Basler Fasnacht

Die Ausweitung der Fasnachtszone

Nach Jahren des Rückzugs macht sich die Fasnacht in der Basler Innenstadt wieder breiter – nicht zuletzt dank Guggen und Bängg.

Andreas Schwald
Drucken
Teilen
Symbolbild

Symbolbild

KEYSTONE

Es gibt da an der Fasnacht diesen Begriff des Bermudadreiecks. Dort, so munkelt man, komme keiner mehr raus, der einmal reingeraten sei. Und wer es – entgegen allen Wahrscheinlichkeiten – doch herausschafft, der ist nicht mehr derselbe, der er vorher war. Wo dieses Bermudadreieck liegt, weiss heute allerdings keiner mehr so genau. Es wabert und wandert mit den Fasnächtlern umher. Früher, es muss um die 1970er-Jahre gewesen sein, siedelte man es im Kleinbasel an, irgendwo zwischen Ochsengasse und Rheingasse, wo sich Spelunke an Spelunke reihte und die Tanzflächen gewisser Etablissements förmlich bebten.

Dann, spätestens nach den Achtzigern, verortete man es eher im Grossbasel, direkt im Auge des gerade aufziehenden Fasnachtssturms, zwischen Rümelinsplatz, Andreasplatz und Harmonie. Doch wer weiss, vielleicht ist dieses Dreieck am Schluss aber auch nur das, was die alten Humanisten als «Topos» bezeichnen, mehr Thema als Ort, ein Gemeinplatz, der stets dasselbe beschreibt: Einen Ort, wo man vom Geschehen zutiefst ergriffen sich selbst verliert und die wunderlichsten Dinge geschehen.

Wie die Steinenvorstadt wieder zum Fasnachtsleben kam

Die Fasnacht kennt einige solcher Orte. Sie befinden sich stets in den engsten, innersten Gassen der Altbasler Innenstadt. Hierhin zog sich die Fasnacht in den vergangenen Jahren auch oft zurück. So entstanden die Hochburgen von Pfeifern und Trommlern (A) rund um Rümelinsplatz, die Heimat der Guggen im Glaibasel (B) sowie die eher gelassene Verweilmeile rund um Barfi und neuerdings um die Steinenvorstadt (C). Letztere ist ein gelungenes Beispiel für die aktuelle Tendenz zur Ausweitung der Fasnachtszone. Vor wenigen Jahren, noch vom fasnächtlichen Aussterben bedroht, beginnt sie wieder zu leben. Insbesondere am späten Dienstagabend verweilen hier unzählige Familien, welche die Kinderfasnacht vom Nachmittag hinter sich gebracht haben.

bz

Die Grenzlinien des Basler Fasnachtsperimeters (ohne Cortège-Routen)

Die Basler Fasnacht spielt sich traditionell in der Innenstadt ab. Dieses Jahr gibt es einige Erweiterungen: So will die neue Fasnachtsstuube bei der Spalenvorstadt (1) Fasnächtler in eher unterbesuchtes Territorium locken. Auf dem Kasernenareal sollen die Big Bängg im Parterre (2) am Dienstag die Frequenz im Kleinbasel ankurbeln. Derweil beleben insbesondere die Guggenmusiken die lange Clarastrasse (3). Problematisch bleibt für Aktive der Übergang ins Grossbasel via Wettsteinbrücke (4), hier gibt es noch Potenzial. Das Atlantis macht dafür am Dienstag mit zusätzlichen Schnitzelbängg den Klosterberg attraktiver (5) und die Steinenvorstadt (6) hat sich von einer Ödnis zur zeitweisen Familienzone gemausert: Hier ist abends seit zwei, drei Jahren viel Verweilpotenzial entstanden. Aufholbedarf hat derweil die Grünpfahlgasse (7), die sich nur langsam wieder von der Partyzone zur Fasnachtsachse entwickelt.

Im kritischen Brennpunkt der vergangenen Dekade stand hingegen das Kleinbasel. Stammcliquen beklagten den Niedergang von Lokalen, die ausreichend Platz für einen Halt boten. Schnitzelbänggler verkürzten angesichts zunehmender Auftrittsdichten ihre Routen und viele Schissdräggzyygli strebten nach der intimen Engnis, die ihnen noch die Umgebung des Spalenbergs bot. Es ist nicht zuletzt den Guggen zu verdanken, dass das Kleinbasel fasnächtlich in Stimmung gehalten wird.

Der Verkehr an der Grenze und der blinde Fleck im Innersten

Tatsache ist, dass die Fasnachtszone das öffentliche Leben in der Basler Innenstadt abbildet: ohne Einkehrmöglichkeiten keine Umgänge, ohne Atmosphäre kein Verweilen. Entsprechend endet die Zone definitiv am nächsten alltäglich genutzten Verkehrsträger – und damit am inneren Cityring. Schon die Wettsteinbrücke gilt ausserhalb des Cortège am Montag und Mittwoch als «Killer». Entsprechend richtet man sich auch 2020 noch nach Mittelalter-Norm aus: Nur die Mittlere Brücke und allenfalls die Fähren führen die Fasnacht über den Rhein.

