsmänner. Sie pflegen Kontakte zu Muslimen, posten Aufrufe zur Versöhnung und gegen Rassismus und Islamophobie. Sie sind nicht herzlos, aber es sind natürlich Idealisten. Und Krieg ist ihr Handwerk.

Aber man braucht doch Geld zum Leben. Werden die bezahlt? Wie finanzieren die das Ganze?

Die meisten Freiwilligen haben eine «Unterstützergruppe», die den Kampf gegen den IS unterstützt. Viele griffen aber auch tief in die eigenen Taschen, es sind ja nicht Söldner, die dafür bezahlt werden, sie kommen freiwillig. Waffen und Munition, sowie Essen und Unterkunft bekommen sie von den Peshmerga.

Wir, die wir in der heilen Welt leben, können uns das schlecht vorstellen. Wieso zieht man freiwillig in den Krieg?

Na ja, wenn man die Nachrichten verfolgt, ist die Antwort doch klar! Es gibt etwa 700 Männer, die aus Deutschland nach Syrien und in den Irak gereist sind, um sich dem IS anzuschliessen. Sie wollen Minderheiten vertreiben, Frauen vergewaltigen, öffentlich Menschen hinrichten und sich für Allah in die Luft sprengen. Das ist kein Stammeskonflikt irgendwo in der Wüste – es geht um mehr, die Ziele sind klar und die Anschläge in Paris haben gezeigt, dass das Ausmass unterschätzt wurde. Jetzt sind die Kämpfe noch im Nahen Osten. Wartet man, bis das Kalifat seine Grenzen gefestigt hat, die Fronten eingefroren sind und die Kämpfe weniger werden, werden sich Anschläge im Westen vermehren. Anschläge bei uns wären für den IS heute noch kontraproduktiv, da sich so auch die Beteiligung des Westens gegen das Kalifat intensivieren würde. Aber man darf trotz unserer Geheimdienste das Netz des IS nicht unterschätzen: Es wäre schon heute kein Problem, Terroranschläge in Europa auszuüben. Man darf nicht vergessen, dass viele der irakischen Soldaten, die 2003 gegen das Alliierte Militärbündnis kämpften, heute auf der Seite des IS stehen.

Haben sie irgendwelche Ideologien?

Es ist keine Ideologie wie bei Kreuzrittern oder Sozialisten im spanischen Bürgerkrieg. Es sind Idealisten. Nächstenliebe ist kein religiöser Akt, sondern ein Teil der Kultur. Man fühlt mit den Minderheiten mit. Man kämpft mit Waffen gegen Ungerechtigkeit. Für uns tönt das sinnlos, aber das ist es eben nicht ganz. Es geht darum, die Menschenrechte zu verteidigen, das Recht auf Leben, Religionsfreiheit und um den Schutz für Kinder.

Wie muss man sich die Einsatzvorbereitung vorstellen?

Das A und O ist die Ausrüstung. Nicht nur das Gewehr, sondern auch die Einsatzweste, Uniform, Medikamente und Verbandsmaterial, Helm, Schutzweste, Handschuhe. Gewisse Sachen nimmt man von zu Hause mit – andere muss man hier noch kaufen, anpassen und einstellen. Man trifft Leute und macht sich von der Situation ein Bild. Das Ziel ist, so schnell wie möglich in eine Kaserne zu kommen, um nochmals die ganzen Skills an der Waffe zu erneuern. Auch kämpft jede Armee ein wenig anders. Man muss sich finden. Das ist vergleichbar mit einem Grümpelturnier: Man kommt vor dem Match zusammen, um zu wissen, wie man spielt.

Die Söldnergruppe ist also eine Zweckgemeinschaft?

Ja auf jeden Fall, sie kommen aus verschiedenen Orten und haben das gleiche Ziel. Man lebt zusammen, verbringt fast 24 Stunden eng beisammen. Jeder hat seine Funktion und das Ziel ist immer vor Augen.

Ist das Ganze eigentlich legal?

Für Schweizer ist es verboten, für ein anderes Land Kriegsdienst zu leisten. In vielen anderen Ländern gibt es solch ein Gesetz nicht. Für viele spielt es aber auch keine Rolle. Sie tun, was sie für richtig halten.

Woher bekommen die Söldner die Waffen?

Die Waffen bekommen sie von den Peshmerga. Russische AK 47, aber vor allem auch das deutsche G36 geniesst höchste Beliebtheit. Vieles ist auch noch von den Amerikanern hier.

Haben Sie Angst?

Es ist ein komisches Gefühl. In meinem Stadtteil gab es zwei Schiessereien. Aber das ist hier nichts Ungewöhnliches und unabhängig vom IS. Angst hatte ich nie, aber es gab schon komische Momente. An einem Checkpoint hatten wir einmal ein Auto vor uns, das aus einer besetzen Provinz kam. Das war dann schon ein Nervenkitzel: Fliegt es in die Luft oder nicht? Da kann man nur beten. Es kann immer etwas passieren, da glaube ich einfach, dass Gott meine Stunden kennt, und lege mein Leben in seine Hände. Klar wäre es schwer für meine Eltern, wenn ich gehen würde, aber das kann überall passieren.

Sie erleben die Situation hautnah. Ist es politisches Versagen, dass Söldner gegen die IS kämpfen müssen?

Ich sehe es so: Klar gab es Fehler, aber es wäre falsch , einfach jetzt auf Amerika zu zeigen und die ganze Sache Bush und Co. anzuhängen. Viele Amtsträger im Irak, aber auch viele gutmeinende Politiker und Politikerinnen hier im Westen haben blind und naiv ungefragt Milliarden verteilt. Heute fragen sie sich, wohin das Geld ist – sie tragen genauso Verantwortung für Fehlentwicklungen. Es hat mehrmals die Möglichkeit gegeben, dieses ausserordentlich reiche Land auf Vordermann zu bringen. Ich glaube, die Fehler wurden schon sehr früh gemacht. Als man die Region in Länder aufteilte, hätte man nach Religion beziehungsweise Denomination und Ethnie aufteilen sollen. Die hätten sich zwar auch gegenseitig bekämpft und auch die Länder in sich, wie man das zwischen den einzelnen Parteien und Sippen in Kurdistan sehr gut sieht. Aber man hätte Regierungen bilden können, die wirklich für das eigene Volk standen. Viele Sunniten liebäugeln mit der IS, weil sie im Irak eine Minderheit sind und sie von den vom Iran unterstützten Schiiten geohrfeigt werden. Man hätte einen Schiitenstaat, einen Sunnitenstaat, ein Kurden-Assyrer-Jesiden-Staat im Nordosten aufbauen sollen.