Cheforganisator in Nöten

OLYMPISCHE WINTERSPIELE ⋅ Wenige Tage vor Beginn der Spiele in Pyeongchang sind noch viele Eintrittskarten nicht verkauft. Bei der Problemlösung könnten Cheforganisator Lee Hee-beom auch nordkoreanische Cheerleader helfen.
08. Februar 2018, 00:00

Felix Lee, Peking

Es ist der Albtraum eines jeden Organisators, wenn bei einem so wichtigen Grossereignis wie den Olympischen Winterspielen die ganze Welt auf einen schaut – und die Ränge sind leer. Rund ein Viertel der insgesamt 1,18Millionen Eintrittskarten für die Winterspiele, die morgen im südkoreanischen Pyeongchang beginnen, waren gestern noch nicht verkauft. Und weil Lee Hee-beom der Cheforganisator dieser Spiele ist, hat er in diesen Tagen ein Problem.

Tickets für Top-Ereignisse wie Eiskunstlauf oder den Eishockey-Final würden durchaus nachgefragt werden, rechtfertigt sich der 68-Jährige in einem Interview im südkoreanischen Fernsehen. Doch er gibt zu: Bei den weniger zugkräftigen Sportarten sehe es dafür umso öder aus. «Vor allem teure Tickets gehen nur schwer weg», klagt Lee und wirkt dabei recht müde.

Dabei hat er als Krisenmanager schon sehr viel schwierigere Probleme meistern müssen – etwa die Annäherung der beiden verfeindeten Korea. Lee begann seine Karriere in den Siebzigerjahren als normaler Regierungsbeamter. 2001 kam der grosse Karrieresprung: Der damalige südkoreanische Präsident Kim Dae-jung beförderte ihn zum Vizeminister für Handel und Industrie. Zwei Jahre später stieg Lee selbst zum Minister auf. Er diente in einem Kabinett, das sich der «Sonnenscheinpolitik» verschrieben hatte: eine Annäherung an Nordkorea durch Dialog, Austausch und Wirtschaftshilfe. Lee gehörte damit zu der ersten Generation von Politikern, die den Konflikt zwischen den verfeindeten Staaten auf friedliche Weise lösen wollten. Auf ihn geht auch die Eröffnung der Industriezone in Kaesong zurück, der ersten Sonderwirtschaftszone auf nordkoreanischem Boden. Südkoreanische Unternehmen hatten dort produzieren lassen. Lees konservative Nachfolger hingegen setzten auf Konfrontation zu Nordkorea und machten Kaesong 2016 wieder dicht.

Kim Jong-uns Schwester besucht die Eröffnungsfeier

Von einem Minister, der sich der innerkoreanischen Annäherung verschrieben hatte, zu seiner derzeitigen Position als Cheforganisator der Olympischen Winterspiele lässt sich durchaus eine historische Linie ziehen. Denn auch wenn es mit den Tickets derzeit nicht so toll läuft – die Spiele in Pyeongchang könnten nun als Friedensolympiade in die Geschichte eingehen.

Völlig überraschend wahrscheinlich auch für Lee selbst hat der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un in seiner Neujahrsrede den Wunsch geäussert, dass Nordkorea an den Spielen im Süden teilnimmt. Nun kommt selbst Kim Yo-jong, die Schwester des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un und Vizedirektorin der mächtigen Propagandaabteilung der Arbeiterpartei, am Freitag zur Eröffnungsfeier ins südkoreanische Pyeongchang.

Das ist das erste Mal seit dem Ende des Korea-Kriegs im Jahr 1953, dass ein Familienmitglied des mächtigen Kim-Clans südkoreanischen Boden betritt. Mit im Schlepptau der Kim-Schwester: 200 nordkoreanische Cheerleader, die die gemeinsame Eishockey-Damenmannschaft der beiden Korea anfeuern sollen – das erste Mal am Samstag um 13.10Uhr (21.10Uhr Ortszeit) gegen die Schweizerinnen.

Hoffen auf ein ausgeglichenes Budget

Für Cheforganisator Lee ist damit ein Problem gelöst: Noch im September hatten Frankreich und Österreich erklärt, angesichts der Spannungen zwischen Süd- und Nordkorea aus Sicherheitsgründen einen Startverzicht zu erwägen. Zu diesem Zeitpunkt waren auch erst knapp 5Prozent der Zuschauertickets für die Wettkämpfe verkauft gewesen. Die Teilnahme Nordkoreas hat eine der derzeit gefährlichsten geopolitischen Krisen an dem Sportereignis im Süden praktisch über Nacht entschärft. Die Athleten aus aller Welt und die Zuschauer müssen nun also in der Zeit keinen Militärschlag mehr befürchten.

Doch Lee Hee-beom ist keiner, der sich nun in einer historischen Rolle sonnt, wenn noch viel zu tun ist. Sein Vorgänger hatte den Posten wegen Korruptionsverdacht und finanzieller Unregelmässigkeiten hastig räumen müssen und die Vorbereitungen weniger als zwei Jahre vor den Spielen hingeworfen. Lee hingegen brachte rasch die Bilanz der Spiele in Ordnung und sorgte dafür, dass die Wettkampfstätten rechtzeitig fertig werden.

Die Gesamtkosten für die 23.Winterspiele werden heute auf umgerechnet 8,3 Milliarden Euro geschätzt – kein Vergleich mit den Spielen 2014 im russischen Sotschi (das im Übrigen auch mit leeren Zuschauerrängen zu kämpfen hatte) mit einem Etat von knapp 41Milliarden Euro.

Mit Abstand grösster Kostenfaktor war der Bau einer neuen Bahnstrecke für Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Seoul und Pyeongchang. Rund 2,9 Milliarden Euro verschlang das Mega-Projekt. Der Zug bringt die Besucher aus aller Welt vom internationalen Flughafen Incheon im Westen der Hauptstadt Seoul in zwei Stunden zum Olympia-Gelände. Ursprünglich wollten die Südkoreaner mit einem Gesamtetat von 5Milliarden Euro auskommen. Trotz dieser Kostensteigerung zeigt man sich beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zuversichtlich. «Ich gehe davon aus, dass wir am Ende ein ausgeglichenes Budget haben», sagte der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach jüngst und lobte die Olympia-Organisatoren um Lee Hee-beom.

US-Soldaten sollen Lücken stopfen

Was die Zahl an verkauften Eintrittskarten betrifft, drängt nun jedoch die Zeit: Die Athleten sind bereits angereist, die errichtete Infrastruktur im olympischen Dorf muss sich nun bewähren. Morgen um 12 Uhr (20 Uhr Ortszeit) beginnt die Eröffnungszeremonie. Und bis dahin hat Lee noch an einer ganzen Reihe von Baustellen zu werkeln.

Um nun kurz vor Beginn der Spiele doch noch die Zuschauerränge gefüllt zu bekommen, hat er kurzfristig Hunderte zumeist freiwillige Mitarbeiter mobilisiert und sie in die Schulen und Betriebe geschickt, damit sie dort kräftig die Werbetrommel rühren.

Zum Teil werden die Tickets auch kostenlos an die am Wintersport eher wenig interessierten Südkoreaner verteilt. Sollten trotzdem viele Tickets übrig bleiben, hat Cheforganisator Lee bereits angekündigt, Tickets auch an die vielen US-GIs zu verteilen, die in Südkorea stationiert sind. Und die Soldaten werden mit Sicherheit begeistert sein von den nordkoreanischen Cheerleadern.


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