Wegen Corona: Telefondrähte bei der Dargebotenen Hand laufen heiss

Über 220 Personen rufen wöchentlich wegen des Coronavirus bei der Dargebotenen Hand Zentralschweiz an. Die Probleme sind unterschiedlich.

Livia Fischer
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Klaus Rütschi.

Klaus Rütschi.

Bild: PD

Rund 1200-mal im Monat klingelt das Telefon bei der Dargebotenen Hand Zentralschweiz. In Zeiten von Corona sogar noch öfter. «Seit dem 9. März führen wir eine Corona-Statistik», sagt Geschäftsführer Klaus Rütschi. «Vor vier Wochen waren es noch 27 zusätzliche Telefonate pro Woche, mittlerweile sind es über 220.»

Die Leute, die anrufen, seien meist gut über das Virus informiert. «Fast schon zu gut. Sie können nicht abschalten, verschlingen jede Tagesschau, jede Sondersendung und jede Pressekonferenz des Bundesrats», so Rütschi. Viele seien verunsichert, hätten Angst, erlitten Panikattacken und schlafen schlecht. Auch Existenzängste seien ein Thema. Und:

«Psychische Erkrankungen wie Depressionen werden durch die aktuelle Situation verstärkt. Dass jetzt mehr Leute mit Suizidgedanken anrufen, hat sich bis jetzt aber Gott sei Dank nicht abgezeichnet.»

Einsame Singles und streitende Pärchen

Eine freiwillige Mitarbeiterin erzählt von ähnlichen Erfahrungen. Sie muss anonym bleiben, denn wer bei der Dargebotenen Hand arbeitet, darf nur seiner Familie davon erzählen. Die Gründe: Wissen andere Personen von der Tätigkeit und sind irgendwann selbst in der Situation, dass sie 143 anrufen wollen, könnten sie aus Angst, ihre Bekannte am Telefon zu erwischen, daran gehindert werden. Zudem dient es als Schutz für die Mitarbeitenden; es kommt vor, dass sie am Telefon beschimpft und bedroht werden. Darum ist auch nicht bekannt, wo genau sich die Büros der Dargebotenen Hand in der Stadt Luzern befinden.

Zurück zur Mitarbeiterin – nennen wir sie mal Andrea. Sie berichtet von Singles, die sich einsam fühlen und von Pärchen und Familien, welche die ständige Nähe zueinander nicht gewohnt sind. Ungewohnte Nähe, die zwangsläufig Konflikte mit sich bringe und «eine echte Herausforderung» für viele Familien darstelle. Folglich nehme auch die häusliche Gewalt zu – sowohl handliche als auch emotionale. Wie Rütschi, spürt auch Andrea eine grosse Unsicherheit in der Bevölkerung:

«Letztens rief mich etwa eine besorgte Mutter an, die ihren Kindern verboten hatte, mit Schulfreunden zu spielen. Im Nachhinein wurde sie von anderen Eltern angegangen, warum sie so streng sei – es mache doch nichts, wenn sich Kinder treffen.»

Sorgentelefon ist keine Corona-Hotline

Generell wüssten viele nicht, ob sie noch vors Haus dürfen. Arbeitstätige machen sich Gedanken um Lohneinbussen, bangen um ihren Job. «Viele Ängste und Unsicherheiten waren schon vorher da. Aber jetzt werden sie nochmals ein bisschen bedrohlicher als im normalen Tagesablauf», glaubt Andrea.

Ihr Job ist es in erster Linie, den Leuten zuzuhören. «Gerade jetzt sind viele Personen unglaublich dankbar, überhaupt mit jemandem sprechen zu können. Es beruhigt sie, mit jemandem zu reden, der nicht so Angst besetzt ist und darauf vertraut, dass alles gut kommt», so Andrea. Manchmal erarbeitet sie mit Ratsuchenden auch Lösungen. Wer etwa mit Einsamkeit zu kämpfen hat, dem hilft sie, eine Tagesstruktur zu erarbeiten und ermutigt sie, Briefe zu schreiben oder zu telefonieren.

Teilweise wollen die Anrufenden aber auch einfache Corona-Auskünfte: «Da muss ich dann zum hundertsten Mal erklären, was wichtig ist.» Mehr, als die BAG-Regeln zu wiederholen bleibe ihr meist nicht. «Teilweise kann ich zwar den Leuten helfen, zu übersetzen, was das für sie genau heisst», sagt Andrea. Aber auch hier gebe es Grenzen: «Wenn ich eine Situation nicht abschätzen kann, verweise ich auf die Corona-Hotline. Es ginge definitiv zu weit, würde ich einfach etwas interpretieren.»

Eine Beraterin der Dargebotenen Hand Zentralschweiz bei der Arbeit.

Eine Beraterin der Dargebotenen Hand Zentralschweiz bei der Arbeit.

Archivbild: Pius Amrein, Luzern, 21. August 2018

Homeoffice ist nicht möglich

All die freiwilligen Berater und Beraterinnen –in der Zentralschweiz sind es 61 – handeln das ganze Jahr über altruistisch. Zurzeit ist aber auch die Solidarität untereinander sehr gross. Das Durchschnittsalter der Mitarbeitenden ist 58 Jahre, viele sind aber auch schon über 65 Jahre alt.

«Wir haben alle, die jetzt daheim bleiben wollen, beurlaubt», sagt Rütschi. Ihre Schichten – das Sorgentelefon arbeitet in einem 24-Stunden-Schichtbetrieb – übernehmen jetzt ihre jüngeren Kollegen. Hinzu kommt: Die Kapazitäten mussten wegen der Corona-Notlage Anfang Woche aufgestockt werden. Für die Freiwilligen bedeutet das noch mehr zusätzliche Schichten. Gearbeitet werden muss im Büro. Rütschi erklärt:

«Hier haben wir unsere Datenbank mit allen wichtigen Nummern und Stellen. Ausserdem haben viele Zuhause kein separates Zimmer als Rückzugsort. Und das Schlafzimmer oder das Badezimmer eignen sich nicht, um stundenlang schwierige Gespräche zu führen.»

Nur ausgebildete Berater können bei 143 arbeiten

Mehrmals täglich erhält Klaus Rütschi Anrufe von Personen, die aktuell viel Freizeit haben, etwas Gutes tun und bei der Dargebotenen Hand aushelfen wollen. «Diese Solidarität ist zwar schön, so einfach geht das aber nicht», sagt Rütschi. Denn wer fürs Sorgentelefon arbeiten will, muss zuerst eine einjährige Ausbildung absolvieren.

Der Geschäftsleiter betont: «Manchmal rufen Leute bei 143 an, die sagen, dass sie gerade an einer Brücke oder vor dem Bahngleis stehen und Suizidgedanken haben. Da können wir nicht verantworten, dass da ‘einfach jemand’ an der anderen Leitung ist. Es braucht diese Ausbildung, um zu wissen, wie mit solch einer Situation umzugehen und die richtigen Worte zu finden.»