Die «West Side Story» wird im Entlebuch aufgeführt

Ein Musical, nicht weit weg von der Gegenwart

Die «West Side Story» im Westen von Luzern: 31 Darsteller und 30 Instrumentalisten zwischen 15 und 25 Jahren sowie zwei Schauspieler für die Erwachsenenrollen bringen das zeitlose Musical auf die Escholzmatter Bühne.

08. Februar 2016, 00:00

«I like to be in America – okay by me in America – everything free in America», singen die puerto-ricanischen Girls im Chor. «America» ist der wohl bekannteste Song aus dem Musical «West Side Story», das 1957 uraufgeführt wurde. Die grossartige Musik von Leonard Bernstein und die einzigartige Choreografie von Jerome Robbins machten das Musical weltberühmt. Mit der Verfilmung aus dem Jahr 1961 mit Natalie Wood und Rita Moreno erreichte das Musical Kultstatus (siehe Kasten).

«Cats» war schon eine grosse Nummer. Nun, zwei Jahre danach, bringen der Verein Musical Plus und das Gymnasium Plus der Kantonsschule Schüpfheim die «Mutter des Musicals» auf die Bühne. Die Disziplinen Tanz, Gesang und Schauspiel wurden in der «West Side Story» erstmals in dieser Weise zusammengeführt; jeder Tänzer ist ein Charakterdarsteller.

Aktueller Bezug

Die Geschichte spielt im New York der 1950er-Jahre, wo sich zwei Jugendbanden, die einheimischen «Jets» und die puerto-ricanischen «Sharks», erbittert bekämpfen. Gleichzeitig erzählt die «West Side Story» von der von «Romeo und Julia» inspirierten Liebe zwischen Tony und Maria.

Dass die Geschichte zeitlos ist und gerade heute wieder von trauriger Aktualität, ist unbestritten. Aber hätte man das Stück nicht gerade deshalb etwas näher an die heutige Realität heranführen können? Die «West Side Story» sei keineswegs weit weg von der Gegenwart, sagt der Regisseur Silvio Wey: «Mit den anhaltenden Flüchtlingsströmen steigt täglich die Zahl der Menschen, die in Westeuropa Zuflucht suchen.» Und doch sind es amerikanische Hinterhöfe und polnische oder italienische Immigranten geblieben, die im Entlebuch gegen puerto-ricanische Einwanderer ihr Revier verteidigen.

Inspiration

Mit den Rechten am Stück – 10 000 Franken, 16 000 mit Tantiemen – handelt man sich eben auch gewisse Pflichten ein: Werkgetreue Ausführung, Texte dürfen nicht gekürzt werden.

Welche Möglichkeiten hat man denn als Regisseur, der Aufführung seinen Stempel aufzudrücken? Silvio Wey hat sich im Internet zahlreiche Inszenierungen angeschaut – vom Broadway bis Tel Aviv. Zuletzt war er auch in St. Gallen, wo das Musical seit Dezember 2015 gespielt wird. «So sieht man, was funktioniert und was nicht», sagt Wey. Man erhalte Anregungen, wie gewisse Probleme gelöst und Lücken geschlossen werden könnten.

Realistisches Schauspiel

«Die Kostüme sind ein bisschen moderner geschnitten als im knapp 60-jährigen Original, die Kulisse ist minimalistisch gehalten», erzählt der Regisseur über die Umsetzung. Im Gegensatz zur Aufführung im Luzerner Theater von 2011, wo die Inszenierung in den Farben Weiss, Schwarz und Grau gehalten war, setzt Wey auf Bluejeans für die Jets und Rot-, Violett- und Schwarztöne für die lateinamerikanischen Sharks. Eine grosse Operafolie – eine weisse Folie, auf die grosse Flächen in unterschiedlichen Farben projiziert werden – erweitert das Farbkonzept. Vier grosse fahrbare Elemente, wie Baugerüste auf Rädern, dienen dazu, verschiedene Schauplätze wie den Sportplatz, Maschendrahtzaun oder den «Romeo und Julia»-Balkon anzudeuten. Dazu Wey: «Ich mag keine nervösen Kulissen. Die Darsteller stehen bei mir im Zentrum.» Grossen Wert legt er, der unter anderem in London studiert hat, auf realistisches Schauspiel. «Dafür sind im Ensemble alle sehr offen. Sie sind jung und noch nicht festgefahren.»

