Allschwil

Neue Tram-Geleise: Mal fehlt die Einigkeit, mal fehlt das Geld

Zuerst stritt man um Haltestellensicherheit, nun ist der Kanton Baselland klamm. Die Notlösungen kommen aber schlussendlich teurer als der Ersatz.

Daniel Haller
Drucken
Teilen
Hier sind die Tramgleise seit 59 Jahren im Betrieb. Die übliche Nutzungsdauer auf Strecken mit nur einer Tramlinie beträgt im Schnitt 42 Jahre.

Hier sind die Tramgleise seit 59 Jahren im Betrieb. Die übliche Nutzungsdauer auf Strecken mit nur einer Tramlinie beträgt im Schnitt 42 Jahre.

Kenneth Nars

Die Baselbieter Regierung kann einfach abschreiben – neudeutsch «copy & paste» –, und dies sogar ohne Plagiats-Skandal. Sie kann für die Tramgleise in Allschwil die eigene Landratsvorlage aus dem Dezember 2009 hervorziehen, in der ungeschminkt steht: «Das Gleistrassee der BVB-Linie 6 befindet sich in einem besorgniserregenden Zustand. (...) Die Schienen der BVB-Linie 6 sind weitgehend abgenutzt und müssen dringend ersetzt werden. Insgesamt hat das Gleistrassee das Ende seiner Lebensdauer erreicht respektive teilweise überschritten (...).»

Die Tramräder fahren mit dem Spurkranz der Räder auf dem Rillenboden

Die Tramräder fahren mit dem Spurkranz der Räder auf dem Rillenboden

Kenneth Nars

Dann folgte damals der Hinweis, man habe bereits in den vergangenen Jahren einzelne Schienenabschnitte ersetzt. Und nun müsse man weitere Stellen auswechseln. «Ziel ist es, einen sicheren Betrieb für die Linie 6 zu gewährleisten, bis die Baslerstrasse gesamthaft erneuert und umgestaltet wird. Die notwendigen Massnahmen ersetzen nicht das Gesamtprojekt der Umgestaltung, sind aber erforderlich, bis das Gesamtprojekt ausführungsreif vorliegt. (...) Als Alternative steht nur die Einstellung des Betriebes der Linie 6 ab der Stadtgrenze zur Wahl.»

Die bald sechsjährige Beschreibung bildet den Zustand von heute ab, man ist nicht substanziell weitergekommen. Zwar berichtet Michael Bont, Leiter Infrastruktur der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB), man habe die damals geplanten Massnahmen umgesetzt und die schlimmsten Schäden behoben. Doch nun sind bei der Gemeindeverwaltung auf 70 Metern die Gleise so weit abgefahren (die bz berichtete), dass die Trams auf 10 Kilometer pro Stunde abbremsen müssen. Die Räder rollen nun nicht mehr mit der Lauffläche des Radkranzes auf dem Fahrkopf der Schiene, sondern mit dem Spurkranz auf der Sohle der Rille. «Dies verlängert den Bremsweg», begründet Bont die Tempolimite.

Notlösungen sind letztlich teurer

Die BVB beurteilen den Zustand der Gleise, die sie befahren, regelmässig nach einem Notensystem. Sobald ein Abschnitt so abgefahren ist, dass man die Schienen in fünf bis sieben Jahren ersetzen muss, beginnt für die BVB die Vorbereitung: «Ein Ersatz erfordert extrem viel Koordination, denn oft sind auch Leitungen oder die Strasse insgesamt erneuerungsbedürftig», erklärt Bont.

Für die Linie 6 in Allschwil leiteten die BVB diesen Prozess schon vor 2005 ein. Es stellte sich heraus, dass die Baslerstrasse insgesamt erneuert werden soll. Dieses Projekt verzögerte sich aber durch die Diskussion um Kaphaltestellen, die der damalige Baudirektor Jörg Krähenbühl am Beispiel der Strassenumgestaltung in Reinach lostrat, sowie am Warten auf das Behindertengleichstellungsgesetz.

Immer wenn die politische Diskussion länger dauert als die Schienen halten, müssen die BVB zu «Überbrückungsmassnahmen» greifen. Dafür bewilligte der Landrat 2009 die damaligen 3,5 Millionen. Und da dem Kanton mittlerweile das Geld für die Sanierung der Baslerstrasse fehlt und er diese auf frühestens 2019 verschoben hat, steht bald der nächste Kredit für Überbrückungsmassnahmen – altdeutsch «Pflästerlipolitik» – auf den Landrats-Traktanden.

Die BVB zeigen zwar in kaum zu überbietender Geduld Verständnis für die finanzielle Lage des Kantons Baselland und betonen die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Baselbieter Tiefbauamt. Doch technisch ist mit dem Flickwerk niemand glücklich: So sind die Schienen auf nicht mit Stahl armierten dicken Betonplatten befestigt. «Auch die Tragplatte der Gleise weist Ermüdungserscheinungen und schadhafte Stellen auf, diese stammt, wie die Schienen auch, aus dem Jahr 1956 und ist somit über 50 Jahre alt», schrieb die Regierung 2009. Mittlerweile kann sie das «über 50» durch «bald 60» ersetzen.

Erneuert man nur die Schienen ohne den Unterbau – die Gesamtsanierung kann man erst angehen, wenn exakt definiert ist, wo in der neuen Baslerstrasse die Gleise exakt verlaufen sollen –, muss man später die erst halb abgenutzten Schienen wieder herausreissen.

So kommen die Pflästerli am Schluss teurer als eine Grunderneuerung. «Es riecht ein bisschen nach Schildbürgerstreich», schrieb die bz 2009 über die damalige Landratsdebatte. Dieses Düftchen hat sich seither nicht verzogen.

Doch einen kleinen Trost gibt es: Für die BVB sind die Allschwiler Gleise der einzige derartige Fall im Baselbiet. Allerdings ist der Abschnitt bei der Gemeindeverwaltung – davon waren 10 Meter bereits Teil des Landratsbeschlusses von 2009 – dabei nicht der einzige auf der Linie 6: «Es gibt weitere Strecken, die dringend sanierungsbedürftig sind und für die ein Kredit für dringende Sanierungsmassnahmen bei den Gleisen eingeholt werden muss», heisst es im Tiefbauamt. «Exakter Umfang und Lage und Ort dieser Abschnitte ist aktuell zusammen mit den BVB in Überprüfung.»