Das Alpine Museum vor dem Aus

03. November 2017, 00:00

Bern Just zum Zeitpunkt, da die Alpen Nachrichten von ihrer Schönheit – goldener Bergsteigerherbst – ebenso wie von ihrem Schrecken – massive Felsstürze – machen, kämpft das Alpine Museum Schweiz in Bern ums Überleben. Erst letzte Woche haben 40 namhafte Schweizer Forscher – darunter auch Jon Mathieu (siehe nebenstehendes Interview) – Kulturminister Alain Berset einen offenen Brief geschrieben. Sie wehren sich dagegen, dass dem Museum bis zu 75 Prozent der bisherigen Bundesgelder gestrichen werden. Für den Direktor des Alpinen Museums, Beat Hächler, ist klar: «Bleibt es bei diesem Entscheid des Bundesamts für Kultur, droht dem Haus das finanzielle Aus.» Dies vor dem Hintergrund, dass die Basisfinanzierung des Bundes nicht einfach so zu ersetzen ist.

Da kommen die Forscher, die sich in die Reihe von über 8000 Menschen einreihen, die sich bereits an der Protest­aktion beteiligt haben, gerade recht. «Es geht um die Wurst!», lautet die Kampagne, die Ende November in einem Solidaritätswurstessen gipfelt. So unterhaltsam das Ganze anmutet, so ernst ist es. Statt wie bisher eine gute Million soll das Alpine Museum ab 2019 bis 2022 noch 250000 Franken pro Jahr erhalten. Was die Kürzungen für die Zukunft des Museums, die geplanten Ausstellungsprojekte und die noch nicht abgeschlossene Neukonzeption bedeutet, ist demnach völlig offen.

Bergthemen betreffen die Schweiz im Klimawandel zunehmend

Das ist umso bedauerlicher, als das 1905 gegründete Museum das einzige seiner Art ist, das sich im umfassenden Sinn mit den Schweizer Alpen befasst. Heute ist es ein innovatives und gegenwartsorientiertes Haus, das von Bund, Kanton Bern und dem Schweizer Alpen-Club getragen wird. Und das soll so bleiben, nachdem der frühere Wandersocken- und Wolldecken-Groove endlich aus dem Museum verbannt werden konnte. «Für die in der Schweiz gut verankerte Alpenforschung wäre ein geschwächtes Alpines Museum ein herber Verlust», schreiben die Forscher an die Adresse von Bundesrat Berset, «auch für den dringend notwendigen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.» Denn die im Museum seit 2012 bearbeiteten Berg­themen wie Klimawandel, Lebensraum oder Nachhaltigkeit «betreffen die Schweiz tief greifend».

Das Anliegen der Forscher an den Kulturminister ist vor diesem Hintergrund klar: «Wir bitten um Unterstützung, um mit Hilfe des Bundes eine tragfähige Basisfinanzierung für das Alpine Museum zu finden – damit die Schweiz auch in Zukunft über eine attraktive Plattform zur Auseinandersetzung mit dem Lebensraum Alpen verfügt und den guten Ruf als fortschrittliches Alpenland stärken kann.» Da war der kurz zuvor verliehene Prix Expo, den das Alpine Museum von der Akademie für Naturwissenschaften für seine Ausstellung «Wasser unser. Sechs Entwürfe für die Zukunft» erhielt, durchaus hilfreich.

Apropos guter Ruf: Im Eifer der Selbstrettungsaktion sehen die Museumsexponenten vor lauter Eis auch schon einmal den vor sich hin schmelzenden Gletscher nicht mehr. Am Tag, nachdem die Gemeinde Bondo ein gewaltiger Bergsturz heimgesucht hatte, machte das Museum mit dem arg missverständlichen Slogan «Achtung Bergsturz» auf seine finanziellen Nöte ­aufmerksam. Ein Fauxpas, der einer ­unglücklichen zeitlichen Koinzidenz geschuldet war und umgehend bedauert wurde. Seither geht es nur noch um die Wurst im Rucksack. Dafür richtig. (bbr)


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