Freizeit
Trotz schlechten Wetters: Erneut viele Wanderunfälle in den Bergen

Die Rega und die Alpine Rettung Zentralschweiz mussten auch dieses Jahr bei vielen Notfällen ausrücken. Die beiden Organisationen arbeiten dabei eng zusammen.

Niels Jost
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Mitglieder der Alpinen Rettung bei einer Übung.

Mitglieder der Alpinen Rettung bei einer Übung.

Symbolbild: Michel Lüthi

Die Wandersaison neigt sich dem Ende zu. So manch einer mag sich dabei fragen: Welche Saison? Denn der Sommer fiel ins Wasser. Erst jetzt lädt das Wetter zum Wandern ein. Das haben sogleich die Rettungsorganisationen zu spüren bekommen. «Während das erste Halbjahr eher ruhig war, hat die Anzahl Einsätze in den vergangenen Wochen stark zugenommen», sagt Daniel Bieri.

Er ist Chef der Rettungsstation Pilatus, der flächenmässig grössten von insgesamt 15 Rettungsstationen der Alpinen Rettung Zentralschweiz (ARZ). Am Samstag wird ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert (siehe Box).

60 Freiwillige für Region Pilatus im Einsatz

Das Rettungswesen in den Schweizer Bergen war lange Zeit regional organisiert. 2005 gründeten die Rega und der SAC die Stiftung Alpine Rettung Schweiz. Sie verfügt über 86 Rettungsstationen.

Eine ist die Station Pilatus. Sie wurde bereits 2001 gegründet. Zuvor war eine Spezialtruppe der Polizei für die alpine Rettung zuständig. Die Rettungsstation Pilatus setzt sich aus etwa 60 Freiwilligen zusammen. Ein kleiner Materialstützpunkt befindet sich bei der Feuerwehr in Horw. 

Ihr Jubiläum feiert die Station am Samstag mit einer Übung auf der Fräkmüntegg. Daran teilnehmen wird auch die Rega. (jon)

Bieris Einschätzung, dass mit dem schönen Wetter nun die Anzahl Einsätze zunimmt, teilt Sabine Alder. Laut der Kommunikationsverantwortlichen der Alpinen Rettung Schweiz sind noch weitere Faktoren ausschlaggebend, etwa generelle saisonale Schwankungen, Besucherfrequenzen oder Coronaeinschränkungen. Alder sagt:

«Insgesamt haben wir in den letzten Jahren in der Zentralschweiz – wie in allen Regionen der Schweiz – steigende Einsatzzahlen verzeichnet.»

Zurückzuführen sei das unter anderem auf die zunehmende Freizeitaktivität in den Bergen und die verbesserte Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen in der notfallmedizinischen Grundversorgung. So stünden immer mehr First Responder für erste medizinische Hilfe im Einsatz der Alpinen Rettung.

Zahlen zur aktuellen Saison nennt Alder noch keine; diese würden erst Ende Jahr kommuniziert. Sie sagt aber:

«Die Einsatztätigkeit bewegt sich in der diesjährigen Sommersaison trotz der eher unbeständigen Wetterbedingungen im selben Rahmen wie in den letzten Jahren.»

Ähnliches ist von der Rega zu erfahren. Sie flog bis dato landesweit 930 Einsätze für Wanderinnen und Wanderer. Im selben Zeitraum des Vorjahres waren es 950 Einsätze. Auch die Anzahl tödlicher Wanderunfälle bewegt sich im Rahmen der Vorjahre. So sind in unserer Region bisher sechs Personen tödlich verunglückt, wie den Polizeimeldungen zu entnehmen ist.

Die meisten verletzen sich am Fuss und Unterschenkel

Die Notsituationen, in die Wanderinnen und Wanderer geraten, sind dabei so vielfältig wie das Gelände, in dem sie sich bewegen. «Manche stürzen unglücklich, andere erleiden einen Schwächeanfall, wiederum andere werden vom Wetter überrascht», sagt ARZ-Präsident Ruedi Baumgartner. Dies widerspiegelt sich in den Blessuren, welche sich die Berggänger zuziehen. Gemäss der Rega verletzen sich rund 40 Prozent der Verunfallten am Unterschenkel oder Fuss. Etwa 18 Prozent erleiden eine Kopfverletzung und gleich viele eine Knie-, Oberschenkel oder Beckenverletzung. Seltener sind Schulter-, Arm- und Wirbelsäulenverletzungen.

Verletzungen bei Wanderunfällen

010203040Unterschenkel- und FussKopfKnie, Oberschenkel und BeckenSchulter und ArmeWirbelsäule und RumpfÜbrige VerletzungenVerletzungen

Gemäss der Beratungsstelle für Unfallverhütung verunglücken beim Wandern insbesondere Seniorinnen und Senioren. Beim Bergsteigen sind es jüngere Freizeitsportler zwischen 30 und 50 Jahren. Es fällt auf: Etwa drei Viertel der tödlichen Unfälle betrifft Männer.

Rega innert 15 Minuten vor Ort

Wer in eine Notsituation gerät, der kann auf eine schnelle Rettung zählen. So erreicht die Rega jedes Einsatzgebiet innert 15 Flugminuten. «Für das Gelingen eines Einsatzes ist das gute Zusammenspiel mit unseren Einsatzpartnern ein wesentlicher Bestandteil», sagt Mediensprecherin Karin Zahner. Zu diesen Partnern gehört die ARZ. «Die SAC-Bergretter werden immer dann von der Rega-Helikopterzentrale aufgeboten, wenn die Rega-Crew im Gelände Unterstützung braucht oder schlechte Sicht eine Suche aus der Luft verunmöglicht und eine bodengebundene Rettungsaktion im Gelände durchgeführt werden muss», erklärt Zahner.

Bei ihren Einsätzen arbeiten die Rega und die Alpine Rettung Hand in Hand.

Bei ihren Einsätzen arbeiten die Rega und die Alpine Rettung Hand in Hand.

Bild: PD/Rega

Die ARZ verfügt aktuell über rund 540 Mitglieder. Sie sind in vier Fachgebieten tätig: Es gibt die Fachspezialisten Helikopter, Hund, Canyoning und Medizin. Die alpinen Retter engagieren sich ehrenamtlich. «Nachwuchsprobleme haben wir keine», sagt Ruedi Baumgartner. Er führt das auf verschiedene Faktoren zurück:

«Bei uns machen Leute mit, die sich gerne in den Bergen aufhalten, etwas Gutes tun und neue Techniken lernen wollen.»

Ausserdem würden die unterschiedlichen Fachrichtungen eine breite Interessensgruppe ansprechen. «Bei uns findet jeder eine Aufgabe, die ihm passt.»

Auf die Alpinen Retter angewiesen sind auch die Bergbahnen. Für ihre Konzession brauchen sie ein Bergungskonzept. Muss im Notfall eine Bahn evakuiert werden, kommen die Alpinen Retter zum Einsatz, erklärt Adrian Bühlmann. Der Geschäftsführer des Regionalverbands Transportunternehmungen Zentralschweiz sagt: «Die Alpine Rettung ist ein wichtiges Puzzleteil im Bergtourismus.»

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