Mein Dreiland
Leiden am Fussball

Die EM 2020 läuft auf fast allen Fernsehen der Beizen im Dreiland. Als gebürtiger Deutscher, langjähriger Einwohner einer französischen Stadt und jetziger Basler ist die Entscheidung, für welches Team die Sympathie nun gilt, nicht immer einfach.

Peter Schenk
Peter Schenk
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Aufgrund der Pandemie gibt es keine grossen Public Viewings. Gleichwohl fiebern die Fans in den Beizen mit, die die EM-Spiele auf ihren Fernsehern zeigen – wie hier in Aarau.

Aufgrund der Pandemie gibt es keine grossen Public Viewings. Gleichwohl fiebern die Fans in den Beizen mit, die die EM-Spiele auf ihren Fernsehern zeigen – wie hier in Aarau.

Bild: Roland Schmid

Es geht mir ein wenig wie Achim Stocker, dem langjährigen Präsidenten des SC Freiburg. Weil er es im Stadion nicht ausgehalten hat, ist er während der Spiele seines Klubs im Wald spazieren gegangen und hat sich die Tore per SMS melden lassen. Das letzte Spiel, das ich vom SC live gesehen habe, ist schon lange her. Immer wenn es brenzlig wurde für meinen Lieblingsklub, habe ich statt aufs Spielfeld auf die Monitore geschaut, die das Spiel übertrugen.

Als gebürtiger Deutscher, der über 20 Jahre in Frankreich gelebt hat und seit neun Jahren in Basel wohnt, sind für mich Leid, aber auch Freude auf mehrere Klubs verteilt. Neben dem SC fiebere ich für den FCB und Racing Strasbourg. Bei der EM gelten meine Sympathien Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Aber selbst wenn meine Favoriten klar vorne liegen – wie die Deutschen mit 4:2 gegen Portugal oder die Schweiz mit 3:1 gegen die Türkei – sind die letzten zehn Minuten Stress pur: Immer habe ich Angst, dass sie doch noch verlieren.

Besser auszuhalten ist es für mich, wenn ich nicht alleine schaue. Leider sind die grossen Public Viewings in allen drei Ländern wegen Corona nicht möglich. In der Beiz kann man aber dafür überall Fussball schauen. Das war nicht immer so. Beim WM-Endspiel der Franzosen 1998 gegen Brasilien wohnte ich in Hegenheim und habe damals keinen Ort gefunden, um mit den Franzosen das Match zu schauen. Ich bin dann im «Zic Zac» gelandet, wo auch viele brasilianische Fans für Stimmung sorgten. Trotz der bitteren 0:3-Niederlage feierten sie weiter.

Etwas muss ich einräumen: Wenn Deutschland auf die Schweiz oder Frankreich stösst, komme ich zwar erst in Loyalitätsschwierigkeiten, bin aber letztlich für die Deutschen. Das ist nicht selbstverständlich, denn ich habe deutsche Freunde, die sich freuen, wenn die deutsche Nationalmannschaft von einer kleineren Nation wie Nordmazedonien auf den Deckel bekommt. Meine These: In Italien, Frankreich oder der Schweiz wäre das undenkbar.

Beim TV-Schauen der Spiele halte ich es mit der Schweiz. Mein Versuch, mir das Spiel Deutschland gegen Frankreich beim Sender ZDF anzusehen, habe ich schnell abgebrochen. In einer penetranten Ausführlichkeit nannten die Kommentatoren wie im Radio jeden, aber auch jeden Spieler, der den Ball berührte. Ich bin dann zu SRF 2 zurückgewechselt und habe aufgeatmet, weil es hier ruhiger zu ging. Einen weiteren grossen Vorteil hat man als Fussballfan in der Schweiz. Während die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland nur ausgewählte Spiele übertragen, zeigt das Schweizer Fernsehen alle. Das erhöht für mich die Chance, auch Spiele zu sehen, bei denen ich nicht leide.

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