«Druck macht man sich selbst»

POP ⋅ Einen Swiss Music Award hat Nickless bereits abgeräumt. Jetzt erscheint sein ­Debüt. Er ist erstaunlich brav für einen 20-Jährigen.

03. März 2016, 00:00

Michael Graber

An den Swiss Music Awards 2016 überholte Nickless den «Hippie Bus». Statt Dodos Gefährt wurde «Waiting» vom jungen Zürcher zum besten Schweizer Hit gewählt. Und wer ab und zu Radio hört, kam am schrummligen Gitarren-Pop des 20-jährigen Nicola Kneringer (so heisst Nickless bürgerlich) kaum vorbei. Der Song ist fast schon unanständig eingängig, und die warme Stimme von Nickless wird wohl das eine oder andere Mädchenherz zum Schmelzen gebracht haben.

Jetzt tritt Nickless den schweren Gang an, beweisen zu müssen, nicht ein «One Hit Wonder» zu sein. Er tut das mit dem Album «Four Years» (so lange dauerte der Entstehungsprozess der Platte). «Natürlich ist der Druck da», sagt Nickless, «aber eigentlich macht man sich den ja vor allem selber.» Weiter sagt er «Angst habe ich aber nicht, zumal ich ja auch noch jung bin und jetzt nicht sofort alles erreichen muss».

Single aus dem Debütalbum «Four Years». Für diesen Song erhielt Nickless den Swiss Music Award 2016 in der Kategorie «Best Hit National». (youtube.com, 03.03.2016)

«Grosses Pop-Herz»

Man merkt Nickless im Gespräch an, dass er sich sauber auf seine PR-Auftritte vorbereitet hat. Die Sätze sind überlegt und haben Substanz. Das trifft auch auf die Musik zu. Nickless hat länger im Zürcher 571-Studio (Produzent Thomas Fessler hat auch an den jetzigen Songs mitgeschrieben) gearbeitet, und das offensichtlich aufmerksam. Der Pop von Nickless ist eingängig, auf viel Harmonie bedacht und verfügt über clevere Intensitätssteigerungen.

Etwas böse könnte man allenfalls sagen, dass es doch recht brav ist, für einen 20-jährigen Musiker. Nickless lacht: «Ich mache, was mir gefällt und nichts, nur um zu gefallen.» Er selber höre gerne Coldplay, Kooks und hat ein grosses «Pop-Herz». Das hat er tatsächlich, unüberhörbar. Vieles auf «Four Years» ist «Waiting» nicht unähnlich, auch wenn er mal noch sanft Elektronik einfliessen lässt. Zentrales Thema der Songs ist die Liebe, meistens schmachtend und immer nahe an der Grenze zum Kitsch.

Es seien nicht nur seine eigenen Geschichten, die er da verarbeite, sagt Nickless. So viele (unglückliche) Liebschaften würde man ihm dann doch nicht zutrauen, auch wenn er ohne Zweifel der Typ Mädchenschwarm ist. Und Sänger mit Gitarre haben zusätzlich gute Karten bei den Frauen.

Vom Drum zur Gitarre

Das war Nickless nicht immer. Lange hatte er die Schlagzeugstöcke in den Händen. 2009 gewann er gar am Drummer- und Percussionisten-Wettbewerb in Altishofen den ersten Preis in seiner Kategorie. Er machte auch bei einer Nachwuchsband mit dem schönen Namen «Klirrfaktor» mit. Gitarrist und Sänger wurde er erst, als er sich entschloss, selber Songs zu schreiben: «Das ist unheimlich schwierig, wenn man nur Drums spielt», sagt Nickless.

Es sei anders, vorne zu stehen. «Anders, aber sicherlich nicht schlechter.» Und wer Livevideos von Nickless schaut, der kann sich überzeugen, dass der Zürcher durchaus auch ein guter Entertainer ist. Das mitsingende junge Publikum zeigt dann jeweils auch klar auf, bei wem der Mann besonders gut ankommt.

«Meh Dräck»

Derzeit ist Nickless mit Baschi auf Tour, teilte aber auch schon die Bühne mit Bastian Baker. Mit Labelkollege Baker wird er auch ständig verglichen. Hauptsächlich, weil sie ähnliche Typen sind. Musikalisch ist Baker gesetzter, er bewahrt sich auch eine (minimale) Rotzigkeit, die man bei Nickless fast ein wenig vermisst. «Four Years» ist eine solide Platte, von der aber nicht wirklich viel hängen bleibt. «Meh Dräck» würde Chris von Rohr da fordern, und für einmal hätte er damit sogar recht.

Nickless: Four Years (Phonag)
Bewertung: 3 von 5 Sternen

Single aus dem Debütalbum «Four Years». Für diesen Song erhielt Nickless den Swiss Music Award 2016 in der Kategorie «Best Hit National». (youtube.com, 03.03.2016)




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