Basel

Psychiatrische Kliniken: Eine Reorganisation ohne Direktor

Die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel führen die ambulanten und stationären Leistungen zusammen. Dies, obwohl in diesen Tagen Direktor Gerhard Ebner die Institution verlässt.

Valentin Kressler
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Gerhard Ebner.

Gerhard Ebner.

Seit dem 20. Juni 2007 ist Gerhard Ebner Direktor der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK). Dieser Tage, nach nicht einmal fünf Jahren im Amt, verlässt der bei den Mitarbeitern nicht sonderlich beliebte Chef die Institution und sorgt damit für eine längere Vakanz an der UPK-Spitze.

Stelle Anfang Oktober wieder besetzt?

Der vom ehemaligen Kinderspital-Direktor Konrad Widmer angeführte Verwaltungsrat hat keine Eile bei der Suche nach einem Nachfolger Ebners. Er hoffe, dass die Stelle Anfang Oktober 2012 wieder besetzt sein könne, sagt Widmer gegenüber dem «Sonntag». Läuft alles nach Plan, soll die Wahl im Juli kommuniziert werden. Ebner hatte den Verwaltungsrat im Januar über seinen Abgang informiert, die Öffentlichkeit wurde jedoch erst Mitte April darüber ins Bild gesetzt.

Obwohl die UPK also bald ohne Direktor dasteht, läuft hinter den Kulissen eine Reorganisation. Die organisatorischen Grenzen zwischen ambulanten und stationären Leistungen werden aufgehoben. In der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik (EPK) werden dafür sieben diagnosespezifische Kompetenzzentren geschaffen. Das Ziel: Ein professioneller, durchgängiger Patientenpfad soll laut UPK ambulant wie stationär adäquate Hilfe anbieten. Die Patienten sollen mit der gestellten Diagnose auf Anhieb in das für sie richtige Therapiezentrum zur Behandlung kommen.

Grosse Bewährungsprobe

Das Projekt «Umsetzung Zentrumsbildung in der EPK» ist vor allem eine erste grosse Bewährungsprobe für Undine Lang. Seit Anfang Jahr ist die 38-jährige Österreicherin neue ärztliche Direktorin und damit Nachfolgerin des 2009 verstorbenen, international renommierten Franz Müller-Spahn.

Macht eine Reorganisation ohne Direktor und mit einer neuen ärztlichen Direktorin überhaupt Sinn? Die UPK mimt Normalität. Die Qualitätsbemühungen und die ersten entsprechenden Projekte hätten bereits vor Jahren begonnen, sagt Andreas Windel, stellvertretender Direktor und Leiter Betrieb, gegenüber dem «Sonntag». «Der laufende Prozess wird somit unabhängig von personellen Veränderungen umgesetzt.» Windel übernimmt Anfang Juni interimistisch die Direktion, er aspiriert offen auf den Chefposten.

Um die Aussagen zu untermauern, liefert die UPK einen längeren Abriss der Entstehungsgeschichte der Reorganisation, die bis ins Jahr 2004 zurückreicht. Ein Meilenstein war dabei die Zusammenführung der Psychiatrischen Universitätspoliklinik (PUP) am Universitätsspital mit der UPK Anfang 2010. Das Projekt «Umsetzung Zentrumsbildung in der EPK» wurde im Dezember 2011 von der Geschäftsleitung gutgeheissen, im Februar 2012 vom Verwaltungsrat. Laut Windel erfolgt die Umsetzung «planmässig» und werde kontinuierlich evaluiert. Er äussert sich positiv zur Reorganisation. Durch die Zusammenführung von ambulanten und stationären Prozessen werde die «Behandlungsqualität erheblich verbessert». Die Angebote würden so besser vernetzt und eine inhaltliche Fokussierung könne stattfinden. Die ersten Zahlen der Evaluation würden dies bestätigen. Laut Windel konnten im ersten Quartal 2012 die Verlegungsraten um acht Prozent reduziert werden, die Zwangsmassnahmen hätten um 39 Prozent abgenommen.

Umsetzung bis Ende Jahr abgeschlossen

Die Reorganisation sei nach internationalen Standards und unter Einbezug verschiedener Berufsgruppen entwickelt worden, betont Windel. «Das, was wir nun umsetzen, ist europaweit ‹state of the art›. Wir hatten bezüglich integrierte Versorgung einen Rückstand auf andere Kliniken», sagt er und spricht von einem «für die UPK sehr wichtigen Projekt». Der Abschlussbericht soll bis zum 15. Juli fertiggestellt und anschliessend in der Geschäftsleitung diskutiert werden. Laut Windel soll die Umsetzung bis Ende Jahr abgeschlossen sein. Er betont aber, dass es sich dabei um einen laufenden Prozess handle. «Nachbesserungen sind auch zu einem späteren Zeitpunkt möglich.»

Der Nachfolger Ebners als UPK-Direktor wird keinen einfachen Start haben. Abgesehen davon, dass er den Draht der Geschäftsleitung zu den Angestellten verbessern muss, hat er in der Politik Überzeugungsarbeit für die Reorganisation zu leisten. Philippe Macherel, Präsident der Gesundheits- und Sozialkommission des Grossen Rats, sagt zwar, er könne zur jüngsten Reorganisation nicht Stellung nehmen, da er offiziell noch nicht darüber informiert worden sei. Der SP-Grossrat kritisiert aber, dass die PUP aus dem Unispital herausgenommen und mit der UPK zusammengeführt worden sei. «Das ist ein Fehler und steht einer integrierten Versorgung entgegen. Die psychisch Kranken werden an den Rand geschoben, sie müssten aber möglichst im Zentrum sein.»

Ähnlich tönt es bei VPOD-Präsident Urs Müller. Die Reorganisation sei «betriebswirtschaftlich sinnvoll, aber medizinisch problematisch», sagt er. «Ich bin in Sorge, dass die ambulante Versorgung infrage gestellt wird. Die Hemmschwelle, in die UPK zu gehen, ist höher.» Kritik kommt nicht nur von links. Raymond Battegay, früherer Ordinarius für Psychiatrie an der Universität Basel und Chefarzt der PUP, hatte sich bereits 2006 gegen die Zusammenführung von PUP und UPK gewehrt.

Unterdessen hat sich die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Grossen Rats eingeschaltet, wie Präsidentin Dominique König (SP) bestätigt. «Wir sind daran, Abklärungen zu treffen», sagt sie. Im Zusammenhang mit Ebners Abgang und den Umstrukturierungen der letzten Jahre hat die GPK Gesundheitsdirektor Carlo Conti (CVP) Fragen gestellt. Die Ergebnisse der Abklärungen und die Schlussfolgerungen sollen laut König im GPK-Jahresbericht festgehalten werden. Dieser wird voraussichtlich Ende Juni veröffentlicht. Die UPK wird dann noch keinen neuen Direktor haben.