Akribie und Experimentierlust

POP ⋅ Die Medien feiern seine Musik bereits als Ereignis. Jetzt muss der Engländer Jack Garratt mit seinem Debütalbum «Phase» beweisen, dass der frühe Jubel gerechtfertigt ist.

25. Februar 2016, 00:00

Steffen Rüth

Wie der kommende grosse Popstar sieht der überaus bärtige Jack Garratt jetzt gerade nicht aus, wie er so dasitzt. Kekse kauend, Schorle trinkend und schmatzend beteuernd, dass er zu Mittag einen Lachsbagel «mit Salat» gegessen und am Morgen bereits den Fitnessraum seines Hotels von innen gesehen habe. «Jetzt, da ich so eine grosse Nummer bin, muss ich ja auf mich achten», sagt Garratt, sympathisch lachend. «Das war jetzt ein Scherz. Dieses Ding mit dem berühmt sein fühlt sich noch ziemlich mulmig an für mich.»

Sehr rothaarig

Der Mann ist nicht allzu gross, auch nicht allzu sportlich, aber allzu rothaarig. Kein Wunder, dass ihn schon alle mit Ed Sheeran vergleichen, denn auch auf deutlich konstruktivere Weise gibt es Parallelen zwischen den beiden auch noch gleich, nämlich 24 Jahre, alten Engländern. Auch Jack Garratt nämlich steht völlig allein auf der Bühne, und auch er ist ein musikalisches Mords­talent, sein Debütalbum «Phase» gilt in Grossbritannien als eine der am heissesten ersehnten Veröffentlichungen des ersten Quartals. «Die eigentliche Arbeit fängt jetzt erst an», so Garratt, der aus der Provinz Buckinghamshire stammt, die Mutter Grundschullehrerin, der Vater Polizist. «Das alles halte ich nur aus, wenn ich die Füsse fest auf dem Boden und den Kopf gut durchgelüftet halte.»

Jack Garratt ist, auch wenn ihn die meisten noch gar nicht kennen, nämlich bereits jetzt eine grosse Nummer. An Vorschusslorbeer wurde nicht im Geringsten gespart, Garratt holte sich die beiden grössten Newcomer-Meriten ab, er gewann die «BBC Sound of 2016»-Umfrage sowie den «Brits Critics’ Choice Award», mehr geht kaum. «Beide Auszeichnungen in einem Jahr haben nur Adele, Jessie J und Sam Smith bekommen», so Garratt, «und alle waren oder sind sie echte Weltstars geworden.» Das erwartet die Welt jetzt auch von ihm. «Tja, und wenn mein Album nicht der Riesenerfolg wird, mit dem alle rechnen, dann stehe ich ganz schön bescheuert da, was?» Jack Garratt lacht, aber er meint das schon auch ernst. «Ich stehe in der Verantwortung, es nicht zu verkacken. Der Druck ist riesengross. Ich bin heilfroh, dass ich das Album noch fertig bekommen habe, bevor der Wirbelsturm zu toben begann.»

Song aus Garratts Debütablum «Phase». (youtube.com, 25.02.2016)

Aus dem Fiasko gelernt

Man ahnt es ja bereits, «Phase» wird dem Hype tatsächlich weitgehend gerecht. Jack Garratt, der mit 13 seinen ersten grossen, wenn auch völlig missratenen Auftritt bei einer Show namens «Junior Eurovision» hatte (mit seinem Song «That Girl» wurde er Letzter) und zwischendurch Musik studierte, konnte sich seit dem Fiasko blendend entwickeln. Seine Songs stecken voller feinster Melodien und einem ordentlichen Hauch Melancholie, auch trumpft Garratt mit seiner vorzüglichen Falsett-Stimme auf.

Seine Kompositionen reichert er mit genau der richtigen Dosis an Beats und Elektronik an, sodass Stücke wie «Breathe Life» oder «Weathered» zwar klassisch-zeitlos, aber auch eindeutig sehr modern klingen. Man hört ihm gerne dabei zu, wie er singt, Piano spielt oder was auch immer treibt, für ein tempomässig grundsätzlich eher zurückgelehntes Album ist «Phase» wirklich sehr facettenreich. «Ich liebe Blues und Soul», sagt Garratt, «und meine beiden grossen Vorbilder sind die jeweiligen Lieblingsmusiker meiner Eltern, Dad liebt David Bowie und Mum Stevie Wonder. Bei diesen beiden fühlte ich als Kind schon mehr als etwa bei den Beatles, und so ist es geblieben.»

Elegant gebremst

Folglich klingt sein elegant gebremster Pop-Soul-Blues-Electro verträglich und konsensfähig, mögliche Kanten und Brüche hat Jack bei der Produktion abgeschliffen. Die Songtexte, ohnehin nicht seine Paradedisziplin, sind nicht besonders tief schürfend.

Und natürlich bleibt es auch nicht aus, dass Garratt, der sich vom «Gitarren-Songschreiber-Balladenmann», wie er es ausdrückt, durch Akribie und Experimentierlust die Elektronik und das Soulige draufschaffte, mit etablierten Kollegen wie James Blake oder Jamie xx verglichen wird. «Die Leute sehen mich und denken ‹Logisch, weisser Typ mit Bart macht Modern Soul›, aber so einfach ist es nicht.» Er sei halt schon immer gut darin gewesen, «von einer Schublade in die nächste zu springen», so Garratt lächelnd.

Jack Garratt: Phase (Universal)

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Song aus Garratts Debütablum «Phase». (youtube.com, 25.02.2016)




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