Fasnacht

Die Fasnacht steht auf der Kippe – der Mittag der Entscheidung naht

Cliquen, Beizenbesitzer und Behörden: Die drohende Absage der Basler Fasnacht beschäftigt beide Basel.

Ayse Turcan, Benjamin Rosch, Alain Gfeller, Leif Simonsen, Silvana Schreier
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Basel ohne Fasnacht: Was sich die meisten nicht vorstellen könnten, tritt in diesem Jahr vielleicht ein.

Basel ohne Fasnacht: Was sich die meisten nicht vorstellen könnten, tritt in diesem Jahr vielleicht ein.

Juri Junkov

In der Basler Verwaltung liefen die Drähte gestern heiss. «Aufgrund der gesamtschweizerisch veränderten Ausgangslage» wird erst heute Mittag entschieden, ob die Fasnacht stattfinden kann. Dabei ist zurzeit noch gar nicht ganz klar, wer diesen Entscheid letzten Endes zu fällen hat.

Das aktuelle Schweizer Epidemiengesetz ist noch keine fünf Jahre alt. Sars, Schweine- und Vogelgrippe sensibilisierten für den Umstand, dass Infektionskrankheiten in einer vernetzten Welt plötzlich auftreten und ganze Länder schnell vor grosse Probleme stellen können. Seit 2016 kennt die Schweiz deshalb den «Katastrophenmodus». In einem solchen Fall liegt die Entscheidungsgewalt nicht mehr in Basel-Stadt. Ein Sprecher des Bundesamts für Gesundheit sagt auf Anfrage: «Grundsätzlich können die Kantone über die Durchführung von Veranstaltungen entscheiden. In einer besonderen Lage kann der Bundesrat aber für die ganze Schweiz entsprechende Massnahmen anordnen.»

Auch für den Kanton Baselland steht heute der Tag des Entscheidens an: Der Kanton teilt mit, er werde heute Nachmittag darüber informieren, wie mit Massenveranstaltungen umgegangen wird. Eine Weisung zur Absage würde den zweiten Teil der Bauernfasnacht betreffen, beispielsweise am Sonntag den beliebten Chienbäse-Umzug in Liestal.

Noch hoffen wir.

(Quelle: Thomas Lüthi, Guggemusig Ventilatore)

Das Virus kommt von Tag zu Tag näher

Italien ist bisher das Land mit der grössten Anzahl an mit dem Corona-Virus infizierten Personen in Europa. Betroffen sind insbesondere nördliche Regionen wie die Lombardei oder Venetien. Am vergangenen Sonntag sagte der Präsident Venetiens, Luca Zaia, deshalb nicht nur alle Sportanlässe, sondern auch die für diese Woche geplanten Karnevalsveranstaltungen ab. Dies hatte zur Folge, dass unter anderem der für seine Masken berühmte Karneval in Venedig nicht stattfinden konnte.

Der erste Fall einer mit dem Corona-Virus infizierten Person in der Schweiz wurde am Mittwoch im Tessin bestätigt. Die Tessiner Regierung sagte daraufhin sämtliche noch bevorstehenden Fasnachtsveranstaltungen ab. Andere Grossevents sind entweder untersagt oder finden, wie zwei Hockeyspiele vom kommenden Wochenende, ohne Zuschauer statt.

Welche Folgen die Durchführung von Grossveranstaltungen trotz Risiko haben kann, zeigte sich diese Woche in Deutschland: Ein am Corona-Virus erkranktes Ehepaar hatte an einer Karnevalsveranstaltung im Bundesland Nordrhein-Westfalen teilgenommen. Nun hat das Gesundheitsministerium des Bundeslandes am Mittwoch rund 300 Besucher der Veranstaltung aufgerufen, sich bei den Behörden zu melden. Mindestens ein Teilnehmer wurde in der Zwischenzeit positiv getestet und befindet sich in Quarantäne. Auswirkungen auf weitere Veranstaltungen hat dieser Fall jedoch nicht, da der Grossteil der diesjährigen Faschingsveranstaltungen in Deutschland bereits stattgefunden hat.

Dass nicht nur Veranstaltungen betroffen sind, zeigt das Beispiel aus Niederlenz im Kanton Aargau: Die Schülerinnen und Schüler einer Oberstufenschule der Gemeinde, die nur rund 70 Kilometer von Basel entfernt liegt, haben schulfrei erhalten. Grund dafür ist der Verdacht einer mit dem Corona-Virus infizierten Familie einer Schülerin. Das Testergebnis, das laut «20 Minuten» mittlerweile vorliegt, ist negativ. In beiden Basel wurde der Schulbetrieb bisher noch nicht vom Virus gestört. Dies liegt auch an den Schulferien, die noch bis zum 8. März dauern. Simon Thiriet vom Basler Erziehungsdepartement sagt zur bz: «Sollte sich die Situation bis zum Schulbeginn drastisch verändern, würden wir entsprechende Massnahmen treffen.»

