Zu Christi Geburt

Der Zauber von Weihnachten

23. Dezember 2017, 00:00

Freuen Sie sich auf weisse Weihnachten? Der Schnee sollte zumindest in höheren Lagen bis Weihnachten bleiben. Auch wenn statistisch gesehen an Weihnachten meist kein Schnee liegt, bleibt diese Sehnsucht nach der weissen Pracht in unseren Weihnachtsliedern gegenwärtig: «I’m dreaming of a white Christmas.» Schnee hat etwas Beruhigendes: für das Auge, auch für die Ohren. Wer in der geheizten Stube sitzt, bekommt mit Blick durch das Fenster in die verschneite Kälte ein wohliges Gefühl. Zudem lieben es Kinder, im Schnee zu spielen. Und ist Weihnachten nicht vor allem ein Fest für die Kinder?

Es ist unglaublich, was Weihnachten immer wieder bewirken kann: Menschen, die sich das ganze Jahr über kaum sehen, feiern miteinander, Eltern haben Zeit für die Kinder, Jugendliche denken für ein paar Stunden nicht an den Ausgang, alle sind in festlicher Stimmung und scheinen eine Harmonie leben zu wollen, die wir im Alltag sonst kaum hinkriegen. Da knallen keine Türen zu, Gehässigkeiten werden für später zurückgehalten, wer sonst im Haushalt selten mithilft, beginnt den Tisch zu decken oder hilft beim Schmücken des Baumes, Familien essen miteinander. Und was in unserem Zusammenleben viel zu oft fehlt, das schenken wir uns an diesem Abend gegenseitig: Zeichen der Wertschätzung, Geschenke, die sagen: Du bedeutest mir etwas. Gäbe es dieses Fest noch nicht, müsste Weihnachten erfunden werden!

Der Zauber von Weihnachten zieht auch Erwachsene in seinen Bann – so sehr, dass das bis zur Schmerzgrenze gehen kann. Denn der Schnee an Weihnachten kann nicht alles zudecken. Ich denke da an eine Familie, die vor einem Scherbenhaufen stand – nur wussten das noch nicht alle in dieser Familie. Ich hatte geraten, die enormen Probleme vor Weihnachten anzugehen, damit nicht noch mehr Unheil passiere. Weil aber der Drang so gross war, die Kinder nochmals richtig Weihnachten feiern zu lassen, wurde die Katastrophe für die Woche nach Weihnachten aufgehoben. Die Kinder wurden darauf dem einen Partner weggenommen – und körperliche Gewaltanwendung war vorprogrammiert. Welch Kraftaufwand an Heiligabend: so zu tun, als sei alles in bester Ordnung, alles unter einer weissen Decke verborgen. Dabei war für Maria und Josef Weihnachten alles andere als einfach. Schon die politische Grosswetterlage war bedrückend: Wenn der Evangelist Lukas seine Weihnachtsgeschichte damit beginnt, dass der römische Kaiser durch seinen Statthalter den Befehl erliess, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen, zeigt das, wie tief damals das jüdische Volk gesunken war, das einst ein eigenes Reich und grosse Könige wie David und Salomon hervorbrachte, nun aber unter römischer Fremdherrschaft lebte und durch immer neue Steuern ausgesaugt wurde. Und die junge Familie stand auch persönlich vor einem Scherbenhaufen: Maria, die ja fast noch ein Mädchen war, war schwanger – und ihr Mann Josef war nicht der Vater. Das war damals für eine Frau die grösstmögliche Schande.

In diese schwierige Situation hinein wird das Kind geboren. Für den Evangelisten Lukas ist es wichtig, zu zeigen, dass diese Geburt rein äusserlich gar nichts Aussergewöhnliches war: Sie fand in einfachen Verhältnissen statt, nicht einmal die Futterkrippe für einen Neugeborenen ist etwas Besonderes, ist doch noch heute in vielen Kulturen das Zusammenleben von Menschen und Tieren im selben Haushalt normal. Erst die Botschaft der Engel macht im Evangelium aus dieser allzu menschlichen Geschichte eine weihnächtliche: «Heute ist euch der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.» «Messias» heisst «der Gesalbte», auf Lateinisch «Christus». Die Engel verkünden dieses Kind also als den verheissenen Christus – als das Christkind.

