Niederdörfer Heimatkunde

Von Geritt und Gedreh: Sache gits im einstigen Onoldswil

Niederdorf ist bekannt für seinen Hangrutsch vor mehreren hundert Jahren. Nun hat die Einwohnergemeinde ein Buch herausgegeben. Doch der Hangrutsch ist nicht das Einzige, mit dem sich die Niederdörfer im Buch identifizieren können.

Jolanda Sauta
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Diese Heimatkunde erhält eine spezielle Buchvernissage.

Diese Heimatkunde erhält eine spezielle Buchvernissage.

zvg

Wir befinden uns im Jahr 1295 n.Chr. Das ganze Waldenburgertal ist friedlich und ruhig. Das ganze Waldenburgertal? Nein! Ein an einem unbeugsamen Hang liegendes Dorf musste Widerstand leisten. Denn ein Hang – der Dielenberg, heute auch bekannt als Hangelimatt – kam eines Sommertages mir nichts, dir nichts ins Rutschen. Geschätzte vier Millionen Kubikmeter rutschten zu Tal, oder sollte man eher sagen, die Erde ist zu Tal geritten? Denn daher kommt der Name des Seniorenzentrums «Gritt», der auf «im Geritt» zurückzuführen ist.

Niederdorf, «Heimat» von 1850 Einwohnerinnen und Einwohnern, ist bekannt für diesen Hangrutsch. Dieser Vorfall ist jedoch nur eines von zahlreichen Themen, über die die eben erschienene Niederdörfer Heimatkunde Aufschluss gibt. Das von der Einwohnergemeinde herausgegebene Buch wurde in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft zur Herausgabe von Baselbieter Heimatkunde über mehrere Jahre hinweg erarbeitet. Es handelt vor allem von einem, nämlich von Heimat. Wer in der Region und nicht zuletzt im Dorf selber grossgeworden ist, findet sich in den Erzählungen auf die eine oder andere Weise wieder.

408 Seiten Dorfidentität

Genau am 11.11., um 11.11 Uhr, begann der Verkauf des gewichtigen Werkes von rund zwei Kilogramm. Da die Buchvernissage aber coronabedingt abgesagt werden musste, wurde auf originelle Weise umdisponiert. Die Gemeinde hat kurzum einen rund 60-minütigen Film auf «Youtube» publiziert, in dem sie das Heimatkundebuch vorstellt.

Zum Schmunzeln bringen einen die Interviews, in denen je ein Mitglied der Arbeitsgruppe Heimatkunde einem anderen Fragen stellt. Trotz Inszenierung wirken die Gespräche authentisch und erfrischend witzig. Neckisch machen die Teammitglieder auf einzelne Kapitel gluschtig: «Ich bin kein Drehor-
gelmann. Auch nicht jemand, der versucht, Geld zu drucken», sagt Mario Dubini, während er seelenruhig an der Kurbel eines zugedeckten Objekts dreht, das er in der Hand hält.

«Das hier ist eine ganz spezielle und patentierte Erfindung der Firma Plattner AG. Deren Funktion verrate ich euch aber nicht», sagt Dubini kopfschüttelnd und dreht grinsend weiter. Dies erfahre, wer das Kapitel «Industrie» liest. Durch den Film wird einem bewusst, wie viel Spass es den Beteiligten bereitet hat, an den 408 Seiten Dorfidentität mitzuwirken und wie viele Arbeitsstunden in «Niederdorf» investiert wurden.

Kurioses und vor allem regionales Wissensarchiv

Doch Niederdorf hiess nicht immer so. Eingeweihte dürften wohl ahnen, dass die Ortsbenennung Onoldswil eine Verbindung mit der Nachbargemeinde Oberdorf mit sich zieht.

Aufschlussreiches erfährt man aber nicht nur über die inhaltlich vertieften Artikel der Autorinnen und Autoren, sondern auch anhand der vielfältigen aktuellen Fotos und Archivbilder. So erfahren die Leserin und der Leser etwa, dass Fabrikarbeiterinnen der Uhrenindustrie Degen & Co. täglich von Titterten über den «Sörzach» die Hofackerstrasse hinunter zur Arbeit gingen.

Die diversen Randbemerkungen «Sache gits» ergänzen die Texte: Der Name «Sörzach» – gleich vier Höfe haben diesen Namen übernommen – ist vom galloromanischen Ortsnamen Sarciacum abgeleitet. Aber auch kurioses, nicht alltägliches Wissen ist dort zu lesen. Oder wer kann von sich behaupten, zu wissen, wo sich in Niederdorf das «gföhrliche Schisshüsli» befindet.

Niederdorf Heimatkunde

Verlag des Kantons BL, 2020, 408 Seiten, 45 Franken.