«Die Alpen wachsen auch»

BERGSTÜRZE UND GLETSCHERSCHWUND ⋅ Gebirgsforscher Jon Mathieu erklärt, wie es um die Alpen, ihre Menschen und deren Kultur steht.
03. November 2017, 00:00

Interview: Balz Bruder

Jon Mathieu, was kommt Ihnen als Alpenforscher zuerst in den Sinn, wenn Sie an die Alpen denken?

Da kommt es sehr auf den Moment an. Wenn ich heute dem Alpinen Museum bei einer Aktion gegen die Subventionskürzung helfe, ist es etwas anderes, als wenn ich morgen in Innsbruck einen Vortrag halte oder zwischendurch ganz einfach zum Fenster hinausschaue und Eiger, Mönch und Jungfrau sehe.

Der französische Historiker Fernand Braudel hat gesagt: «Ja, aber die Alpen sind eben die Alpen, das heisst, ganz aussergewöhnliche Berge.» Ist es so einfach?

Nein, einfach ist es natürlich nicht. In meinen Augen ist die Aussage aber auch nicht falsch. Die Alpen waren früh und stark besiedelt, ein «humanisiertes Gebirge». Das ist in der Tat aussergewöhnlich. So aussergewöhnlich wie die Alpen war allerdings auch ihr Umland. Regionen wie die Lombardei oder Süddeutschland gehörten in der europäischen Geschichte lange zur wirtschaftlichen Avantgarde. Diese Beziehungen zwischen Berg und Umland tragen zur Erklärung bei. Letzteres bildete gleichsam den Resonanzraum für das Berggebiet.

Derzeit machen die Alpen Schlagzeilen, weil sie wortwörtlich zusammenbrechen. Ist diese Entwicklung mehr als eine Momentaufnahme?

Sie brechen nicht nur zusammen, sie wachsen auch! Aber, ja: Die jüngsten Ereignisse sind sehr tragisch. Solche gab es allerdings immer wieder. Nehmen wir den Bergsturz von Elm im Jahr 1881 oder jenen von Goldau im Jahr 1806. Wir können noch weiter zurückgehen und im Fall Bergell an den gewaltigen Bergsturz von Piuro im Jahr 1618 erinnern. Natürlich wird die Wahrnehmung von momentanen Ereignissen dominiert. Der Blick in die Geschichte relativiert sie aber auch.

Ist es typisch für die Geschichte der Alpen und der Menschen in den Alpen, dass die Wahrnehmung von aktuellen Ereignissen bestimmt ist?

Das ist nicht nur bei den Alpen so. Neben der Aktualität ist auch der Hintergrund historischer Erfahrung wichtig. Was in den Köpfen haften bleibt, kann keine Eintagsfliege gewesen sein. Die Repetition von Ereignissen hat nicht nur etwas Abstumpfendes, wie wir es manchmal erleben, sondern auch etwas Einprägsames. Nehmen wir den Klimawandel: Jahr für Jahr hören wir von neuen Hitzerekorden – das bleibt stärker hängen, als wenn wir nur einmal einen Super-Hitzerekord hätten. Im 19. Jahrhundert führte die Häufung von Überschwemmungen dazu, dass das erste Forstgesetz durchsetzbar wurde.

Die Logik von Ursache und Wirkung.

Ja, das ist so. Lange waren die Alpen quasi eine Verkörperung der Natur, obwohl sie eine relativ starke Besiedlung aufwiesen. Der Lebensraum wurde immer wieder bedroht, aber auch verteidigt. Ich denke, das ist in anderen Regionen ähnlich. Wenn wir an das Mittelland denken, könnten wir zum Beispiel den Umgang der Städte mit den Flüssen nehmen, an denen sie ja häufig liegen. Sowohl der Schutz vor dem Wasser als auch die spätere Zuwendung hin zum Wasser weisen viele Parallelen zum Alpenraum auf.

Wie sehen Sie das über den Tag hinaus? Stichwort Klimawandel – morphologische, topologische, geologische Veränderungen.

Am fassbarsten wird der Wandel sicher anhand der Gletscher. Wir sehen heute viel kleinere Gletscher als im 19. Jahrhundert – und der Rückzug scheint sich fortzusetzen. In der Pionierphase des Tourismus waren Gletscherbesichtigungen fester Bestandteil einer Schweizer Reise. Ein sprechendes Beispiel gibt auch die Gemeinde Fiesch im Wallis: 1678 legten die Fiescher ein vom Papst genehmigtes Gelübde ab, alljährlich eine Prozession gegen das Vordringen des Aletschgletschers zu veranstalten. Seit 2010 wird in Fiesch mit päpstlicher Erlaubnis gerade umgekehrt dafür gebetet, dass der Gletscher wieder wächst. Man kann hoffen, dass die Gebete fruchten, aber die Glaziologen rechnen mit dem Verschwinden dieser charakteristischen «Eismeere», wie man früher sagte.

Die Alpen waren seit jeher Lebensraum, Durchgangsraum und Grenzraum. Da ist Existenz, aber auch Bedrohung. Was überwiegt?

