Coronavirus
Das Virus und wir – Die Kunst, ein verrücktes Pferd zu zähmen

Benjamin Wieland
Benjamin Wieland
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«Geschichte stürzt zu einem ins Wohnzimmer wie ein verrücktes Pferd», sagte Philip Roth. Und die Chinesen, so heisst es, wünschen dem Feind: «Mögest Du in interessanten Zeiten leben!»

Interessante Zeiten, die haben wir gerade. Philip Roth erlebt sie nicht mehr, der Autor starb 2018. Doch sein verrücktes Pferd steht in der Stube.

Philip Roth Philip Roth wurde 1933 in Newark, New Jersey, geboren und starb am 22. Mai 2018 in New York City. Bevor er sich dem Schreiben widmete, unterrichtete er an verschiedenen Universitäten in den USA Englisch. 2001 erhielt er die Goldmedaille für Belletristik, die alle sechs Jahre für das Gesamtwerk eines Autors verliehen wird. Dies ist die höchste Auszeichnung der American Academy of Arts and Letters. 

Philip Roth Philip Roth wurde 1933 in Newark, New Jersey, geboren und starb am 22. Mai 2018 in New York City. Bevor er sich dem Schreiben widmete, unterrichtete er an verschiedenen Universitäten in den USA Englisch. 2001 erhielt er die Goldmedaille für Belletristik, die alle sechs Jahre für das Gesamtwerk eines Autors verliehen wird. Dies ist die höchste Auszeichnung der American Academy of Arts and Letters. 

Douglas Healey

Unerhört! Waren wir in der Schweiz doch der Meinung, für uns gelte seit dem Ende des Sonderbundskrieges der umgekehrte Slogan des Deutschen Sportfernsehens, als es noch so hiess: «Nur dabei statt mittendrin».

Aber Corona kehrt alles um. Plötzlich waren wir es, die untendurch mussten. Galten im Ausland als Virenschleudern. Wurden bei der Passkontrolle scheel angekuckt: «Die hat doch gehustet!»

Was tun in der Isolation? Die fragen, die Isolation erlebt haben. Echte Isolation, ohne Internet und coop@home. Zum Beispiel Lukas Stoecklin, Jahrgang 1940. Schon als Bub fotografierte er dem Abriss geweihte Häuser. Seine Fotos vom verschwundenen Basel gibt es als Buch. Der pensionierte Journalist schwört auf Ablenkung. Er postet jetzt häufiger Bilderrätsel für seine Facebook-Freunde. Zu sehen ist immer ein Haus, das es nicht mehr gibt. Dazu die Frage, wo es stand. Das hält munter. Bis zur nächsten Medienkonferenz des Bundesrats.

«Die Leute kriegen kaum genug von den Bildern»: Lukas M. Stoecklin in seinem Arbeitszimmer in Allschwil.
35 Bilder
Sein Buch «Verschwundenes Basel» ist 2017 erschienen – im 2019 die 2. Auflage.
Den Auslöser zu seiner Leidenschaft war der Abbruch des Hauses «zum Drachen» in der Aeschenvorstadt in den Jahren 1953/54.
Rund zehn Jahre später wurde auch der Gasthof zum goldenen Sternen plattgemacht ...
... und die Buchdruckerei zum Hirzen.
Die Studenverbindung Sequania vor dem Abmarsch.
Der «Goldene Löwen» wurde abgerissen und die Fassade einige hundert Meter weiter wieder aufgebaut: An der St. Alban-Vorstadt.
Nochmals der «Goldene Sternen» in der Aeschenvorstadt.
Die Hebelstrasse mit dem Markgräfler Hof. Die Häuser im Vordergrund mussten dem zahnärztlichen Institut weichen.
Die Hebelstrasse 26, Haus «Alte Treu», Hofseite. Von der Abbruchsstelle rettete Stoecklin ein Fenstergewölbe aus Sandstein und schleppte es nach Hause, wo es seine Wohnung zierte.
Die Hebelstrasse 30 und 32.
... und nochmals die Hebelstrasse, dieses Mal die Hausnummern 24 bis 16.
Das Steinenbachgässlein, in der Mitte «Linksabbiegen» zur Steinenvorstadt.
Ca. 1956: Abbruch für das Storchen-Parkhaus, vom Kellergässlein aus betrachtet.
Nochmals die Baustelle für den «Storchen», vom Totengässlein aus, im Hintergrund der Turm der Peterskirche.
Die Hutgasse, im Jahr 1956, vor dem Abbruch für die Epa, heute Coop-City.
Stoecklin ging zum Fotografieren auch in die Vorortsgemeinden. Blick von Birsfelden in Richtung Lehenmatt. Das dritte der heute vier Lehenmatt-Hochhäuser ist im Bau.
Das «Rössli» in Binningen, kurz vor dem Abbruch.
Die Bahnhofsstrassse in Aesch mit viel Schnee, anno 1971.
Das Bahnhöfli in Oberwil.
Das Bahnhof-Areal in Therwil.
Ein Jugendstilhaus in Dornach.
Das Zentrum von Dornach.
Allschwil, das ehemalige «Ochseneck» an der Binningerstrasse.
Der «Bären» in Birsfelden, zirka 1961.
Stoecklin hielt auch fest, was in den letzten Jahrzehnten verschwand. Etwa die alte Stückfärberei.
Heute steht hier das Einkaufszentrum, das immerhin die Bezeichnung des Volksmundes für die Stückfärberei übernahm: «Stücki».
Das Kino Morgarten an der Allschwilerstrasse.
Die Binningerstrasse bei der Heuwaage: Fast die ganze Häuserzeile musste dem Waaghof-Neubau weichen.
Arbeiten am Rheinufer, 1999.
Anstelle des Restaurants Niederholz in Riehen steht heute eine Wohnüberbauung.
Hier wird im Nachtigallenwäldeli der Birsig eingedolt.
Das alte St. Jakob-Stadion, kurz vor dem Abriss 1999.
Das Dach ist nur noch ein Gerippe. Unbeschadet ist die markante Coca-Cola-Reklame.
Die Schlotterbeck-Garage im Jahr 1994. Im Ersatzbau befindet sich heute unter anderem die Stadt-Redaktion der bz.

«Die Leute kriegen kaum genug von den Bildern»: Lukas M. Stoecklin in seinem Arbeitszimmer in Allschwil.

Kenneth Nars

Die Meinungen in den Kommentarspalten zu den Fotos sind gemacht. Bedauern, was alles abgerissen wurde. Sind Häuser älter als 100, beginnen sie beim gemeinen Volk als schön zu gelten. Vielleicht aber ist vieles, was heute gebaut wird, tatsächlich nicht so schön. Auch aus objektiver Sicht – sofern es die gibt. Alexis de Tocqueville (1805 bis 1859, war ein französischer Publizist, Politiker und Historiker.) sagte, in Demokratien würde viel Nützliches, aber wenig Schönes produziert. Und in Aristokratien viel Schönes, aber wenig Nützliches: Fabergé-Eier. Gedichte. Metaphysische Theorien.

Ich füge an: Versailles. Das Schloss würde heute nicht mehr bewilligt. Aus der Zeit gefallen. Gebäude müssen sich rechnen, alle. In ihnen steckt häufig Pensionskassengeld. Verschwendung ist tabu.

Man gucke sich neue Wohnüberbauungen an. Urvernünftig. Quadratisch, praktisch – ohne Mut.

Was hat das alles mit der Coronakrise zu tun? Nichts. Aber Sie haben nicht an Viren gedacht. Die Taktik des pensionierten Kollegen. Schlauer Fuchs.