Leitartikel

Warum die Basler Fasnacht aus der Absage sogar gestärkt hervorgehen wird

Patrick Marcolli
Drucken
Teilen
Widerständige Tradition: Vier Fasnächtler protestierten gestern auf ihre Weise im Hof des Basler Rathauses gegen die Absage der diesjährigen Fasnacht wegen des Corona-Virus.

Widerständige Tradition: Vier Fasnächtler protestierten gestern auf ihre Weise im Hof des Basler Rathauses gegen die Absage der diesjährigen Fasnacht wegen des Corona-Virus.

Keystone

Kein Theater, kein Konzert, kein Fussball. Und vor allem: Keine Fasnacht! Das Unvorstellbare wird real. Keine Fasnacht! Damit fällt das wichtigste identitätsstiftende Moment in Basel in diesem Jahr aus, fällt den Sicherheitsmassnahmen einer Politik zum Opfer, die selbst nur eine getriebene Akteurin ist – real und vor allem viral, im doppelten Wortsinn. Alle Vorbereitungen für die Katz, alle Ladäärne vergebens gemalt, die Sujets vergebens ersonnen, alle Verse vergebens «gebrinzelt»?

Genau jene drei Tage im Jahr, die der Stadt und der Region den Ausnahmezustand bringen, in denen die Grenzen zwischen Vernunft und Unvernunft verwischt werden - genau diese Tage werden durch einen Ausnahmezustand in die scheinbare Normalität versetzt. Dies führt zur Umkehrfrage: Ist es nicht vielleicht die Normalität selbst, die ein Ausnahmezustand ist? Für die meisten Menschen dieser Welt ist der Alltag ein Überlebenskampf. Und wir hier, in dieser prosperierenden, offenen Kleinstadt am Rhein, in diesem Kleinstaat inmitten Europas? Wir sind ein Teil einer Kultur, und weltweit darin in einer Vorreiterrolle, die sich ganz dem Sicherheitsdenken verschrieben hat. Möglichst alle Risiken werden per Dekret ausgeschlossen, was gefährlich werden kann, wird unterbunden, was krank machen könnte, ist verpönt, alles wird mit einer Garantie gekauft. Die Pharmaforschung verklärt sich zur «Life Science» und verschafft Aussichten auf ein immer längeres Leben. Mit welchem Ziel eigentlich – etwa der Unsterblichkeit?

Inmitten dieses komplexen Gebildes aus Sicherheitsdenken und Sicherheitsbedürfnis spielen Traditionen eine zentrale Rolle. Mit dem immer schnelleren Wandel der Welt, zum Programm erhoben und in der Regel als Fortschritt gedeutet, geht immer Unsicherheit einher. Wie gerne finden wir in den Traditionen eine feste Burg, einen Hort des Vertrauten, ein Gemeinschaftsgefühl, eine Teilhabe – und viel Verständnis für unsere Unsicherheiten. Die Basler Fasnacht ist der Kitt, der einen Teil dieser Stadt genau in diesem Sinn zusammenhält. Dieser Kitt ist so stark, dass er ein Jahr ohne den Höhepunkt der «drey scheenschte Dääg» problemlos übersteht. Vielleicht wird er gar noch stärker halten dadurch. Es ist wahrscheinlich, dass sich zahlreiche Einzelmasken und Cliquen in diesen Stunden treffen und darüber reden, wie sie ihren Teil zu einer hie und da aufblitzenden Guerilla-Fasnacht beitragen können. Die Behörden würden gut daran tun, dieser menschlich verständlichen und gesellschaftlich gesunden Widerständigkeit (sofern sie niemanden gefährdet) mit Augenmass zu begegnen und damit zu beweisen, dass eine liberale Demokratie anderen Systemen auch in Krisensituationen überlegen ist.

Die Fasnacht wird all diese Unbill aber vor allem deshalb schadlos überstehen, weil sie nicht einfach eine leere Hülle der Tradition ist, sondern nebst dem gesellschaftlichen und geselligen Element eine wichtige Reflexionsebene bietet und zum Nachdenken darüber anregt, worum es eigentlich geht im Leben. Fasnacht ist im Kern Poesie, ist eine Persiflage auf die menschlichen Unzulänglichkeiten und erinnert uns ständig an unsere Vergänglichkeit. Wer wird beim «Gässle» durch die Altstadt nicht ein wenig schwer- und wehmütig? Fasnacht und Tod, das sind zwei nahe Verwandte.