Zuletzt haben es aber nicht nur die Fasnächtler selbst in der Hand, wo sie sich aufhalten. Das beste Beispiel ist die als «Gläbbergässli» bezeichnete Grünpfahlgasse, die zwar mitten im Herz der Fasnachtsstadt liegt, aber wegen pöbelnder Partygänger einige Zeit abends für Kostümierte praktisch tabu war. Es ist also auch eine Frage des Angebots, das sich seine Nachfrage schafft: Dünnt eine Verpflegungsmeile aus oder verwechseln deren Beizer hiesige Fasnachtskultur mit drei Tagen banaler Partykultur, wird der jeweilige Ort von den Aktiven gemieden. Es liegt an den Gastgebern genauso wie an den Stadtplanern, wo sich das Bermudadreieck halten kann – oder wohin es eben dislozieren muss.

Fasnachtsstuube: Das Wagnis an der Spalenvorstadt

Almi setzt auf erste Bängg und hofft auf Kostümierte.

Mut hat er ja: Komiker und Schauspieler Patrick «Almi» Allmandinger hat mit der Eröffnung seiner Fasnachtsstuube für eine erste Pointe im Herbst 2019 gesorgt. Jetzt, wo die Fasnacht vor der Türe steht, naht die Nagelprobe: Mag sein Lokal, das sich an der Schützenmattstrasse, Ecke Spalenvorstadt, befindet, die Fasnächtler an die Grenzen des Perimeters bewegen? Den Fasnächtlern, aber auch der pittoresken Spalenvorstadt wären diese Ausflüge zu gönnen – oft verwaist sie zu Randzeiten schnell, die meisten Fasnächtler kehren kurz davor auf Höhe der Fasnachtsbeiz Harmonie wieder um und stürzen sich wieder in die Berge: Spalenberg, Heuberg, Nadelberg. Der kleine Altstadtabschnitt wurde bislang vor allem von Fasnächtlern durchschritten, die zum Restaurant zum Tell direkt beim Tor zogen. Da die kleine Vorstadt damit keine ganz unbekannte Ecke ist, könnte das fasnachtsgastronomische Experiment tatsächlich aufgehen. Schliesslich ist dort auch die Akustik für glanzvolle Pfeifer und Tambouren hervorragend.

Big Bängg in Little Basel: Die Rückeroberung der Kaserne

Schnitzelbängg und Parterre One spannen zusammen.

Lange musste man sich anhören, dass das Kleinbasel fasnächtlich aussterbe. Ein immenser Beizen- und Beizerwechsel in den vergangenen Jahren, dazu der Rückzug von Cliquen und Schnitzelbängglern, liessen diese Ecke vor allem abends etwas aushungern. Zudem ist hier der Perimeter besonders eng gefasst, bedingt durch wenig fasnächtliche Transitstrassen. Die Kaserne, eigentlich eine Perle der Innenstadt, markiert bereits den Rand der Zone. Eingefleischte Kleinbasler weisen das zwar von sich, geben allerdings zu, dass etwas mehr Leben nicht schaden könnte. So riefen sie «Big Bängg» ins Leben, einen Schnitzelbank-Abend am Dienstag im Parterre One bei der Kaserne. Dahinter stehen unter anderem Bangg-Comité-Obmann Edi Etter und Armin Faes, beide Kleinbasler durch und durch. Es soll nun «die hohe Kunst des Basler Schnitzelbanks im Kleinbasel ein neuer, attraktiver Austragungsort erhalten», heisst es vorab. Der Fasnachtsdienstag eigne sich sehr gut, den Bangg-Formationen «freien Lauf zu gewähren».

Mit Ross und Kutsche: Die Chaisen fahren stolz voran

Die Vorreiter heutiger Wäägeler setzen ein Zeichen.

Von Pferden gezogene Chaisen gehören zum Cortège wie Räppli und Mimosen. In den vergangenen zwei Jahren sahen sie sich allerdings starkem Druck von Tierschützern ausgesetzt, 2019 kam es zudem zu zwei Stürzen wegen Bodenplatten an Baustellen. Sie liessen sich dadurch aber nicht unterkriegen oder gar von der Fasnacht vergraulen, denn die Pferde sind keine Leidenden, sondern intelligent und für Anlässe wie diese ausgebildet – und ebenso die Kutscher. Dabei gilt aber für Zuschauer, dass sie die Tiere nicht plagen: Pferde gehören nicht einfach betatscht, man tritt nicht an sie heran, man nähert sich ihnen erst recht nicht von hinten. Man erschreckt sie nicht und bewirft sie nicht mit Räppli, Orangen und anderem – genau so wenig, wie man es mit den anderen Aktiven auf zwei Beinen macht. Die prachtvollen Tiere, Fuhrwerke und Kostümierten lassen sich am Fasnachtsmittwoch um 17.30 Uhr an der «Schääsede» am Blumenrain bestaunen. Dieses Jahr fährt übrigens zum ersten Mal eine elektrisch betriebene Kutsche mit.