Strafgericht

Vergewaltigungs-Vorwurf: Stiefvater soll fünf Jahre lang Tochter gequält haben

Ein 72-jähriger Mann aus dem Baselbiet muss sich wegen jahrelanger Vergewaltigungen und Quälereien seiner Stieftochter vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft beantragt eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren.

Patrick Rudin
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Der Angeklagte soll sich jahrelang an seiner Stieftochter vergangen haben. (Symbolbild)

Der Angeklagte soll sich jahrelang an seiner Stieftochter vergangen haben. (Symbolbild)

Keystone

Der 72-jährige Angeklagte sprach schon am Dienstag zum Prozessauftakt im Strafgericht in Muttenz nicht viel, meist schwieg er, manches gab er zu: Ja, er habe eine sexuelle Beziehung zu seiner damals neunjährigen Stieftochter gehabt, doch Gewalt habe er nie angewendet.

Er habe sie halt gemocht, meinte er verlegen. «Dachten sie etwa, sie tun dem Kind damit etwas Gutes?», fragte Gerichtspräsidentin Jacqueline Kiss. Eine Antwort gab es darauf nicht, der Mann schwieg erneut.

Die Umstände des Falles sind aussergewöhnlich: In den 1990er Jahren bezahlte der Mann einer ihm bislang unbekannten Thailänderin das Flugticket in die Schweiz, wenige Wochen später wurde geheiratet, zwei Jahre später holte die Frau ihre Töchter aus Thailand in die Schweiz.

Vor allem für die ältere Tochter wurde der Aufenthalt in der Schweiz rasch zum Albtraum: Nach ihrer Aussagen vergewaltigte sie der Stiefvater schon bald mehrmals wöchentlich, sie war damals neun Jahre alt. Manchmal gab es Geschenke, oft Schläge oder Ohrfeigen, auch das Würgen am Hals soll ein alltägliches Mittel gewesen sein, um sie zum Sex zu zwingen.

Die Schilderungen gehen noch weiter: Ein aufs Gesicht gedrücktes Kissen, Aussperren mit wenig Kleidung bei Kälte, Essensentzug, Essenszwang bis zum Erbrechen oder einfach das Herumfuchteln mit geladenen Waffen. Auch der Alkohol soll eine Rolle gespielt haben, der Mann sei dann besonders unberechenbar gewesen.

Er kümmerte sich damals faktisch alleine um die Kinder, die angeheiratete Frau arbeitete oder sass im Casino. Die jahrelange Quälerei endete erst fünf Jahre später: Die Ehefrau kam zu früh von der Arbeit nach Hause und erwischte ihren Mann sprichwörtlich mit heruntergelassenen Hosen. Die Tochter sagte aus, an jenem Tag habe er ihr gar eine geladene Waffe an die Stirn gedrückt, um Oralverkehr zu erzwingen. «Das mit der Waffe stimmt einfach nicht. Die habe ich nie benutzt», beteuerte der Mann vor Gericht.

Strafanzeige wurde erst über zehn Jahre später gestellt

Das war allerdings im Jahr 2003, die Tochter ging hingegen erst im Februar 2014 zur Polizei. Seither sitzt der Mann im Gefängnis, inzwischen hat er den vorzeitigen Strafvollzug angetreten. Die Tochter sagte am Dienstag vor Gericht, sie habe Anzeige erstattet, nachdem der 72-Jährige nicht bereit gewesen war, mit ihr über seine Taten zu sprechen. Vor Gericht wollte sie daher am Dienstag ihren Stiefvater erneut zur Rede stellen. Anfänglich bat er sie um Entschuldigung für seine Taten, beschwerte sich dann aber auch, sie habe mit der Anzeige auch ihm etwas angetan. Daraufhin verlor die Tochter die Fassung, schrie ihn an und verliess schliesslich den Gerichtssaal.

Es ist der erste Fall im Kanton Baselland, bei dem die Unverjährbarkeitsregeln für Sexualdelikte an Minderjährigen zum Tragen kommen. Allerdings schilderte eine Stieftochter aus der ersten Ehe des Mannes ähnliche Übergriffe, und in früheren Jahren soll er sich auch an seiner Schwester vergriffen haben. Damals erfolgte allerdings keine Strafanzeige, die Sache wurde nach einer Diskussion am Mittagstisch beerdigt, inzwischen wären diese Taten dennoch verjährt. Der Mann wollte sich zu diesen Punkten nicht äussern.

Staatsanwältin Caroline Horny forderte gestern eine Verurteilung wegen mehrfacher Vergewaltigung in einer besonders grausamen Weise sowie wegen sexueller Nötigung. Dabei ist ein Strafrahmen bis zu 20 Jahren möglich, sie beantragte eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren. Das Verschulden liege im Bereich eines Tötungsdeliktes, sagte Horny.

Strafmildernd falle nur sein Teilgeständnis aus, auch seien die Taten durch die permanente Abwesenheit der Ehefrau begünstigt worden.

Eine Begutachtung durch den Psychiater lehnte der Mann ab, weshalb Diagnose und Empfehlungen einzig aufgrund der Akten erstellt worden sind. Der Experte sprach von einer schweren Pädophilie, weitere Krankheiten konnten nicht erkennen werden. Die fünf Richter fällen ihr Urteil nächste Woche.