Schäferstündchen
Freie Sicht auf den Rhein

Tobit Schäfer arbeitet als Politikberater. Während 13 Jahren politisierte er für die SP im Basler Grossen Rat.

Tobit Schäfer
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«Treffend und trefflich verbindet die Kulturjournalistin Christine Richard die Metapher mit der 1952 veröffentlichten Kurzgeschichte «Der Tunnel» von Friedrich Dürrenmatt, der im Januar 2021 hundert Jahre alt geworden wäre.»

«Treffend und trefflich verbindet die Kulturjournalistin Christine Richard die Metapher mit der 1952 veröffentlichten Kurzgeschichte «Der Tunnel» von Friedrich Dürrenmatt, der im Januar 2021 hundert Jahre alt geworden wäre.»

Paul Gwerder

Das Licht am Ende des Tunnels. Geradezu inflationär wird die Metapher dieser Tage bemüht. 2'936 Nennungen finden sich in der Schweizer Mediendatenbank für das vergangene Jahr. Corona-Schnelltests, Corona-Warn-Apps, Corona-Impfstoffe: Immer aufs Neue wurden und werden Hoffnungen genährt, noch aber fährt der Zug durch die Dunkelheit. Treffend und trefflich verbindet die Kulturjournalistin Christine Richard die Metapher mit der 1952 veröffentlichten Kurzgeschichte «Der Tunnel» von Friedrich Dürrenmatt, der im Januar 2021 hundert Jahre alt geworden wäre.

Ein Student, so beginnt die Erzählung, «stieg eines Sonntagnachmittags in den gewohnten Zug, Abfahrt 17.50 Uhr, Ankunft 19.27 Uhr, um anderentags ein Seminar zu besuchen, das zu schwänzen er schon entschlossen war». Der planmässige Zug, in dem der Student sitzt, gerät in einen ausserplanmässigen Tunnel, der zu einem Symbol für eine verhängnisvolle Wirklichkeit wird: Die kleingeistige Gesellschaft, in der alles behördlich geregelt ist, gerät ausser Kontrolle. Licht am Ende des Tunnels? In der Groteske von Dürrenmatt rast der Zug in den Abgrund.

«Freie Sicht aufs Mittelmeer»

Nicht endlos, sondern gerade einmal 15km lang ist der Gotthardtunnel, über den Carl Spitteler schrieb. Als bisher einzigem gebürtigen Schweizer wurde ihm im November 1920– wenige Wochen, bevor Dürrenmatt zur Welt kam – der Nobelpreis für Literatur zugesprochen. In seiner 1897 veröffentlichten Schrift «Der Gotthard» schildert er sprachmächtig seine Eindrücke von der Zugfahrt durch den wenige Jahre alten Gotthardtunnel. Und überrascht mit dem Satz: «Meine Lieblingsfantasie ist jetzt, den Gotthard mit allen Alpen mit Dynamit in die Luft zu sprengen, damit wir italienische Luft direkt bekämen.»

Mit seiner Vision nahm Spitteler den Slogan «Freie Sicht aufs Mittelmeer» vorweg, mit dem die Jugendbewegung der Achtzigerjahre gegen das frostige gesellschaftliche Klima in der Schweiz antrat. Keine freie Sicht aufs Mittelmeer, aber wenigstens freie Sicht auf den Rhein erhoffte man sich in Basel, als vor rund zehn Jahren wieder einmal über den Kasernenhauptbau diskutiert wurde. Während der Architekt Jacques Herzog 1998 den «Klotz, der die Beziehung zum Rhein abblockt», noch sprengen wollte, forderte das Komitee Kulturstadt Jetzt 2011 in einer Initiative bescheidener, «das Kasernenareal grosszügig zum Rhein hin zu öffnen».

Kleingeistig und alles behördlich geregelt

Aus der Forderung nach einer «grosszügigen Öffnung» entstand im politischen Prozess der Kompromiss, eine «grosszügige Verbindung» zu prüfen, was im Verwaltungsprozess mit einer «adäquaten Verbindung» gelöst wurde. Das mag nach Wortklauberei klingen, insbesondere weil die Pläne der Architekten Focketyn del Rio für den Kasernenhauptbau gut gefallen. Leider mehren sich aber ein Jahr vor der Eröffnung die Anzeichen, wie das über 44 Millionen Franken teure Vorzeigeprojekt nicht nur baulich, sondern auch inhaltlich enden wird, wenn nicht noch etwas Unplanmässiges passiert: Kleingeistig und alles behördlich geregelt.

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