Die Furcht der Beizer vor dem ausbleibenden Geschäft

Besorgt von einer drohenden Absage der Fasnacht sind vor allem auch die Basler Gastronomen. Eine solche hätte gravierende Folgen, sagt der Präsident des Wirteverbands Basel-Stadt, Maurus Ebneter. Es gebe in den Aussenquartieren zwar Betriebe, die während der Fasnacht schliessen, aber: «Für gut 200 Betriebe hätte dieser Fall verheerende Folgen. Die Fasnacht bringt vor allem den Lokalen in der Innenstadt einen Liquiditätsschub, den manche von ihnen dringend benötigen.» Verständnis für eine Absage der Fasnacht kann Ebneter nicht aufbringen; es wäre «eine vollkommene Überreaktion». Dann müssten zum Beispiel auch Schulen und der öffentliche Verkehr schliessen. Er sagt: «Wir würden die Begründung kritisch analysieren und überlegen, ob wir Entschädigungen fordern können. So wie die Bauern nach grossen Unwettern und Ernteausfällen auch entschädigt werden.» Aber, so Ebneter, müsse man die Situation von Tag zu Tag neu beurteilen. Er betont auch, dass er wahrscheinlich weniger wisse als die Krisenstäbe.

Vor exakt hundert Jahren fällten die Basler Behörden aber gerade diesen drastischen Entscheid: Die Basler Fasnacht wurde abgesagt. Eine Grippewelle war Schuld. Dabei freute sich die Bevölkerung besonders auf den Anlass, wäre es doch die erste Fasnacht nach der durch den Ersten Weltkrieg bedingten Pause gewesen. Doch die Erfahrungen mit der Spanischen Grippe, die in den Jahren zuvor mehrere hundert Tote gefordert hatte, machten der Fasnacht den Garaus, wie der Eintrag im Basler Jahrbuch von 1920 zeigt. Mit dem Versammlungsverbot wollte der Kanton die Ausweitung der Krankheit verhindern – was vermutlich auch gelang: Denn vier Wochen nach dem eigentlichen Termin konnte die Fasnacht doch noch durchgeführt werden.

Cliquen wollen nichts von einer Absage wissen

Für die Fasnächtler markieren die drei schönsten Tage einen Fixpunkt in der Agenda – wie Weihnachten oder Ostern. Mit einer Absage hatten von der aktuellen Generation Fasnächtler noch bis vor ganz Kurzem wohl nur die wenigsten gerechnet. Entsprechend bestürzt äussern sich die Aktiven ob der Tatsache, dass inzwischen alles ins Wanken geraten sei. Viele Obleute dürften sich gestern mit ihren Vorstandsmitgliedern darüber ausgetauscht haben, wie sie jetzt reagieren und wann sie persönlich den Entscheid treffen: Fasnacht oder nicht. «Wir warten den heutigen Entscheid ab und werden dann besprechen, wie wir damit umgehen sollen», sagt nochmals Simon Thiriet, dieses Mal in seiner Rolle als Obmann der Alte Richtig. Dass am Montag kein einziger Trommelschlag zu hören sein wird, ist allerdings unwahrscheinlich. «Sollte der Cortège abgesagt werden, müssten wir abklären, ob Fasnacht in irgendeiner Form möglich ist.» Eine Teilnahme sei dann aber sicher jedem Einzelnen überlassen.
Während die Stammcliquen auch abends oder am Morgestraich zumindest teilweise nicht auf die Fasnacht verzichten müssten, sieht die Lage für die Kleinsten ganz anders aus. Salomé Hofer ist Obfrau der Junteressli Junge Garde. Sie sagt: «Die Kleinsten laufen am Montag bis um 20 Uhr und am Mittwoch bis 22 Uhr. Für sie wäre der Wegfall des Cortèges besonders schade.» Die aktuelle Situation bezeichnet die Grossratspräsidentin als «absurd»: «Wir müssten uns ernsthaft überlegen, wie wir trotzdem die Fasnacht zusammen geniessen könnten.»

Alex Erasmo, Obmann der Merlinschränzer, hat eine klare Haltung: «Die Gesundheit geht vor.» Natürlich würde auch seine Clique viel investierte Zeit und auch Geld verlieren. Doch: «Wenn das BAG zum Schluss kommt, dass die Fasnacht nicht stattfinden kann, muss man nicht darüber diskutieren.» Sein Amtskollege von der Stenzer-Gugge, Colin Lukas, kann sich dazu noch nicht durchringen. «Ich mache mir Gedanken, was bei einer Absage passiert. Wir haben einen sehr grossen Aufwand betrieben», sagt er. «Noch hoffen wir», fasst Thomas Lüthi von der Guggemusig Ventilatore zusammen, was wohl die meisten denken.

Auch der bekannte Schnitzelbank Spitzbueb verfolgt die Entwicklungen gespannt. Eine Absage der Fasnacht empfindet er als Überreaktion, der er eine Trotzreaktion folgen lässt. Eigens für die aktuelle Situation hat er einen neuen Vers geschmiedet:

Abroboo Virus, s isch zum Lache:
yych wird trotzdäm Fasnacht mache.
Corona, lägg du miir am Aarsch:
«Morgestraich – vorwäärts maarsch!»