Handwerk
«Wir haben experimentiert wie die Verrückten»: Wie der edle Trüffel in den Gin kam

Drei Freunde aus dem Schwarzwald brennen besonderen Gin und haben an fünf Orten in der ganzen Welt renommierte Preise erhalten.

Peter Schenk
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Dieses Jahr war Hannes Schmidt nicht viel zu Hause. Hongkong, San Francisco, Las Vegas und – etwas näher – Lyon und Wien. Überall räumten er und seine beiden Freunde aus dem Schwarzwälder Renchtal mit ihrem Boar Gin Preise als höchstdotierter Gin oder beste klare Spirituose ab.

Begonnen hat das Abenteuer vor rund vier Jahren. «Meine Frau und ich haben beide schon immer lieber einen Gin Tonic als ein Glas Sekt getrunken», erzählt der Geschäftsführer von Boar Gin. Als sein Freund Torsten Boschert ihm berichtete, dass im Tal eine alt eingesessene Familien-Brennerei zum Verkauf stand, schlugen sie zu.

Markus Kessler, der Dritte im Bunde, stammt aus ebendieser Familie, ist Edelbrandsommelier und Destillateur. «Anfangs war es mehr ein Hobby», erinnert er sich. Anderthalb Jahre haben die drei rumgetüftelt. Um Gin zu brennen, wird 96-prozentiger Alkohol mit Wasser und den Botanics, den Gewürzen, angesetzt. Das sind vor allem Wacholder, aber auch Lavendel, Piment, Orangenschalen und Zitrone. Die Mischung der 20 Gewürze macht es aus. Beim Brennen kommt es auf die Temperatur, die Menge, den Alkoholgehalt und die Zeit an. «Das sind die vier Schrauben, an denen man drehen kann», erklärt Kessler.

«Es ist ein Handwerk, wobei die Zutaten aromatische Schwankungen haben können», fährt er fort. Die Idee mit dem Trüffel, auf die bisher noch niemand kam, entstand Ende 2015 und hatte mit Schmids Ehefrau zu tun. Sie war es langsam leid, dass ihr Mann das Geld in bisher noch brotlosen Brennereiexperimenten versenkte. «Sie hat mir gesagt, jetzt möchte ich aber auch mal etwas für mich.» Bald darauf hatten die Schmidts die Handwerker im Haus, um einen Unterstand für ihr Auto zu bauen.

Am Anfang zu viel Trüffel

Beim Feierabendbier erfuhr Hannes Schmidt, dass einer der Handwerker eine Trüffelplantage betrieb. Er war erst erstaunt, dass es im Schwarzwald überhaupt Trüffel geben sollte, hat dann aber schnell geschaltet: Der Trüffel sollte bei der Gin-Produktion eingesetzt werden. «Wir haben experimentiert wie die Verrückten. Anfangs hat der Trüffelgeschmack alles überlagert, weil wir zu viel genommen haben.»

Ein halbes Jahr Brennen dauerte es, um das Verfahren zu optimieren. Mitte 2016 war das Produkt fertig. «Der Trüffel hat die Bitterstoffe und die Schärfe neutralisiert und unseren Gin extrem mild gemacht», sagt Schmidt. Das Wasser für die Gin-Produktion stammt aus einer Mineralwasserquelle von 1844. Das Renchtal liegt auf der Höhe von Offenburg. Gebrannt wird hier schon lange, weil viel Obst angebaut wird. Noch heute gibt es 1200 Brennereien.

Eigentlich kommt Hannes Schmidt aus der Werbung und dem Marketing. Das hat geholfen. Als Namensgeber für ihren Gin haben sich die drei Gin-Idealisten auf Boar geeinigt, der englische Name für den wildlebenden Schwarzwaldkeiler.

«Ende 2016 haben wir einen grossen Marketingpreis gewonnen. Das war überwältigend, aber am nächsten Morgen habe ich Angst bekommen. Der Inhalt war schliesslich noch nicht prämiert.» Schmidt hätte sich die Sorgen sparen können. Ein Versand an verschiedene Barkeeper stiess auf überwältigende Reaktionen, und die ersten Bestellungen trudelten ein.

Dann kamen die erwähnten Preise, die Medien folgten – und seitdem läuft es für Boar Gin. Im Herbst wurde der Trüffel-Gin auf einer Gastromesse in Berlin vom Schweizer Einkäufer von Mövenpick entdeckt. Am Samstag war die Markteinführung in der Schweiz. Sogar aus Indien kamen Anfragen fürs Duty Free auf den Flughäfen.

Vorerst nicht nach Indien

«Wir wollen uns vorerst auf Deutschland, die Schweiz und Österreich beschränken», betont Schmidt. 2500 Flaschen im Monat werden produziert, eine Steigerung ist möglich, hat aber ihre Grenzen. «Wir wollen ein Handwerk bleiben. Qualität ist das A und O, und wenn wir nicht mehr liefern können, gibt es eben nichts mehr», sagt Kessler.

Schmidt sieht das ähnlich. «Seit langem haben wir sieben Tagewochen mit 18-Stunden-Tagen. So langsam muss sich wieder ein gesundes Pensum einstellen.» Ab Neujahr möchten er und Boschert von ihrem Hobby leben können. Bisher haben sie für Boar Gin neben ihrem Brotberuf gearbeitet.