Gangsterbanden

Franzosen hackten geheimes Kriminellen-Netzwerk – keine Hilfe für Baselbieter Strafverfolger

Die französische Polizei hat ein Kriminellen-Netzwerk gehackt. Die Handys tauchen auch im Baselbiet auf – Hilfe aus Frankreich kam bisher nicht.

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Allein die britische Polizei verhaftete nach dem Hack über 700 mutmassliche Schwerkriminelle.

Allein die britische Polizei verhaftete nach dem Hack über 700 mutmassliche Schwerkriminelle.

Keystone

Auftragsmörder, Mafiabosse, Drogenhändler: Immer auf Diskretion bedacht, sprachen sie an einem Ort offen. Im Geheim-Netzwerk Encrochat, eine Plattform speziell präparierter Handys. Die Nachrichten waren so stark verschlüsselt, dass lange Zeit nicht einmal die Strafverfolgungsbehörden mit den weltweit grössten Ressourcen mitlesen konnten. Sobald sie Encrochat-Telefone fanden, standen sie vor einem unüberwindbarem Hindernis.

Das gleiche erlebten die Strafverfolger in der Region. «Wir sind in mehreren grossen Betäubungsmittelfällen auf Encrochat-Geräte gestossen», sagt Urs Geier, Leiter der Abteilung für organisierte Kriminalität der Staatsanwaltschaft Baselland. «Wir haben absolut keine Möglichkeit, das Netzwerk zu überwachen.

"Wenn eine Gruppe von Kriminellen ausschliesslich auf Encrochat kommuniziert, haben wir keine Chance." Urs Geier, leitender Staatsanwalt

"Wenn eine Gruppe von Kriminellen ausschliesslich auf Encrochat kommuniziert, haben wir keine Chance." Urs Geier, leitender Staatsanwalt

zvg

Doch for kurzem platzte in der Unterwelt eine Bombe: Während sich die Kriminellen im Baselbiet mit ihren Geräten sicher fühlten, waren die Handys vielleicht schon kompromittiert. Denn im Geheimen arbeiteten französische Ermittler jahrelang daran, das Netzwerk zu knacken und die unantastbaren Kriminellen zu fassen. Während des letzten Jahres spielten sie aus der Ferne eine Schadsoftware auf, die die Encrochat-Geräte plötzlich zu einem offenen Buch werden liess. Die Ermittler lasen Hunderte Millionen Nachrichten mit. Alles lag plötzlich offen. Die Behörden hatten Bilder von Kilogramm-Blöcken von Kokain, Preislisten, Genaues zu geplanten Riesendeals.

Da rund die Hälfte der Encrochat-Handys vom Hack betroffen war, ist es sehr gut möglich, dass die Franzosen auch auf Informationen über Baselbieter Kriminelle sitzen. Nur: Die Baselbieter haben bisher keinerlei Informationen erhalten, wie Geier bestätigt. Die Staatsanwalt Basel-Stadt sagt auf Anfrage, man habe «zum aktuellen Zeitpunkt» keine Fälle in Zusammenhang mit Encrochat-Handys.

In Frankreich, Grossbritannien, Holland und Norwegen, kam es hingegen zu einer Verhaftungswelle. Über 1000 hochkarätige Kriminelle wurden festgenommen. Drogen im Wert von Hunderten Millionen Franken wurden beschlagnahmt, zudem viel Bargeld und grosse Mengen automatischer Feuerwaffen. Die holländische Polizei fand sogar eine Folterkammer.

Baselbieter benutzten Netzwerk für Drogenhandel

Die Encrochat-Benutzer in Baselland gehörten laut Geier zu organisierten Gruppen im Drogenbereich, vor allem aus dem hochmargigen Kokain- und Heroingeschäft. «Zumindest die, von denen wir wissen», sagt der Staatsanwalt. Generell seien die Banden hierarchisch durchorganisiert und funktionierten auch durch Repression. «Wenn einer einen Fehler macht, weiss er, es wird kritisch für ihn. Deshalb sind sie sehr diszipliniert», sagt Geier. Es gehe nicht um Kriminaltouristen, grosse Teile der Gruppen lebten in der Region.

Im Rahmen der Operation gefundene 1-Kilogramm-Kokain-Blöcke der britischen Polizei.

Im Rahmen der Operation gefundene 1-Kilogramm-Kokain-Blöcke der britischen Polizei.

National Crime Agency

Geier sagt: «Ich kann sehr gut verstehen, dass die Kollegen aus dem Ausland ihre Aktion geheim hielten. Hätte man das in ganz Europa gestreut, wäre es zwei Tage gegangen und die Geräte wären tot gewesen.» Aber: «Natürlich denkt man als Strafverfolger auch an die Fälle, wo man nicht weiterkam und dass es mit diesen Infos vielleicht gelungen wäre.»

Für Geier ist die Geschichte von Encrochat nur ein kleiner Teil eines grösseren Problems. «Organisierte Kriminelle sind für uns eigentlich nicht mehr zu überwachen», sagt er. Grund sind Apps wie Whatsapp, die Nachrichten Ende-zu-Ende verschlüsselt verschicken. In normale Telefonanrufe kann sich der Staatsanwalt einklinken. Doch die werden immer weniger. «Früher sprachen sie am Telefon halt über Turnschuhe. Wir mussten dann beweisen, dass in Wahrheit für Drogen standen. Aber wir hatten etwas, mit dem wir arbeiten konnten», sagt Geier. Die heutigen Messenger-Apps sind im Gegensatz dazu Blackboxes.

Auch die Schweizer Polizei kann Handys hacken

Es gibt aber auch in der Schweiz ein hoch umstrittenes Gegenmittel, das der Aktion der Franzosen im Fall Encrochat sehr ähnelt: Staatstrojaner, oder «besondere Informatikprogramme», wie sie amtlich heissen. Damit können Strafverfolger spezifische Handys infizieren und Nachrichten lesen, bevor sie verschlüsselt werden. «Das ist wahrscheinlich der einzige Ansatz», sagt Geier. «Aber die vorherige Überwachung kann das nicht ersetzen, dafür ist es zu kompliziert.» In einem Landkanton habe man die Ressourcen dafür gar nicht. In der Schweiz gab es letztes Jahr 1400 Telefonüberwachungen, nur 12-mal wurden Staatstrojaner eingesetzt. Ausserdem ist zu erwarten, dass Privatsphäre-Aktivisten gegen eine flächendeckende Nutzung noch heftiger opponieren werden als sie es bereits heute tun. «Eine gesellschaftliche Debatte wäre vonnöten, inwieweit man überwachbar sein will», sagt auch der Staatsanwalt.

Klar ist: Das nächste Encrochat wird kommen. Mögliche Nachfolger stehen in den Startlöchern. Das Netzwerk Omerta, wohl benannt nach dem Schweigegelübde der sizilianischen Mafia, buhlt in einem Blogeintrag schon um die ehemaligen Encrochat-Nutzer: «Sind Sie dem jüngsten Massenaussterben nur knapp entkommen? Feiern Sie mit 10 Prozent Rabatt. Schliessen Sie sich der Omerta-Familie an und kommunizieren Sie ungestraft.» Möglich, dass bald Omerta statt Encrochat in Basel auftaucht.