Swissness

Wie soll die Landwirtschaft mit dem Problem der Frankenstärke umgehen?

Werden die Bauern verhätschelt? Wie soll die Landwirtschaft mit dem Problem der Frankenstärke umgehen? Lukas Kilcher, Leiter des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain in Sissach, nimmt im grossen Interview Stellung – und entwickelt Ideen.

Daniel Haller
Drucken
Teilen
Lukas Kilcher: «Wenn Gastronomen regionale Produkte suchen, aber nicht wissen, wo sie diese bekommen, können wir Bauern mit spannenden Produkten vermitteln.»

Lukas Kilcher: «Wenn Gastronomen regionale Produkte suchen, aber nicht wissen, wo sie diese bekommen, können wir Bauern mit spannenden Produkten vermitteln.»

Martin Töngi

Herr Kilcher, ist es Ihr Job, die Baselbieter Bauern zu verhätscheln?

Lukas Kilcher: Nein. Aufgabe des Ebenrains ist, die nationale Agrarpolitik in den beiden Basel umzusetzen, Landwirte auszubilden sowie die Produktion, die gesunde Ernährung und die Natur zu fördern.

Die Agrarpolitik mache die Lebensmittel hier teurer als in der EU, kritisierte der Wirtschaftsanalyst Rainer Füeg in der bz: «Wieso schützt und hätschelt man auf Kosten von allen anderen eine Branche derart, die weniger als ein Prozent der Wertschöpfung in der Schweiz produziert?»

Die Erwartungen der Konsumenten an die Bauern, an die Ernährungswirtschaft und die Natur sind hoch. Wer Lebensmittel kauft, erwartet, dass sie gesund und frei von Pestiziden sind. Also muss die Landwirtschaft nachhaltig produzieren und die Sicherheit der Lebensmittel garantieren.

Pestizid-Minimierung ist gerade bei Spezialkulturen wie Kirschen ein Dauerthema und derzeit wegen der Kirschessigfliege sehr aktuell. Zudem will der Konsument geschmacklich hervorragende Produkte. Der dritte Aspekt der Qualität ist die Landschaft: Die Bevölkerung erwartet eine Vielfalt mit Hecken, blühenden Bäumen und Wiesen, aber keine kilometerlangen Monokulturen.

Was hat das mit Politik zu tun?

Die Konsumentinnen sind auch die Steuerzahler. Qualität hat ihren Preis, und alleine über den Produktepreis lässt sich die gewünschte Qualität nicht bezahlen, sonst würde die Differenz gegenüber dem Ausland unerträglich hoch.

Deshalb braucht es für die gewünschte Qualität auch agrarpolitische Massnahmen wie Direktzahlungen. Empfehlungen wie jene der OECD zur Schweizer Landwirtschaft weise ich zurück: Die stellen sich vor, in der Schweiz könne man «unten» eine Intensivproduktion aufziehen und «oben» in den Alpen Heimat- und Naturschutz betreiben.

Also sähe es unten so aus, wie wenn man mit dem Zug nach Paris fährt: riesige Felder ohne Hecken und Hochstammbäume. Umgekehrt wären die Alpen wie jene Teile Italiens, in denen alles verbuscht und verwaldet. Das ist erstens nicht erstrebenswert und zweitens nicht praktikabel, weil wir keine grossen Ebenen haben, schon gar nicht im Baselbiet.

Die Kritik richtete sich gegen die Preise. Hohe Lebenshaltungskosten erfordern hohe Löhne.

In Schweizer Haushalten macht das Essen nur 6,8 Prozent der Ausgaben aus, Tendenz sinkend. Nehmen wir mal an, man könnte die Lebensmittelpreise um 20 Prozent senken: Ein Fünftel von 6,8 Prozent sind weniger als 1,4 Prozent der Lebenshaltungskosten.

Man kann der Landwirtschaft also nicht vorwerfen, sie würde auf Kosten anderer Branchen den Standort Schweiz verteuern. Wohnen und Versicherungen sind massiv höhere Budgetposten. Da leisten wir uns viel Luxus.

Trotz hoher Lebensmittelpreise fliesst viel öffentliches Geld in die Landwirtschaft. Ist da die Verhätschelungskritik nicht verständlich?

Da wird niemand verhätschelt. Es geht um die beschriebenen Ziele: 80 Prozent der Baselbieter Bauern leisten neben der Lebensmittelproduktion vertraglich definierte Massnahmen zur Förderung der Biodiversität und Landschaftsqualität.

Würde man die Landwirtschaft rein auf tiefe Produktionskosten ausrichten, müsste man stattdessen Naturschutzpfleger anstellen. Solche Ranger kämen die Gesellschaft viel teurer, als wenn die Bauern diese Aufgabe in ihren Produktionsprozess integrieren: Ranger würden am Wochenende nicht arbeiten und Überzeiten würden sie sich bezahlen lassen.