Zeiten wie diese machen uns schonungslos klar, auf welch schmalem Grat wir uns bewegen und wie eng die Grenzen unserer Sicherheiten gesteckt sind. Aus den «drey scheenste Dääg» werden in diesem Jahr «drey gweenligi Dääg». Dies sollte uns nicht ärgern, sondern vor Augen führen, wie gut wir es in der Normalität haben.

patrick.marcolli@chmedia.ch

Die schönsten Bilder vom Cortège der Basler Fasnacht 2019:

Ohregribler
89 Bilder
Wagen-Detail der Basler Garde-Clique
Alti Garde der Laelli Clique
Alti Garde der Laelli Clique
Alti Garde der Laelli Clique
Die Rauracherrueche
Ohregribler Basel 1974
Cortége Basel
Die Fasnachtsclique Negro-Rhygass
Guggenmusik Raepplischpalter
Die Waetterhaexe am Corteg
Clique Rhygwaeggi
Gläber Gässli 2007
Heuwänder Gugge 1953
Heuwänder Gugge 1953
Heuwänder Gugge 1953
Kratzbyrschte Basel 1975
Kratzbyrschte Basel 1975
Uelischränzer Basel 1979
Der Cortège am Montag.
Stenzer Gugge 1983
Stenzer Gugge 1983
Rhy Pirate 1981
Fasnachts-Comité Obfrau Pia Inderbitzin
Opti-Mischte Stammclique Sujet: MASSE KILLE – KASSE FILLE
Opti-Mischte Stammclique
Opti-Mischte Stammclique Sujet: MASSE KILLE – KASSE FILLE
Opti-Mischte Sujet: MASSE KILLE – KASSE FILLE
J.B.-CLIQUE SANTIHANS Stammclique Sujet: D Schwyz – zem Stäärbe scheen
D BÂLOINESE Pfyffer- und Tambouregruppe Sujet: What e Mäss!
Stenzer Gugge 1983
Stenzer Gugge 1983
Stenzer Gugge 1983
Uelischränzer Basel 1979
Rhy Pirate 1981
Rhy Pirate 1981
Uelischränzer Basel 1979
Rauracher-Rueche Sujet: Eb schwaarz oder wyss, eb Moor oder Huen, mit Ross oder ooni, alles isch zuegloo und das isch guet soo Denn mir sin Basel! Mir sin Fasnacht!
COCKTAIL BÂLOIS, Pfyffer- und Tambouregruppe Sujet: PETMEN rettet d Wält
COCKTAIL BÂLOIS, Pfyffer- und Tambouregruppe Sujet: PETMEN rettet d Wält
COCKTAIL BÂLOIS, Pfyffer- und Tambouregruppe Sujet: PETMEN rettet d Wält
Mohrekopf Guggemuusig Sujet: Dummpeter oder Hans-Peter?
Glunggi Stammclique Sujet: Vom BaLLASCHt ersTIGGt
Glunggi Stammclique Sujet: Vom BaLLASCHt ersTIGGt
Glunggi Stammclique Sujet: Vom BaLLASCHt ersTIGGt
Rhygwäggi Stammclique Sujet: Nätt, pfläggt – bolitisch korräggt
BASLER CLOCHARDS Waage Sujet: Mir jubiliere (60 Joor)
Pumperniggel BASEL 1949 Guggemuusig Sujet: 70 Joor Jubel, Trubel, Haiterkait
Schnooggekerzli Stammclique Sujet: Mer saage nyt
J.B.-CLIQUE SANTIHANS Stammclique Sujet: D Schwyz – zem Stäärbe scheen
D BÂLOINESE Pfyffer- und Tambouregruppe Sujet: What e Mäss!
Mohrekopf Guggemuusig Sujet: Dummpeter oder Hans-Peter?
Spale-Clique Alti Garde Sujet: Nostalgie – es isch verby. Aadie MUBA
Cortége Basel
Die Clique onYva
Die Clique onYva
Ein Waggis der Casino Rueche
Die Guggenmusik Miggeli-Schraenzer
Die Clique Sporepeter
Die Guggenmusik Laeggerli Hagger
Here I am once again: Trump wird langsam zum Fasnachts-Stammgast. Aktive munkeln, er käme nächstes Jahr wirklich auf eine Mehlsuppe und einen Kaffi Lutz vorbei.
Der Cortège am Montag.
Die Alte Garde der Schnoogge-Kerzli
Waggis der Daefilutscher
Der Cortège am Montag.
Von hier oben konnte man den Cortège auch mal ganz in Ruhe geniessen.
Sie nämes gmietlig.
Der Cortège am Montag: Die Schnurebegge
Der Cortège am Montag: Die Schnurebegge
Gugge Märtfraueli
Gemüütlich! Dä glai Waggis het rächt.
D Bâloinese – What e Mäss!
Aadie Muba
Die Laterne der Alten Garde der Alte Stainlemer
Der Cortège am Montag.
Läggerli-Hagger
Zum Glück nur Räppli- und kein richtiger Regen.
Der Cortège geht ab wie ne Rakete...oder so.
Farbenfroher Cortège
Plastikabfall: Ein Riesenthema an der diesjährigen Fasnacht, etwa bei den Glunggi.
Die Gugge Mohrekopf stand im Vorfeld in der Kritik.
Der Stamm des Barbara-Clubs am Steinenberg.
Hayek zeigt der MCH den Stinkefinger. Die Laddärne der Lälli.
Es geht los.

Ohregribler

GEORGIOS KEFALAS