Allschwil

Tech-Chaos in Allschwil: Wie die Digitalisierung eine Schule komplett überfordert

Es war das grösste Bauprojekt Allschwils, das neue Schulhaus Gartenhof. Doch es rumpelt in der Lernfabrik, zahlreiche Mängel machen Lehrern und Schülern das Leben schwer. Jetzt soll eine Spezialkommission zum Rechten schauen.

Benjamin Wieland
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bz Schulhaus Gartenhof
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Doch die Gestaltung der Aussenräume macht Probleme. Gehen die Schulkinder über die Kiesflächen, klemmen sich Steine in den Schuhsohlen fest. Das zerkratzt in den Innenräumen die Böden.
Auch mit der Technik kämpfen die Pädagogen. So sollen rund 70 Prozent der magnetischen Stürstopper nicht funktionieren.
Lehrer beklagen sich, dass die elektrischen Stoffstoren willkürlich hoch- und runterfahren. Das erschwert den Einsatz der elektronischen Wandtafeln, für die es dunkel sein sollte.
Auch verteilen sich die Schüler nicht wie prognostiziert auf dem Areal. So ist während der Pausen der zentrale Pausenplatz überlaufen.
Jetzt verlangt der Einwohnerrat, dass eine Spezialkommission gebildet wird, welche die Behebung der Mängel überwacht.
Die grosse neue Aula des Schulzentrums Gartenhof.
Die Fassade mit den ineinander gesteckten Metallrohren verzieht sich bei Hitze. Die Ausdehnung des Metalls ist jedoch bei den Planungen berücksichtigt worden.
Die Schule kostete total 69 Millionen Franken – soviel wie kein Bauprojekt der Gemeinde zuvor.

bz Schulhaus Gartenhof

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Bei der Eröffnung überwog noch die Freude. Der Bürgermeister des deutschen Pfullendorf, der Allschwiler Partnerstadt, war da. Er hatte ein Wandbild mitgebracht. Die Musikschule spielte eine Fanfare. 300 Schülerinnen und Schüler sangen das eigens komponierte Lied.

Das war am 10. September 2016. Schon kurze Zeit nach der Einweihung des neuen Schulhauses Gartenhof stellte sich der Kater ein. Es funktioniert nicht immer alles so, wie es sollte. Vor allem nicht so, wie man es von einem 69 Millionen Franken teuren Bau erwarten dürfte.

Auch jetzt, über drei Jahre nach der Eröffnung, sind nicht alle Mängel behoben. Lehrer berichten von Türstoppern, die keine Türen stoppen. Von elektrischen Fensterstoren, die willkürlich hoch und runter fahren. Von einem überfüllten Pausenplatz, weil sich die Kinder anders verhalten als prognostiziert. Von zerkratzten Böden, weil sich die Steinchen auf dem Pausenplatz in den Rillen der Schuhsohlen festklemmen.

Watsche an den Gemeinderat

Jetzt rebelliert der Einwohnerrat wegen des Pannen-Schulhauses. Das Ortsparlament machte seinem Ärger mit einem ungewöhnlichen politischen Vorgehen Luft: Es verweigerte im Januar dem Gemeinderat, die Schlussabrechnung zum Schulhaus abzunicken. Erst, wenn die Mängel behoben seien, gebe man das OK, hiess es. Das müsse bis Ende der Legislatur der Fall sein, also bis Ende Juni. Eine Watsche des Ortsparlaments an die Adresse der Exekutive.

Damit nicht genug. Die Kommission Bau und Umwelt (KBU) des Einwohnerrats verlangte auch die Einsetzung einer Spezialkommission, die das Verfahren begleiten soll. Die KBU hält in ihrem Bericht die Unzulänglichkeiten fest:

  • Die Deckschicht auf Teilen des Pausenhofs besteht aus Steinen, Kies und Sand. «In den Schulräumen, Gängen und Treppen werden die Böden zerkratzt. Die grösseren Steine werden als Wurfgeschoss genutzt und es werden des Öfteren Löcher gegraben.» Der Kies verklemme die Eingangstüren.
  • Die Lüftungen der Einstellhalle und des Traforaums würden immer wieder Störungsmeldungen generieren. Werde nicht reagiert, «löst dies einen Einsatz der Feuerwehr aus».
  • Bei der Pausenhalle hänge ein Teil der Schallschutzplatten herunter. Zum Glück sei niemand getroffen worden.
  • Zwei Fluchtwege seien nicht beschildert gewesen. Zwar habe man mittlerweile Schilder montiert, sie seien jedoch nicht beleuchtet. «Ist dies zulässig?»
  • Die Brandschutztore im Keller würden einen Spalt aufweisen. Sie seien somit nicht rauchdicht. «Ist dies zulässig?»
  • 70 Prozent der magnetischen Stopper der Klassenzimmertüren würden nicht funktionieren. «Dadurch schlagen die Türen unkontrolliert auf.» Bei einer Begehung habe nur einer von zehn Stoppern funktioniert.
  • Die Bodensteckdosen in den Klassenzimmern könnten bei eingestecktem Kabel nicht geschlossen werden und würden zu gefährlichen Stolperfallen.

Schwierigkeiten bereitet offenbar die Grösse der Anlage. Sie fasste zwei Schulen – Bettenacker und Gartenstrasse – zusammen. Es gibt 24 Klassen. Laut einer Involvierten sind bis zu 15 Lehrkräfte für die Pausenaufsicht notwendig. Die Architekturzeitschrift «Hochparterre» bezeichnete das Projekt, als es sich noch in der Planungsphase befand, als «Lernfabrik».

Der zuständige Gemeinderat Christoph Morat sagt zur «Schweiz am Wochenende», die Mängelbehebung sei teilweise bereits im Gange. Bei den Fensterstoren würde ein Experte klären, «was an der Lieferung mangelhaft ist und ob es ein reines Verschulden des Lieferanten war». Bei den Türstoppern müsse man auch über die Bücher.

Kiesflächen waren in dieser Form gewollt

Zu den Flächen mit Kies und Sand sagt Morat: «Der Nutzerausschuss wollte diese Flächen und die Gemeinde hat sie nach akribischer Meinungsbildung mit Exkursionen an vergleichbaren Plätzen und Orten so ausschreiben und realisieren lassen.» Ein Projekt für eine grundsätzliche Überarbeitung der Flächen müsse zuerst alle notwendigen politischen Prozesse durchlaufen. Der Gemeinderat werde nun wie vom Einwohnerrat gefordert die Spezialkommission bilden. Wichtig sei anzumerken, dass das Schulhaus jederzeit sicher gewesen sei.

Ein Hauptkritiker der Gartenhof-Schule ist der Grünen-Einwohnerrat Ueli Keller. Im Juni 2013 stimmte Allschwil über das Projekt ab. Keller warnte im Abstimmungskampf, die Schule werde zu gross und sei nicht kindgerecht. Als günstigere Alternative könne man bestehende Schulen renovieren. Die Einwände verhallten weitgehend ungehört. Die Gartenhof-Schule wurde mit 55, 6 Prozent Ja-Anteil angenommen.

Ueli Keller fühlt sich nun bestätigt. Und er bezweifelt auch, dass Lehren gezogen worden seien. Das wäre jedoch empfehlenswert: Wegen steigender Schülerzahlen stehen an vielen Orten im Baselbiet Neubauprojekte von Schulhäusern an.