Biel-Benken

Warum eine Sterbehelferin für eine neue Alterssiedlung wirbt

Erika Preisig möchte, dass in neu gebauten Alterswohnungen in Biel-Benken selbstbestimmt gestorben werden kann. Also dass durch Palliativpflege, Sterbefasten oder Sterbehilfe der Umzug in ein Pflegeheim oder Spital unnötig wird. Der Präsident der Genossenschaft, der die 17 Mietwohnungen gehören, zeigt sich allerdings kritisch.

Michael Nittnaus
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Drei Wohnungen im umgebauten Biel-Benkemer Bauernhaus sind noch zu haben, die Neubauten dahinter sind belegt.

Drei Wohnungen im umgebauten Biel-Benkemer Bauernhaus sind noch zu haben, die Neubauten dahinter sind belegt.

bz

Sie nennt es «unser Projekt». Sterbehelferin und Hausärztin Erika Preisig verkündet im aktuellen Newsletter ihres Vereins Lifecircle stolz, dass in ihrem Wohnort Biel-Benken eine neue Wohngenossenschaft inzwischen von 25 Mieterinnen und Mietern, die alle über 60 Jahre alt sind, bezogen werden konnte. «Mit Hilfe von mobiler Pflege und den naheliegenden Ärzten sollten die Menschen dort auch zu Hause sterben können und nicht in ein Pflegeheim umziehen müssen», schreibt Preisig. Selbstbestimmtes Sterben sei das Ziel. Die Sterbehelferin meint damit nicht nur den assistierten Suizid, aber auch. Im Newsletter heisst es: «Egal, ob palliativmedizinisch oder auch mit Sterbefasten oder einem begleiteten Freitod, keiner der drei Wege ist besser als der Andere, es sind einfach drei Wege, die es zu respektieren gilt.»

Die Bewohner der Siedlung sollten zu Hause sterben können.

(Quelle: Erika Preisig, Hausärztin und Sterbehelferin aus Biel-Benken)

Wurde in Biel-Benken also eine Alterssiedlung gebaut, die explizit für Menschen gedacht ist, die auch Sterbehilfe in Betracht ziehen? «Es ist eine ganz gewöhnliche Alterssiedlung», hält der Biel-Benkemer Gemeindepräsident Peter Burch fest. Der genaue Blick auf das Projekt bestätigt das: Die Alterssiedlung «Mitenand» umfasst 17 Mietwohnungen in drei Gebäuden zwischen Fraumattenstrasse, Langgartenstrasse und Landskronweg. 14 konnten vergangenen November bezogen werden, die letzten drei im umgebauten Bauernhaus direkt bei der Bus-Haltestelle Unterdorf sind am 1. Mai bereit.

Genossenschaft distanziert sich von Sterbehilfe

Zwar hat der Verein Lifecircle das Projekt mit einem zinslosen Darlehen von 50000 Franken unterstützt, doch die Gesamtkosten betrugen 8,2 Millionen Franken. Für sieben Millionen bürgt die Gemeinde. Hinter dem Projekt steht die «Wohngenossenschaft Chreemer Kari», benannt nach dem Dorforiginal, dem das Bauernhaus einst gehörte. 2015 gegründet zählt sie mittlerweile über 200 Mitglieder. Erika Preisig ist Beisitzerin im Vorstand. Das ist der einzige Bezug, der sich in den Unterlagen findet. In den Statuten steht: «Die Genossenschaft bezweckt, in gemeinsamer Selbsthilfe Senioren preiswerten Wohnraum zu vermitteln und diesen dauernd der Spekulation zu entziehen.»

Präsident der Genossenschaft ist Samuel Heyer. «Erika Preisig sitzt als eine Hausärztin bei uns im Vorstand, die immer Feuer und Flamme ist, wenn es darum geht, alten Menschen zu helfen», sagt er der bz. Dass Preisig die Siedlung in ihrem Verein aber als Ort für selbstbestimmtes Sterben bewerbe, habe er nicht gewusst. Und Heyer hält fest: «Die Wohngenossenschaft Chreemer Kari bietet keine Unterstützung für Sterbehilfe an. Davon distanzieren wir uns explizit.» So habe man Preisig auch keine separaten Räumlichkeiten für ihre Tätigkeit zur Verfügung gestellt. Allerdings sagt Heyer auch: «Was in den einzelnen Mietwohnungen passiert, darauf haben wir keinen Einfluss.»

Die Wohngenossenschaft bietet keine Unterstützung für Sterbehilfe an. Davon distanzieren wir uns explizit.

(Quelle: Samuel Heyer, Präsident Wohngenossenschaft Chreemer Kari)

Und genau das ist der springende Punkt. Preisig sagt zur bz nämlich: «Ich werde nie mehr versuchen, in einer Wohnzone ein Sterbezimmer zu betreiben, da dies nur Probleme bringt.» In Flüh etwa liegt das Haus, in der Preisig hofft, dereinst Freitodbegleitungen anzubieten, in einer speziellen Zone am Rande des Dorfes, in der auch nichtstörende Dienstleistungsbetriebe erlaubt sind. Und dennoch ist der Widerstand gross.

Arztpraxis von Erika Preisig grenzt direkt ans Areal

Was Preisig aber nicht ausschliesst, ist, dass sie zu den Bewohnern der Biel-Benkemer Siedlung nach Hause gehen könnte, wie sie das bei nicht-ausländischen Klienten ihrer an Lifecircle angehängten Sterbehilfeorganisation Eternal Spirit oft tut. Ihre Hausarztpraxis grenzt zudem direkt an das Areal an. Einige der Erstmieter sind Preisigs Patienten, niemand sei aber Mitglied von Lifecircle oder Eternal Spirit. «Ich glaube nicht, dass Menschen extra hierherziehen, weil sie sich eine Freitodbegleitung überlegen», beschwichtigt Preisig. Im Vordergrund stehe die Idee, dass Senioren sich gegenseitig helfen können und ihren Lebensabend nicht in einem Altersheim verbringen müssen. Zumal Biel-Benken kein eigenes Altersheim habe, sondern nur Nachbar Therwil.

Preisig sagt selbst, dass sie und Heyer «das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne haben». Unterstützung erhält sie dafür von Gemeindepräsident Burch. Er sagt: «Die heutige Gesellschaft ist gegenüber einem selbstbestimmten Tod sehr offen eingestellt. Ich persönlich stehe da nicht im Weg. Das gehört zum Leben dazu.»