Kopf des Tages

Der Mann mit dem Rechenschieber

MEDIEN ⋅ Die SDA-Redaktion streikt heute weiter. Das liegt auch an CEO Markus Schwab, den scheinbar nur Zahlen interessieren.
01. Februar 2018, 00:00

Seit Dienstag herrscht in der Schweizer Medienlandschaft der Ausnahmezustand. Der Nachrichtenstrom, der sonst zuverlässig in die hiesigen Redaktionen fliesst, ist beinahe versiegt. Und das Land blickt plötzlich auf die streikenden Journalisten der Schweizerischen Depeschenagentur, kurz SDA. Die taucht sonst nur als Kürzel in den Zeitungen und Online-Portalen auf, und mancher Leser hat sich schon gefragt, wer dieser fleissige Schreiberling namens SDA wohl sei.

Dass das nun anders ist, liegt zu einem guten Teil an Markus Schwab, seit 2005 CEO der SDA. Der 55-Jährige hat mit seinen Abbauplänen – 36 von 150 Vollzeitstellen sollen verschwinden – die SDA-Redaktion in Rage versetzt. Und macht in diesen Tagen des ersten Streiks in der über 120-jährigen Geschichte der Nachrichtenagentur keine besonders gute Figur. Innerhalb weniger Wochen hat es Schwab, der bisher öffentlich kaum Spuren hinterlassen hat, zum derzeit umstrittensten Medienmanager des Landes gebracht. Eine Interviewanfrage liess er unbeantwortet.

Gestern, am zweiten Streiktag, zogen die SDA-Redaktoren nicht mehr durch die Strassen Berns. Sondern jene Zürichs, der Medienhauptstadt. Sie brachten einen Verhandlungstisch mit, auf den sie zwei Namensschilder stellten, «Redaktion» war auf das eine gedruckt, «Verwaltungsrat» auf das andere.

Die Botschaft war klar: Mit Schwab, dem CEO, gibt es für die Belegschaft nichts mehr zu bereden. Der hat sich unerbittlich gezeigt. Den Stellenabbau will er entgegen ersten Ankündigungen nicht in einem längerfristigen Prozess vollziehen, sondern in rasendem Tempo. Wer über 60 Jahre alt ist, wird entlassen. Und wer bleiben darf, muss sein Pensum meist reduzieren. Orientiert wurde in zehnminütigen Gesprächen, wie SDA-Redaktoren berichten. So unzimperlich baut derzeit selbst in der serbelnden Medienbranche sonst niemand ab.

Das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht hat Schwab dann mit einem Interview in der «NZZ am Sonntag». Das Beziehen von Arbeitslosengeld, sagt er dort etwa, sei für die Ent­lassenen «nicht super, aber eine Lösung». Man habe ja auch jahrelang in die Arbeits­losenversicherung einbezahlt. Auch an der Diskussion darüber, was ein massiver Stellenabbau bei der wichtigsten Schweizer Nachrichtenquelle aus medienpolitischer Sicht bedeutet, zeigt er sich wenig interessiert.

Keine Frage: Die Aufgabe, die sich Schwab stellt, ist keine einfache. Die Zeitungsverlage, gleichzeitig SDA-Besitzer und -Kunden, stehen unter grossem Druck, weil ihnen die Einnahmen wegbrechen. Das bekommt jetzt auch die SDA zu spüren, und selbst die streikenden Redaktoren stellen nicht in Abrede, dass sich etwas ändern muss – es ist das Vorgehen Schwabs, das ihnen sauer aufstösst. Den Willen zum Widerstand der Redaktion hat der unterschätzt, und überhaupt ergibt sich das Bild eines Mannes, der sich einzig und allein für Zahlen interessiert – und kein bisschen für das Produkt und jene, die es herstellen.

Zu diesem Bild passt, dass der Betriebsökonom in all den Jahren, in denen er SDA-Chef ist, kaum einmal in der Redaktion auftauchte. In diesen Tagen sitzt dort fast niemand, und daran wird sich auch heute nichts ändern: Die SDA-­Belegschaft hat gestern beschlossen, ihren Streik bis auf Weiteres zu verlängern. Erste Gespräche zwischen dem Verwaltungsrat und Redaktionsvertretern stehen heute an.

Dominic Wirth


Anzeige: