Velokurs für Erwachsene
Von Rossäpfeln und anderen Hindernissen

Viele Migranten würden gerne Velo fahren – sie haben es aber nie gelernt. Abhilfe schafft ein Fahrkurs in Allschwil für Erwachsene. Es besuchen ihn fast nur Frauen.

Benjamin Wieland
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Lernfahren auf zwei Rädern: Emma Vilanova (r.) und Kursleiterin Beatrice Hollinger.Ken

Lernfahren auf zwei Rädern: Emma Vilanova (r.) und Kursleiterin Beatrice Hollinger.Ken

Kenneth Nars

«Murphy’s Law!», brüllt Emma Vilanova, als sie sich auf ihrem roten Damenvelo einem Haufen Rossäpfel nähert. Die Lateinamerikanerin bremst ab, nimmt die Füsse von den Pedalen und tippelt im Schritttempo um den Dung herum. Alles, was schiefgehen kann, geht auch schief, lautet die Lebensweisheit. Sie hat ihren Schöpfer, Ingenieur Edward E. Murphy, weltberühmt gemacht. Und Vilanova glaubt offensichtlich daran: «Ich will nicht in diesem brauen Zeug landen. Schon gar nicht jetzt.»

Die Rossäpfel sind nicht die einzigen Hindernisse, die Emma Vilanova umfahren muss an diesem Mittwochmorgen in Allschwil. Sie ist eine von sechs Teilnehmerinnen des Velofahrkurses für Erwachsene. Beim alten Schiessstand drehen die Zweirad-Novizinnen ihre Runden, ausgerüstet mit Leuchtwesten und Helmen, begleitet und instruiert von zwei Leiterinnen. Sie haben nicht viel zu tun: Es ist der vierte von insgesamt fünf Kurs-Halbtagen – das Gröbste haben die Velo-Lehrlinge hinter sich. Aktuell steht auf dem Programm: Handzeichen geben.

Seit 2010 bieten «Gsünder Basel» und «Pro Velo beider Basel» gemeinsam die Velofahrkurse für Erwachsene an. Dass dafür ein Bedürfnis bestehe, habe sich bei Gesprächen mit Vertretern von Migrantinnen und Migranten gezeigt, sagt Thomas Pfluger, Geschäftsleiter von «Gsünder Basel». «Auch sie möchten gerne Alltagskompetenzen beherrschen, die in der Schweiz sehr nützlich sind.» Das seien vor allem Schwimmen und Velo fahren. Geld verdienen die Veranstalter mit den Kursen nicht – im Gegenteil: Das Angebot ist nicht selbsttragend.
Unterstützung leistet Basel-Stadt.

Auch Schweizerin dabei

Die Nachfrage ist da. Knapp 350 Personen haben laut Pfluger in den vergangenen sechs Jahren die Kurse besucht. Dass wie an diesem Mittwochkurs nur Frauen teilnehmen, sei typisch, sagt Pfluger. Neben Emma Vilanova aus El Salvador stammen drei aus Indien und eine aus Marokko. Die sechste Teilnehmerin kommt aus der Schweiz. «Ihr wurde es einfach nie beigebracht, die Eltern fuhren selber nicht», sagt Kursleiterin Beatrice Hollinger. Das sei gar nicht so selten: «Viele Schweizerinnen und Schweizer beherrschen das Velofahren nicht – es sind mehr, als man denkt.»

Dieses Muster zeigt sich auch bei Emma Vilanova. Sie habe nie gelernt, Velo zu fahren, und das sei ihr in El Salvador auch gar nicht gross aufgefallen. In der Schweiz aber habe sie es irgendwann nicht mehr ausgehalten, erzählt die 45-Jährige: «Meine Kinder können es. Ich sehe all die Leute auf ihren Velos herumkurven. Da dachte ich: Jetzt lernst du das!»

Auch Männer hätten schon den Kursen beigewohnt, sagt die zweite Kursleiterin Catherine Ammann. Das sei aber eher selten der Fall. Laut Ammann sind die Teilnehmerinnen zwischen 30 und 50 Jahre alt und stammen mehrheitlich aus Ländern Afrikas sowie Latein- und Südamerikas, ebenfalls stark vertreten sind Indien, Sri Lanka und die Türkei. «Viele Teilnehmerinnen erzählen, dass sie in ihren Herkunftsländern gar nicht Velo fahren durften», hat Ammann erfahren. Das könne kulturelle Gründe haben – oftmals spiele wohl auch die
Religion eine Rolle.

Emma Vilanova glaubt nicht, dass sie demnächst auf dem Velo in der Stadt anzutreffen sein wird: «Da habe ich noch zu viel Angst, wegen der Tramschienen und so.» Aber sie ist sich sicher, dass sie mit ihrer Familie bald die erste Ausfahrt auf dem Zweirad unternehmen wird.

Dreckige oder gar blutige Hände gibt es an diesem Mittwochmorgen in Allschwil keine. Zwar fährt immer wieder mal ein Velo ins Gras oder kracht zu Boden – aber jedes Mal können die Fahrerinnen rechtzeitig abspringen. Murphy’s Law ist für einmal ausser Kraft.

«Da ich seit über 15 Jahren nicht mehr Velo gefahren war, war mein grösstes Problem die Angst»

Die gebürtige Brasilianerin Luciana Gerez hat bei Gsünder Basel einen Velo-Fahrkurs besucht. Die Kleinkinderzieherin welche seit dem Jahr 2007 in der Schweiz lebt, fährt heute täglich 25 Minuten von zu Hause zu ihrem Arbeitsplatz und wieder zurück. Luciana Gerez wohnt in Basel.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Velokurs zu besuchen?

Luciana Gerez: Ich konnte vom Tram aus viele Velofahrer sehen und hatte den Eindruck, dass es Spass macht. Ich hatte in Brasilien als Kind ein Fahrrad. Dort konnte ich aber nur im Hinterhof oder im Park Velo fahren – die Strasse war viel zu gefährlich. Ohne den Velofahrkurs hätte ich mich auch hier in der Schweiz nie auf die Strasse getraut.

Hat der Kurs etwas genützt – sind Sie heute mit dem Velo im Strassenverkehr unterwegs?

Ja, meine Ziele habe ich erreicht, wenn nicht sogar übertroffen. Da ich seit über 15 Jahren nicht mehr Velo gefahren war, war mein grösstes Problem die Angst. Ich konnte sehr schnell Vertrauen aufbauen zu der Kursleiterin, und schon nach ein paar Monaten war ich bereit für die Strasse. Zudem habe ich auch viel über die Verkehrsregeln gelernt. Am Anfang verstand ich gewisse Worte auf den Verkehrsschildern nicht, zum Beispiel «gestattet». Da half es, mit den Kursleiterinnen auf die Strasse zu gehen, damit sie uns erklären konnten, was die Zeichen genau bedeuten. Der Kurs hat mir Spass gemacht. Es war toll, dass eine Gruppe gebildet wurde, in welcher die etwas weiter fortgeschrittenen Teilnehmer schneller auf der Strasse üben konnten.

Bei welchen Gelegenheiten benutzen Sie heute das Velo?

Ich fahre immer Velo: Zur Arbeit, zum Einkaufen und wenn ich Freunde besuche.

Was bedeutet es Ihnen persönlich, Velo fahren zu können?

Ich fühle die Freiheit – das ist das stärkste Gefühl. Mit dem Tram oder dem Bus geht es manchmal so lange und mit dem Velo kann ich genau planen, wie lange ich brauche. Und es ist auch gesünder.