Analyse zum Zerwürfnis zwischen Fans und Führung des FC Basel

Nur wer blauäugig war, sieht nun rot

Patrick Marcolli
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Transparente als Dokumentation der allgemeinen Unzufriedenheit.

Transparente als Dokumentation der allgemeinen Unzufriedenheit.

Lea Meister

«Für immer rot-blau» – was für ein schöner Slogan! Viele haben sich davon einlullen lassen. Haben dem neuen FCB-Präsidenten geglaubt, haben sich vor seinen Karren spannen lassen. Die alten Kämpen Frei, Streller, Ceccaroni und wie sie alle heissen, standen Bernhard Burgener gegen erhofften Einfluss in ihrem Herzensclub und wohl einen schönen Batzen zur Seite.

Eine lose Gruppierung von Basler Promis und so genannten Sachverständigen hatte Burgener bereits im Vorfeld den gesellschaftlichen Segen gegeben. Er selbst erzählte von seiner Kindheit nahe des St. Jakob-Stadions und begründete so seinen eigenen FCB-Mythos. Und Karli Odermatt, der damals im Stadion seine Tore schoss, zieht immer noch brav mit.

«America First» auf Baseldeutsch – das schlug ein. Zumindest eine Zeit lang. Man sah dem neuen Präsidenten sogar nach, dass seine öffentlichen Auftritte so wirkten, als besuche er eine Beerdigung. Heute ist vom anfänglichen Goodwill nichts mehr zu spüren. Die Fans üben sich in kreativer Street-Art gegen die FCB-Oberen. Mit ihnen im Verbund protestiert der Rest der Basler Zivilgesellschaft per Online-Petition, will Burgener, den Besitzer des Clubs, zumindest als Präsident wegbugsieren. Assistiert wird die aufgebrachte (Fan-)Gemeinde von Politikerinnen und Politikern jeglicher Couleur. Vor den Wahlen vereint im Anti-Burgener-Modus, wie harmonisch!

Wenn Donald Trump nostalgische Phrasendrescherei betreibt, lachen wir als aufgeklärte Bürger uns hier im alten Europa jeweils halb zu Tode. Wenn die arabischen Scheichs, die russischen Oligarchen und chinesischen Konzernchefs in Fussballclubs investieren, vermuten wir sofort eine andere Absicht als nur die Freude am schönen Spiel. Burgeners Konzept aber hinterfragte zunächst niemand so richtig.

Dabei hätten eine kleine Recherche oder ein paar persönliche Erkundigungen genügt, um die geschäftlichen Vorlieben, die Geschäftspartner und Tätigkeitsfelder des künftigen Präsidenten zu entdecken und zu ahnen, dass dies mit dem FCB irgendwie nicht ganz vereinbar sein könnte. Auch Bernhard Heusler, der frühere Präsident der Herzen, und seine Crew wussten mit ihrem feinen Sensorium selbstverständlich ganz genau, an wen sie den Club verkauften. Burgener war jedenfalls nicht ihre erste Wahl, man munkelt sogar, er sei die letzte gewesen.

Nun heisst es also: Willkommen in der Realität des Fussball-Business, liebe FCB-Fans. Ja, hier geht es um Geld und den Return on Investment auf der Bank und nicht auf dem Rasen. Und um nichts anderes. Damit ist der Club keine Besonderheit mehr, sondern einfach ein durchschnittliches Unternehmen im europäischen Fussballgeschäft. Ein Wunder eigentlich, dass der St. Jakob- Park noch nicht zur Constantin-(Film)-Stätte, zum Syngenta-Stadion oder zur Roche-Arena umgetauft wurde.

So ist der FCB als Club, der mit der Stadt und der Region ganz eng und vor allem emotional eng verbunden ist, endgültig in einer tiefgreifenden Identifikationskrise angekommen. Burgener und seine Entourage versuchen in diesen Stunden mit Gesprächen und Round Tables zu retten, was kaum mehr zu retten ist. Die FCB-Führung war zu lange nicht willens und wahrscheinlich empathisch wie intellektuell nicht in der Lage, das Primat der Ökonomie weiterhin mit der schönen Club-Nostalgie zu vertuschen und zumindest so zu tun, als ob die Fans ihr am Herzen liegen würden. Dazu kommt, dass es innerhalb des Vereins stark brodelt und auch künftig brodeln wird. Von jeder kleinen Unstimmigkeit bis hin zu einer grösseren Intrige kommt alles ans Licht der Öffentlichkeit, jeweils fast «in real time».

Die Chefetage hat die kommunikative Führung über den Club schon lange verloren und dürfte nie mehr Herrin der Lage werden. Kann das so weitergehen? Ja, denn Burgener gehört der Club. Er kann sein Ding auf Biegen und Brechen durchziehen. Oder er kann den Bettel hinschmeissen und den FCB, wahrscheinlich mit grossen Verlusten, weiterverkaufen.

Egal, welches Szenario eintritt: ein etwas realistischerer Blick auf das Geschehen abseits des Spielfelds täte not. Der Spagat zwischen lokaler Verwurzelung einerseits, die von echter Hingabe lebt und ohne falsche Nostalgie auskommt, und sportlichem Erfolg anderseits ist je länger je schwieriger zu schaffen.

Mit Burgener oder ohne Burgener. Gerade die Corona-Krise legt offen, wie irrwitzig gross der Stellenwert des Fussballs geworden ist, wirtschaftlich und gesellschaftlich. So kann und wird es hoffentlich nicht weitergehen. Seien wir realistisch und verschliessen nicht mehr die Augen, wenn ein kühler Gambler wie Burgener einen Club kauft. Oder wenn das Gazprom-Logo die Champions League ziert und sich damit das Putin-Regime in unsere Stuben hinein kauft.

In Abwandlung des neuen FCB-Slogans liesse sich sagen: Nur wer blauäugig war, sieht irgendwann rot.