Tramunglück

Tramunfall: Die Familie Pfluger erzählt aus der aussergewöhnlichen Nacht

Die Familie Pfluger in Münchenstein erlebte eine Nacht, die sie nie wieder vergessen wird. Vorletzte Nacht krachte das 10er-«Drämmli» aus heiterem Himmel in ihr Haus. Beat Pfluger hatte besonderes Glück. Das Tram raste direkt auf ihn zu.

Bojan Stula
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Familienerinnerung der besonderen Art: Beat Pfluger, Sohn Kevin und Hund Rocky.

Familienerinnerung der besonderen Art: Beat Pfluger, Sohn Kevin und Hund Rocky.

Kenneth Nars

Manchmal platzen ja die Gäste mit der Tür ins Haus, aber doch nicht gleich mit einem ganzen Tram. Am späten Mittwochabend ist es, als um 23.30 Uhr an der Tramstrasse 61 in Münchenstein unvermittelt ein Tramzug der Linie 10 in die Hausfassade kracht. Der Knall muss ohrenbetäubend gewesen sein, Steine aus dem Gleisschotterbett fliegen herum, ein Strommast kippt, die heruntergerissenen Stromleitungen verursachen einen Funkenregen. Und mitten in diesem Chaos steht die Familie Pfluger, seit drei Jahren stolze Hausbesitzer an der Strassennummer 61 und erst kürzlich mit den Umbauarbeiten fertig. «Wie ein Erdbeben» habe sich der Aufprall des Trams angefühlt, weiss Sohn Kevin, der in diesem Moment oben in seinem Zimmer vor dem Computer sitzt.

«Ich habe nach meinem Mann gerufen. Zuerst dachte ich, er liege unter dem Tram», erzählt Daniela Pfluger zwölf Stunden später, sichtlich gezeichnet von einer schlaflosen Nacht. Ausgerechnet wenige Momente vor dem Unglück ist Hausherr Beat Pfluger mit Hund Rocky nach draussen gegangen – zum Gassigehen. Davor hatte er, der eingefleischte FCB-Fan, die Fussball-Live-Übertragung aus Lissabon verfolgt und den sensationellen Basler Punktgewinn mit einem Bierchen gefeiert. Jetzt fehlt von ihm jede Spur, Daniela Pfluger muss das Schlimmste befürchten.

Doch ihrem Mann ist nichts passiert, er kann rechtzeitig von der Unfallstelle wegrennen, als das wild gewordene 10er-Tram mit einem Lichtstrahl auf ihn zurast. «Dann hast du nur gelacht, als du zurück warst», sagt sie vorwurfsvoll in Richtung Ehegatte. Dieser wehrt ab: «Was hätte ich denn sonst tun sollen?» Beat Pfluger zeigt mit Galgenhumor auf das unglaubliche Bild eines schräg an seiner Hauswand angelehnten gelben BLT-Trams. «Richtig unwirklich ist das», stimmt seine Frau ihm zu.

Über Nacht in der Schweiz bekannt

In den Minuten und Stunden nach dem Unglück herrscht an der Tramstrasse 61 ein reges Kommen und Gehen. Die Passagiere des Tramzugs strömen in Pflugers Vorgarten, da sie nirgendwo sonst hinkönnen. Später kommen Sachverständige der BLT, die Polizei, ein Montagetrupp der IWB, um die Gasleitungen zu prüfen. «Genau an der Aufprallstelle führt die Gasleitung hindurch», sagt Daniela Pfluger. Doch Gas ist offenbar keines ausgetreten. «Jetzt hoffe ich bloss, dass die Statik des Hauses unter dem Aufprall nicht gelitten hat.»

Das Unfall-Tram von Münchenstein wird mit einem Kran einzeln geborgen
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Das Unfall-Tram von Münchenstein wird einen Tag nach der Kollision geborgen

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Kapo BL

Noch weiss die Familie Pfluger nicht, was wegen des ungebetenen nächtlichen Besuchs in den nächsten Wochen und Monaten auf sie zukommen wird. Der spektakuläre Tramunfall hat sie jedenfalls schweizweit bekannt gemacht. Beat Pfluger gibt am Donnerstag ein Interview nach dem anderen; kein Medium, das nicht ausführlich über die Pflugers berichtet. Erleichterung macht sich breit: Es hätte alles viel schlimmer kommen können. Die Schäden am Haus lassen sich bestimmt beheben. Aber nicht auszudenken, wenn Beat Pfluger etwas langsamer gerannt wäre.