Am Gängelband zum gesunden Leben

PRÄVENTION ⋅ Wie sehr soll oder darf der Staat seine Bürgerinnen und Bürger zu einer gesunden Lebensweise zwingen? Diese Frage stellt sich angesichts einer wachsenden Zahl von Ge- und Verboten nicht nur bei uns, sondern weltweit.
04. November 2017, 00:00

Richard Clavadetscher

Wir wissen alle, wie man gesund lebt: ausgewogene Ernährung, fettarm, wenig Zucker, wenig Salz, wenig Alkohol, kein Tabak – und viel Bewegung. Auch wenn das alle wissen, es leben längst nicht alle so. Was also tun mit den Uneinsichtigen? Zur Einsicht zwingen halt. Und hier kommt der Staat ins Spiel: Er kann verbieten, vorschreiben, lenken. Und er tut es in immer grösserem Ausmass.

Beispiel Tabak: Wer heute um die 60 Jahre alt ist, mag sich noch erin- nern, dass ein Päckchen Zigaretten rund 1 Franken kostete. Heute ist es das Achtfache. Nicht nur das: Während früher Zigaretten laut Werbung «den Geschmack von Freiheit und Abenteuer» vermittelten, erinnern heute Text und Bild auf jeder Zigarettenpackung, dass «Rauchen tödlich» ist oder dass Rauchende «sich und ihre Umgebung» grossen Risiken aussetzen. «Wer von der Schädlichkeit des Rauchens liest, hört auf – zu lesen.» Das Bonmot Winston Churchills gilt nicht mehr. Den Warnungen entkommt man nicht.

Längst nicht mehr nur Kampf gegen den Tabak

Damit nicht genug: Als erster EU-Staat folgt Frankreich dem Beispiel Australiens, das im Jahr 2012 neutrale Zigarettenpackungen eingeführt hat. Uniforme Schachteln, einheitlich beschriftet, sollen die Zahl der Raucher noch weiter senken. In Grossbritannien wiederum, das schon eine Abgabe auf Softdrinks kennt, stehen neutrale Verpackungen ohne Markenkommunikation, aber dafür mit Warnhinweisen auch für Alkohol in Diskussion.

Kampagnen und gesetzliche Ver- und Gebote machen heute nicht nur Rauchenden, aber ihnen ganz besonders auf Schritt und Tritt das Leben schwer, und das sollen sie auch. Rauchen am Arbeitsplatz? Früher gang und gäbe, heute verpönt. Rauchende werden in Raucherräume verbannt – wenn nicht gar vors Gebäude. Rauchen auf Kinderspielplätzen? Wer das tut, taugt wohl nicht zur Erziehung von Kindern, ihm ist gesellschaftliche Ächtung sicher. Und auch dies noch: Eben ist von den SBB zu erfahren, dass sie ein Rauchverbot in allen Bahnhöfen prüfen. Die Bahn will damit ihre Bahnhöfe «aufwerten».

Wie es scheint, geht es heute längst nicht mehr um den Kampf gegen Tabak und Alkohol allein. Vieles spricht dafür, dass Zucker und Fett «der neue Tabak» sind: Im Kampf gegen Übergewicht und Fettleibigkeit führt etwa die EU immer restriktivere Regelungen zu Verkauf und Werbung für bestimmte Lebensmittel und Getränke ein. Und bereits nach der Jahrtausendwende kündigte die Weltgesundheitsorganisation, ermutigt durch die Erfolge in der Kampagne gegen den Tabak, an, sie werde gegen die Fettleibigkeit von Kindern einen ähnlichen Feldzug führen.

Eigenverantwortung rückt in den Hintergrund

Nun steht ausser Streit, dass Tabak und Alkohol schädlich sind, Zucker und Fett, übermässig genossen, ebenso. Die Frage aber ist, wie weit hier staatliche Bevormundung gehen soll. «Wirkungsvolle Massnahmen zu Prävention, Früherkennung und Gesundheitsförderung im Bereich der nicht übertragbaren Krankheiten gewinnen an Bedeutung. Zu diesem Zweck müssen neue Modelle erarbeitet und entwickelt werden.» Was wie eine Drohung klingt, ist auf dem Webauftritt des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zu lesen. Man verargt es dem BAG nicht, denn sein Auftrag ist es nun mal, die öffentliche Gesundheit wenn nicht zu garantieren, dann doch mindestens zu fördern. Und das Amt hat gute Argumente für sein ausuferndes Tun: Eine gesündere Bevölkerung kann am Ende die Aufwendungen für das jetzt schon teure Gesundheitswesen senken. Von immer mehr Ge- und Verboten im Gesundheitsbereich aufgeschreckt, versuchen Bürgerinnen und Bürger mit liberalem Staatsverständnis dagegenzuhalten. Sie verweisen auf die Eigenverantwortung; sie gehöre nun mal zu einer freiheitlichen Gesellschaft. Sie schliesse auch den individuellen Entscheid ein, was ein Mensch seinem Körper zumuten wolle und was nicht. Ob sich diese Stimmen aber Gehör verschaffen können angesichts einer weltweiten Tendenz zur Bevormundung im Gesundheitsbereich? Man darf es bezweifeln.


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