Kabarett

Lisa Eckhart im Volkshaus: Von Tofu und Jungfernhäutchen

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart gastierte in Basel, wo sie meisterhaft die Grenzen des Denk- und Sagbaren abschritt.

Stefan Strittmatter
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bz

«Ich war lange nicht mehr unter Menschen», eröffnet Lisa Eckhart ihren Auftritt im Volkshaus Basel mit einem Rückblick auf den Lockdown. Doch verbessert sich die 28-jährige Österreicherin umgehend – unter Menschen sei sie natürlich schon gewesen – und zupft sich keck ihr Cleopatra-Gewand zurecht.

Dann breitet sie ihre Arme aus, die mit den schlanken Händen und den langen Fingernägeln wirken wie ein Fächer, und sagt: «Was mir wirklich gefehlt hat, ist über Menschen zu sein.» Womit von der ersten Minute klar ist, dass Eckhart auch an diesem Donnerstagabend das Selbstbild der Unnah­baren aufrecht erhält. Später beschreibt sie sich als «Mischung aus Stalin und Sissy – also Stasi».

Doch wäre Lisa Eckhart nicht eine Meisterin der Doppelbödigkeit, wenn sie nicht auch sich selbst untergraben würde. So nimmt sie ihren Körper als Beweis dafür, dass Perfektion auch ohne Sport zu erreichen sei, um an anderer Stelle auf ihre fehlenden Rundungen zu ver­weisen: «Wenn ich oben ohne mache, dann ist das oben ohne ohne oben.»

Das sorgt für Erheiterung im Saal, der mit 500 Besuchern annähernd ausverkauft ist, doch wirklich grossartig ist Eckhart dann, wenn sie grosse Bögen spannt zwischen Coca-Cola, ­Ursünde und Moralinübersäuerung. Und sich näher an die Grenzen des Sag- und Denk­baren herantastet.

Rettungswesten aus ­überschüssigem Tofu

Ihr liebstes Feindbild sind die Moralisten. Menschen etwa, die sich auf einer Kreuzfahrt der Umwelt zuliebe für die veganen Speisen entscheiden. Denn: Aus dem überschüssigen Tofu, das sonst über Bord ­fliege, könnten sich die Flüchtlinge im Mittelmeer doch Schwimmwesten basteln.

Und natürlich kommt bei einem Programm über Tugenden und Laster unweigerlich auch Gott zur Sprache. So sinniert Eckhart über das Jungfernhäutchen von Maria, das Jesus bei seiner Geburt mit dem Kopf durchstossen haben muss. «Da bekommt die jüdische Kippa eine neue Symbolhaftigkeit.»

Monolog ohne Stolperer

Diese Sequenz werde bei TV-Auftritten gerne gekürzt, sagt sie und geht fliessend zum nächsten Tabu über. Überhaupt ist Eckharts Timing grandios, in Sachen Sprechtempo und Ausdruck hat sie im vergangenen Jahr einen Riesensprung gemacht. Den 90-minütigen Monolog ­voller linguistischer Fallgruben meistert sie ohne einen einzigen Stolperer.

In der Zugabe wird «Meisterin Eckhart», wie sie sich in Anlehnung an den spätmittelalterlichen Theologen nennt, unverhofft nahbar: Sie stehe nach der Show am Signiertisch – «Und wenn Sie sich nicht zurückhalten können und es Sie überkommt, dann fassen sie mir an die Brüste, aber bitte, bitte ­duzen Sie mich nicht.» Wer ­seine Chance verpasst hat: Das «Fauteuill» holt Eckhart am 12. Dezember 2021 wieder ins Volkshaus.