Können die das denn, die Gymi-Schüler, tanzen, singen und schauspielern? Wey merkt an, dass auch «Cats» gesanglich und tänzerisch sehr anspruchsvoll sei. «Etwa ein Dutzend Leute von damals sind auch diesmal wieder mit dabei. Sie haben sich inzwischen weitergebildet.» Ausserdem werde im Gymnasium Plus auf sehr gutem Level getanzt, gesungen und musiziert. Und: Für die Hauptrollen, Tony und Maria, stehe der Tanz nicht im Vordergrund.

Nach «Cats» arbeitet der gebürtige Marbacher zum dritten Mal nach «Die Schöne & das Biest» (2012) und «Cats» (2014) mit einem jungen Ensemble aus dem Kanton Luzern, grösstenteils aus dem Entlebuch.

Auch Yvonne Barthel, verantwortlich für die Choreografie bei «Cats», ist wieder mit von der Partie, ebenso wie der Schüpfheimer David Engel-Duss, der die musikalische Gesamtleitung trägt.

Gleich drei Grossanlässe

«Die ‹West Side Story› ist grösser als ‹Cats›», sagt Gody Studer. «Nicht nur finanziell, auch musikalisch anspruchsvoller.» Der Projektleiter ist über «Die Schöne & das Biest» zum Team gestossen. Er sei damals den Schülern und der Kanti zuliebe hingegangen, meint der Escholzmatter. Das Budget für die «West Side Story» ist mit 393 000 Franken um 50 000 Franken höher veranschlagt als für «Cats». Man betreibt von Mal zu Mal mehr Aufwand. Die hohe Auslastung – Anfang Februar waren 70 Prozent der Tickets verkauft – spricht für das Konzept: Im Entlebuch wird mit jungen Menschen hochstehendes Musiktheater gemacht. Die Finanzierung sei schwieriger verlaufen als noch vor zwei Jahren, so Studer, da heuer mit dem Zentralschweizerischen Jodlerfest in Schüpfheim und dem Luzerner Kantonalen Schwingfest in Escholzmatt zwei weitere Grossanlässe stattfinden im Entlebuch. Studer: «Alle wollen ein Stück vom Kuchen. Sponsoren und Gönner unterstützen aber in der Regel nur einen Anlass.»

Nach der Fasnacht findet eine Probewoche statt. Dann ist Amerika im Entlebuch.

Regina Grüter

20. Februar bis 6. März
Mehrzweckhalle Ebnet, Escholzmatt.
Infos/VV: www.westsidestory2016.ch.
Verlosung auf Seite 15 in diesem Heft.

Der Film von 1961

Zehn Oscars bei elf Nominierungen – die Musical-Verfilmung wurde bei den Academy Awards 1962 nicht nur als bester Film gekürt. Die Auszeichnung für die beste Regie teilt sich Robert Wise mit dem Choreografen Jerome Robbins, von dem auch die ursprüngliche Idee zum Musical «West Side Story» stammt. Beste Kamera: Damals wurde noch zwischen Farb- und Schwarz-Weiss-Film unterschieden. Die satten Technicolor-Farben, die Kostüme und vor allem das Setting – die stilisierten Hinterhöfe, Treppenhäuser, Häuserdächer – machen den besonderen Reiz dieser gekürzten, filmischen Umsetzung aus. Weitere Goldmännchen gabs für Sound, Schnitt und die Filmmusik nach Leonard Bernstein. Bemerkenswert: Rita Moreno hat – bis auf ein Lied – als Einzige selbst gesungen (Nebenrollen-Oscar für ihre Rolle als Anita und für George Chakiris als Bernardo).

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