Kopf des Tages

Abramowitschs unerklärte Liebe zur Schweiz

OLIGARCHEN ⋅ Roman Abramowitsch möchte in die Schweiz ziehen. Was dahintersteckt, dürfen auch jene nicht sagen, die Genaueres wissen. Ein Zürcher Gericht hat es verboten.
06. Februar 2018, 00:00

Man kennt den Mann als Fussball-Mäzen. Roman Arkadjewitsch Abramowitsch kaufte vor anderthalb Jahrzehnten den englischen Fussballclub Chelsea und machte ihn zu einem der erfolgreichsten und wertvollsten Vereine der Welt. Das fiel dem Russen nicht allzu schwer, denn er ist milliardenschwer, seinerzeit durch Öl zu Geld gekommen. Und er gehört zu jenen Oligarchen, die direkten Zugang zum Kreml haben.

Dass Abramowitsch nun in der Schweiz über die Gemeinde der Fussballfans hinaus interessiert, hat mit einem Artikel in der «Sonntags-Zeitung» zu tun. Das Blatt berichtet, der russische Oligarch wolle in die Schweiz ziehen, nach Verbier im Kanton Wallis. Das wollte er vor zwei Jahren schon einmal. Ein bereits eingereichtes Gesuch zog er dann allerdings wieder zurück. Doch nun scheint es ihm ernst zu sein. Weshalb es zu diesem (erneuten) Sinneswandel kam und was dahintersteckt, weiss man nicht. Das heisst: Das erwähnte Sonntagsblatt wüsste es schon, darf aber nicht darüber berichten: Abramowitschs Anwälte erwirkten ein gerichtliches Verbot.

Das passt ins Bild, denn Abramowitsch ist äusserst öffentlichkeitsscheu. Mit Journalisten spricht er nie. Und aufgrund seines Vermögens kann es der inzwischen dreimal geschiedene siebenfache Vater so einrichten, dass er in aller Regel nicht auf Vertreter dieser Berufsgattung trifft: Um zu seinen Immobilien in London, New York, an der Côte d’Azur und in Garmisch zu kommen, ist er auf die öffentlichen Verkehrsmittel nicht angewiesen. Er besitzt unter anderem teure Jachten und eine luxuriös ausgestattete Boeing 767.

Abramowitsch wurde indes nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, damals im Jahr 1966. Weil beide Eltern früh starben, wuchs er bei Verwandten in Saratow an der mittleren Wolga auf. Wegen des Studiums nach Moskau gekommen, gründete er zu Perestrojka-Zeiten eine Firma, die Spielzeug aus Plastik herstellte. Richtig Geld machte Abramowitsch dann aber im Erdölgeschäft. Er kaufte Anteile an der damals in der Schweiz domizilierten Investitionsgesellschaft Runicom, die wiederum Anteile am Erdölförderer Sibneft besass. Bald war der smarte Russe Hauptaktionär von beiden Firmen. Später verkaufte er Sibneft an Gazprom, was ihm seine Milliarden einbrachte.

Im Zusammenhang mit Runicom ist in der Schweiz übrigens noch ein Gerichtsverfahren hängig.

Abramowitsch war zwischen 2000 und 2008 Gouverneur der Region Tschukotka im Nordosten Sibiriens, wo er viel für die Verbesserung der Infrastruktur tat. Auf Wunsch von Wladimir Putin verlängerte er seine Amtszeit, obwohl er bereits nach London umgezogen war. Den Umzug hat ihm Putin trotz gutem Einvernehmen angeblich nie ganz verziehen. Nicht nur im politischen Bereich war Abramowitsch erfolgreich, es wird darüber hinaus seiner Einflussnahme zugeschrieben, dass die Fifa die Fussballweltmeisterschaften nach Russland vergab.

Richard Clavadetscher


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