Jetzt argumentieren Sie mit den Lohnkosten, vorhin sprachen Sie von Qualität.

Ich antworte nur auf die Kritik an den Preisen. Natürlich hat unser heutiges System weitere Vorteile: Hat man auf dem Betrieb ein ökologisches Gleichgewicht, ist der Befall mit Krankheiten und Schädlingen viel geringer.

Hecken für Vögel und Nützlinge oder eine vielfältige Fruchtfolge halten den Pestizideinsatz tief. Das ist nicht gratis, Monokultur wäre auf den ersten Blick günstiger. Doch je einseitiger das Produktionssystem, desto fragiler ist es und desto mehr können sich Krankheiten und Schädlinge epidemisch ausbreiten.

Dann braucht es intensiven Pflanzenschutz und die Böden verarmen. Deshalb ist unsere Landwirtschaft die richtige und was sich die OECD ausdenkt, ist untauglich.

Rainer Füegs Kritik deutet auf einen Gegensatz zwischen Export-Industrie und Bauern hin. So haben bürgerliche Politiker im Parlament beantragt, man müsse wegen des starken Frankens auf das Swissness-Gesetz verzichten. Die Bauern sagen aber, sie wollen das Gesetz – wegen des starken Frankens.

Die gleiche Diskussion läuft beim Cassis-de-Dijon-Prinzip. Es geht um die Frage: Wie reagiert man, wenn man ein Qualitätsprodukt hat und nebenan gibts das Gleiche als Billigvariante? Soll man sich nach unten anpassen oder weiter auf Qualität setzen und diese korrekt ausloben?

Der Frankenschock hat den Preisunterschied aber nochmals um bis zu 20 Prozent erhöht.

Wir sind jedoch nicht in der Lage, auf Billigproduktion umzusteigen. Also müssen wir auf Qualität setzen. Dafür ist ein Swissness-Label für die Bauern ein einfaches und wichtiges Instrument, um die Qualität auszudrücken.

Welche Qualität meinen Sie?

Bei uns sind die Umwelt- und Tierschutzvorschriften höher, wir produzieren Gentech-frei und die Deklarationspflicht ist strenger. Konsumentinnen bekommen aus dem Swissness-Label die Information, dass das Produkt nach unseren strengeren Gesetzen hergestellt wurde, die auch die Landschaft, das Tierwohl und die Artenvielfalt berücksichtigen.

Wer gegen Syngenta und Monsanto auf die Strasse ging, befasst sich mit Nahrungsqualität, lehnt die industrielle EU-Landwirtschaft ab und zählt somit zu den Verbündeten der Bauern. Vor der Demo erklärte die Geschäftsführerin des Bauernverbands beider Basel aber, diese könnten auf das Monsanto-Herbizid Roundup nicht verzichten. Stecken die Bauern in einem Dilemma?

Nicht alle Bauern verfolgen dasselbe Rezept, ich respektiere diese Vielfalt ausdrücklich. Biobauern verzichten ganz auf synthetische Pflanzenschutzmittel, IP-Bauern setzen möglichst wenig ein, wollen aber auf die vom Bundesamt für Landwirtschaft zugelassenen Mittel Zugriff haben.

Deshalb ist die Diskussion um Syngenta und Monsanto vielschichtig: Beide Konzerne haben einen Weltmarkt und die Schweiz ist ein Wurmfortsatz in ihrem Geschäft. Andererseits vertritt die Schweiz eine nachhaltige Landwirtschaft.

Deshalb wäre das Image von Basel für Monsanto ein grosser Gewinn, vielleicht bedeutender als eine mögliche Steuerersparnis. Zudem geht es den beiden Firmen auch um eine Stärkung ihrer Marktposition.

Müssten sich die Bauern nicht gegen den Image-Klau wehren?

Ich bin kein Bauernpolitiker. Aber als Bauer würde ich eine kritische Position dazu einnehmen, wenn der Verkäufer der Betriebsmittel sich eine noch stärkere Position in der Wertschöpfungskette aneignet.

Auf der anderen Seite hat ein Bauer im Alltag Probleme mit Krankheiten, Unkraut und Schädlingen. Chemische Mittel helfen, das in den Griff zu kriegen. Das Umsteigen auf eine pestizidfreie Produktion erfordert viel Aufwand und Fachwissen.

Ob sich diese Bioproduktion durchsetzt, wird sich trotz der Unterstützung durch Direktzahlungen letztlich daran entscheiden, ob die Konsumenten diese Produkte kaufen. Und dafür benötigen wir Formen, wie man die Qualität am Markt kommuniziert. Dazu gehört neben Bio, IP, Regio oder Slow-Food auch das Swissness-Label.

Dem starken Franken wollen Sie Swissness entgegensetzen?

Ja. Wenn wir jetzt 20 Prozent teurer sind, müssen wir nochmals 20 Prozent besser werden.