Ich wäre nicht Abt und Mönch, ginge für mich der Zauber von Weihnachten nicht etwa vom Schnee, sondern von diesem Kind aus. Von ihm glaube ich persönlich: «Es ist der Herr», das heisst Gott. In Jesus von Nazareth ist für mich Gott einer von uns – eben Mensch – geworden, um uns seine Freundschaft anzubieten. Doch Freundschaft kann auch abgelehnt werden. Das göttliche Kind wird uns darum in den nächsten Monaten noch viel vom menschlichen Drama erzählen bis hin zum grausamen Tod am Kreuz. Gleichwohl wird nicht einmal am Karfreitag das Werben Gottes um uns Menschen zum Schweigen gebracht. An Ostern stehen wieder andere Zeuginnen und Zeugen als Engel, Hirten und Weise oder Könige auf – Menschen wie Maria Magdalena und die Apostel – und sagen uns: «Es ist der Herr, er lebt – durch alle Katastrophen hindurch.»

Mehr noch als weisse Weihnachten wünschte ich mir die Hoffnung dieses Festes: für alle Menschen, die keine Hoffnung mehr haben, keine Zukunft, kein Zuhause. Ich wünsche mir diese Hoffnung für die oben erwähnte Familie, von der ich weiss, wie schwer sie es hat. Sie steht vor Weihnachten, wo damals Maria und Josef standen: vor einer Katastrophe. Weihnachten vermag viele Familien zu vereinen und bewegt uns, uns gegenseitig zu beschenken. Gerade weil Weihnachten diese Kraft hat, können wir dieses Fest nie für uns alleine feiern. Unsere Gedanken und noch viel mehr unsere Herzen und Hände müssen darum denen gehören, deren Hoffnung zerstört ist, die um den Sinn ihres Lebens ringen, die in Not sind und vor einem Scherbenhaufen stehen. Je besser es mir gelingt, die Hoffnung von Weihnachten zu teilen, desto grösser ist die Chance, dass die Leidtragenden des Familiendramas wieder Fuss fassen und neuen Mut schöpfen. Vielleicht werden dann auch sie wieder einmal mit lieben Menschen zusammen Weihnachten feiern können.

Das Freundschaftsangebot des Kindes in der Krippe gilt für alle, auch für Menschen, deren Lebensentwürfe zerbrochen sind. Lassen wir dieses Kind nicht alleine und teilen wir seine Botschaft, einander anzunehmen und zu helfen. Und hier können mir vielleicht auch jene Leserinnen und Leser folgen, für die das Kind von Weihnachten nicht Gott ist. Auch der Wunsch nach weissen Weihnachten ist ein Wunsch nach Geborgenheit, nach Nähe und Angenommensein. So oder so braucht Weihnachten uns Menschen: Durch uns sollen scheinbar aussichtslose Probleme angegangen werden. Wir können einander menschliche Nähe schenken. Sie ist der Grund, auf dem wir Bereitschaft zu Friede und Versöhnung anbieten dürfen. Gerade darum ist es unglaublich, was Weihnachten immer wieder bewirken kann. Schenken wir uns an diesem Fest gegenseitig, was in unserem Zusammenleben viel zu oft fehlt: Zeichen der Wertschätzung, Geschenke, die sagen: Du bedeutest mir etwas. Und lassen wir auch Menschen daran teilhaben, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Nur wenn wir es zulassen, kann Weihnachten seinen Zauber entfalten. Ich wünsche Ihnen allen frohe, gesegnete und hoffnungsvolle Weihnachten!


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