Kantonsbibliothek

Der Herr der Bücher geht in Pension: Die grossen Fussspuren des Gerhard Matter

Kantonsbibliothekar Gerhard Matter ist in Pension gegangen. Er hat «seine» Bibliothek in Liestal zu einem Publikumsmagneten gemacht.

Andreas Hirsbrunner
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Gerhard Matter vor der Kantonsbibliothek

Gerhard Matter vor der Kantonsbibliothek

Juri Junkov
Kantonsbibliothek Matter

Kantonsbibliothek Matter

Juri Junkov

Die Zahlen sprechen für sich: Die drei am häufigsten frequentierten Kulturinstitutionen des Kantons Baselland sind im letzten Jahr die Kantonsbibliothek mit 229'000, die Römerstadt Augusta Raurica mit 160'000 und das Kantonsmuseum mit 20'000 Besuchern. Dass die Bibliothek so obenaus schwingt, hat verschiedene Gründe. Ein wichtiger heisst Gerhard Matter, seit Anfang Mai alt Kantonsbibliothekar im Ruhestand.

Eine letzte Kostprobe seiner Kreativität, garniert mit einem Schuss Eitelkeit, liefert er coronabedingt in diesen Tagen: Weil ein Abschiedsapéro mit grosser Kulisse, wie es sich nach 30 Jahren an der Spitze einer so wichtigen Kulturinstitution geziemt hätte, nicht möglich war, hat Matter seine Gedanken in Form einer Broschüre mit launigen Texten, zahlreichen Bildern und lobenden Worten von Weggefährten herausgegeben. Erhalten sollen das Werk jene, die zum Abschiedsfest geladen gewesen wären.

Der Köder für Matter hiess Bibliotheksneubau

Peter Schmid Baselbieter Alt-Regierungsrat

Peter Schmid Baselbieter Alt-Regierungsrat

Juri Junkov

Eine Stimme fehlt darin – jene von alt Regierungsrat Peter Schmid, der Matter 1990 angestellt und 13 Jahre lang «geführt» hat. Schmid beschreibt dessen Wirken so: «Gerhard Matter erfüllte voll und ganz das, was wir von ihm erhofft haben.» Er habe sich mit Leib und Seele eingesetzt, habe die Bibliothek belebt und das wichtige Projekt Neubau sehr aktiv und mit viel Durchhaltevermögen begleitet. Und Schmid weiter: «Er war ein sehr eifriger Freund und Förderer von Büchern und wollte mir in zahlreichen Diskussionen beibringen, dass Baselland mit Büchern unterversorgt sei. Diesen Notstand habe ich aber nicht erkannt.» Dass Matter in Liestal überhaupt Fuss fasste, war Schmids Verdienst. Er köderte ihn mit der Aussicht auf einen Bibliotheksneubau. Matter biss an, weil er nicht nur ein literatur-, sondern auch ein architekturaffiner Mensch ist. Und er, in Cham aufgewachsen, hatte an seiner ersten Stelle bei der Stadt- und Kantonsbibliothek Zug erlebt, wie ein gelungener Neubau die Bibliotheksnutzung befeuern konnte.

Deshalb warf er auch seinen Grundsatz, nie länger als sieben Jahre an der gleichen Stelle zu bleiben, über Bord und arbeitete an vorderster Front an der Planung der neuen Kantonsbibliothek beim Liestaler Bahnhof mit. Dazu Matter: «Diese Möglichkeit zu haben, war genial. Es ist sehr selten, dass man eine Bibliothek neu denken darf.»

Kantonsbibliothek Liestal
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Seit der Einweihung im Jahr 2005 gilt die Kantonsbibliothek weitherum als Leuchtturm. Was trägt Matters Handschrift? «Die Farbgebung. Dieser leuchtende, je nach Lichteinfall gelb bis hellgrün wirkende Farbton macht die Räume luftig und wirkt sich positiv auf das kognitive Hirnzentrum aus.» Matter konnte mit seinem Farbkonzept den Architekten begeistern, weniger aber die damalige Kantonsarchitektin. Sie habe schliesslich gesagt, «wenn Du das unbedingt haben willst, kannst Du es haben». Er sei sich bezüglich Tragweite, so erzählt der dreifache Vater lachend, vorgekommen wie bei einer Eheschliessung.

Aber eine attraktive Gebäudehülle mit einem farbigen Innenleben vermag die Leute nicht über Jahre in Scharen in die Bibliothek zu locken. Dazu brauchte es noch einige Kunstgriffe des studierten Historikers mit Zusatzausbildung als Bibliothekar. So etwa die damals pionierhafte Umstellung auf ein Selbstausleihesystem der Bücher, die Sonntagsöffnung sowie die Belebung der Bibliothek mit zahllosen kulturellen Veranstaltungen aus den verschiedensten Genres. Es dürfte denn auch kaum einen Schweizer Schriftsteller geben, der nicht eine Lesung in Liestal abgehalten hat.

So preist SRF-Kulturplatz die Sendung aus der Kantonsbibliothek an:

Die Bibliothek der Zukunft

Früher waren sie Kathedralen des Wissens und Hort der Bildung. Heute fragt man sich, wozu es sie noch braucht, wenn man alles im Internet nachlesen kann. «Kulturplatz» will wissen, wie die Bibliothek der Zukunft aussieht und warum sie auch im digitalen Zeitalter alles andere als überflüssig ist.

«Kulturplatz» vom 04.04.2018

Kurz vor Schluss bremste ihn ein Burnout

Aber nicht alles gelang Gerhard Matter. Als Tiefpunkt bezeichnet er das Scheitern eines gemeinsamen Bibliothekspasses beider Basel im Jahr 2008, den er gerne an das Umweltschutz-Abo gekoppelt hätte: «Das hätte ganz neue Dimensionen eröffnet.» Und Anfang 2019 schlitterte er in ein Burnout.
Er war damals als Präsident des Carl-Spitteler-Jubiläumsvereins zusätzlich stark gefordert.

Das geschützte Liestaler Geburtshaus von Carl Spitteler wurde zurückverwandelt

«Die hohe Arbeitsbelastung und die wenige Zeit, die ich dadurch für Sport hatte, führte zu einem körperlichen und psychischen Zusammenbruch.» Erholt habe er sich «bei der Monotonie des Laufens» während einer einmonatigen Pilgerwanderung in Spanien. Matter ist froh, dass er sich damals nicht frühpensionieren liess: «Ich wollte nicht halbkrank, sondern wieder genesen und mit einem positiven Gefühl abtreten.»