Wie gut ist man heute?

Die höchste Qualitätsstufe ist die Bioproduktion, auch dank eines strengen gesetzlichen Schutzes der Auszeichnung «Bio». Da nimmt die Schweiz einen Spitzenplatz ein. Nur in wenigen Ländern, beispielsweise in unserem Nachbarland Österreich, ist der Anteil höher. Das Baselbiet liegt über dem Schweizer Durchschnitt und ist ein Pionierkanton: Der Ebenrain war 1971 europaweit der erste Gutsbetrieb, der auf Bio umstellte. Am Markt noch wichtiger sind die Regionalprodukte. Ihr Umsatz ist bereits etwa doppelt so hoch. Authentizität aus der Region ist der Gegenpol zur Globalisierung.

Wie wollen Sie das konkret umsetzen?

Wir sind zusammen mit Basel-Stadt im September Ehrengast am Schweizer Wettbewerb für Regionalprodukte in Delémont. Dafür bereiten wir uns sorgfältig vor zusammen mit dem Bauernverband, Baselland Tourismus, dem Standortmarketing und dem Amt für Umwelt und Energie Basel-Stadt.

Mit welchem Ziel?
Ich erhoffe mir nicht nur ein paar Medaillen für Baselbieter und Basler Produkte, sondern ich möchte die Qualitätsstrategie in unserer Region weiter verankern. Dafür haben wir Dominik Flammer, Autor von «Das kulinarische Erbe der Alpen», engagiert, ein profilierter Spezialist für Regionalprodukte. Mit ihm haben wir eine unglaubliche Spezialitäten-Vielfalt gefunden.

Was zum Beispiel?

In Eptingen stellt ein Biobetrieb aus Dinkel nicht nur Brot her, sondern auch eine Art Risotto. Dieses ist so interessant, dass ein Spitzengastronomiebetrieb in Binningen das bei sich einführen will. Ein zweites Beispiel: Die Mässmögge haben eine lange Basler Geschichte. Doch stammen bisher weder der Zucker noch die Haselnüsse aus der Schweiz. Der Hersteller wäre interessiert, Nüsse in der Region einkaufen zu können. Es gibt also Perlen, die bereits aus regionalen Zutaten produziert werden. Andererseits gibts regionale Spezialitäten, die man mit Zutaten aus der Region statt Import stark aufwerten könnte.

Und was soll daraus werden?

Der Spitzengastronom Georges Wenger und der Chefkoch des «Les Trois Rois», Pablo Löhle, haben bereits öffentlich mit Baselbieter Produkten gekocht und dies auf dem Marktplatz in Basel an Passanten verteilt. Der Gasthof Neubad, ein weiterer Spitzen-Gastrobetrieb, wird am 20. Juni ein Gourmet-Diner und einen Bauernmarkt mit regionalen Produkten veranstalten. Die Spitzengastronomie interessiert sich also immer mehr für regionale Produkte. Diese Zusammenarbeit wollen wir gezielt weiter entwickeln.

Spitzengastronomie – das tönt aber ziemlich elitär.

Natürlich gibt es noch mehr Landgasthöfe und Besenbeizen mit regionalen Produkten. Spitzengastronomen sind aber als Leuchttürme gute Botschafter für die Qualitätsstrategie. Und in Delémont hoffe ich, dass Teilnehmer mit Läggerli oder Mässmögge auf den Geschmack kommen, regionale den importierten Zutaten vorzuziehen.

Da übernimmt der Ebenrain neben der Umsetzung der nationalen Agrarpolitik eine weitere Funktion. Wie setzt man denn zusätzliche Aufgaben in Zeiten der Sparprogramme um?

Im Auftrag des Baselbieter Regierungsrats bereiten wir einen attraktiven Auftritt vor, aber kostenbewusst und ohne Pomp. Wir wollen aber nicht nur eine Strichliste führen, wer am Wettbewerb in Delémont Produkte ausstellt. Vielmehr wollen wir mit der Ehrengastrolle den regionalen Verarbeitern und Bauern einen Anstoss liefern. Und wenn Gastronomen regionale Produkte suchen, aber nicht wissen, wo sie diese bekommen, dann können wir ihnen Bauern mit spannenden Produkten vermitteln.

Fördern Sie auch die Entwicklung neuer Produkte?

Wir haben dieses Jahr das Programm Spezialkulturen (die bz berichtete) gestartet. Wir möchten damit auch zu Investitionen ermuntern, um den Nachteilen des starken Frankens die Stirn zu bieten. Wenn man jetzt sagt, wir sollten nur noch billiger werden und nicht mehr investieren, bedeutet das den Untergang einer Branche. Wer nicht mehr investiert, glaubt nicht an die Zukunft. Ich habe aber einen starken Glauben an die Zukunft der Baselbieter Landwirtschaft.