Eindeutig die Existenz! Die Alpen haben heute 14 Millionen Einwohner. Ein grosser Teil von ihnen lebt nicht an Orten wie dem Bergell. Trotz Bedrohung funktioniert auch hier der Reflex, dass man das Land, in dem man aufgewachsen ist, als Ort der Zivilisation verteidigt. Man kann das historisch etwa mit verschieden­artigen Landschaftsbildern zeigen. Im 18. Jahrhundert wurde das Bergell von einem Zürcher Naturforscher als wildes Gebiet dargestellt, während eine einheimische Zeichnung eine sanft gewellte Landschaft zeigt. Das ist ein Akt «patriotischer Landesbewertung».

Und was ist mit dem Mythischen, das im Alpinen mitschwingt? Geht es um religiöse «Hoch-Kultur» oder Romantisierung?

Romantisierung scheint mir das richtige Wort. Seit dem 18. Jahrhundert hat der Alpenraum in Europa viel Aufmerksamkeit erhalten. Ein Teil dieses Interesses steigerte sich ins Mythische und Religiöse. Die berühmtesten Herausgeber von Sagen und Märchen, die Brüder Grimm, nahmen zum Beispiel an, dass die sogenannt «uralte» Volksüberlieferung dort blühte, wo die Aufklärung in ihren Augen nicht hinkam: in die hohen Berge und wilden Täler. In ihren «Deutschen Sagen» von 1816 hauchten sie auch den Drachen des Gebirges neues Leben ein. Diese Fabelwesen hatten einst einen fes­ten Platz in der europäischen Zoologie, wurden aber später wissenschaftlich desavouiert. Bei den Grimms und ihren Nachfolgern galten sie nun romantisch mythisiert als Träger tieferer Wahrheiten.

Kaum ein Raum auf dieser Welt ist mit so vielen Stereotypen behaftet wie die Alpen. Was haben diese mit der Realität zu tun?

Stereotype sind Bestandteil der Realität und besser als ihr Ruf. Denn sie stellen kollektive Wahrnehmungsmuster dar und helfen uns, zu eigenen individuellen Einsichten zu kommen – was sie nicht unbedingt wahrer machen muss. Das Irritierende an den Stereotypen ist vielleicht eher, dass sie vielfältig und zum Teil widersprüchlich sind. Es ist wichtig, dass wir diese Vielfalt ernst nehmen. Die Literaturgeografin Barbara Piatti beispielsweise hat in einer Untersuchung die Orte kartografiert, die in der Literatur über die Innerschweiz genannt werden. Diese Literatur ist nicht frei von Klischees, aber das Kartenbild zeigt keine einheitliche Raumverteilung, sondern einen bunten Flickenteppich.

Was blenden die Vorstellungen, die wir von den Alpen – durch Literatur und bildende Kunst – haben, aus?

Wenn man genau hinschaut, blendet die Literatur in den Alpen wohl ebenso viel oder ebenso wenig aus wie in anderen Gebieten. Was den Kleinsprachen in den Alpen aber fehlt, ist der Medienapparat des Feuilletons. Das bedeutet aber nicht, dass die Autoren verspätet auf neue Strömungen reagieren. Ihre in Literatur gespiegelten Reaktionen werden einfach weniger wahrgenommen.

Dafür ist der Tourismus immer noch mächtig. Wird er überleben – oder überlebt er sich?

Der Tourismus ist häufig volatil. Einmal hat es zu wenige Gäste, dann wieder zu viele. Vergessen wir aber nicht: Der Alpenraum lebt nicht nur vom Tourismus. Dieser ist zudem ungleichmässig verteilt und stagniert insgesamt seit einigen Jahrzehnten. Ich will ihn nicht schlechtreden, aber es ist schwer, Prognosen zu stellen. Vielleicht gibt es künftig eher eine noch stärkere Konzentration. Das würde auch allgemein zur Landschaftsentwicklung in den Alpen passen, wo die Kontraste zwischen wenig und intensiv benutzten Gebieten zunehmen. Die Waldfläche ist zwar stark gewachsen, dafür werden die Talzonen viel mehr beansprucht.

Hand aufs Herz: Was ist wichtiger, das, was die Alpen sind – oder das, was die Alpen als Imaginationsraum darstellen?

Eindeutig das, was sie sind! Vor allem der Menschen wegen, die dort leben. Sie sind das Herz der Alpen. Ich sage das auch, wenn ich an die Schweiz denke: Das Berggebiet macht zwei Drittel des schweizerischen Territoriums aus. Das sollten wir auch staatspolitisch nicht vergessen – und uns nicht von fixen Ideen darüber leiten lassen, wer Wohlstand herstellt und wer davon lebt. Wer wen subventioniert, ist nämlich oft schwer zu sagen. Heute werden die Wasserzinse vielfach als Subventionen für das Berggebiet dargestellt. Aber bei der Diskussion um das Wasserrechtsgesetz 1916 betrachteten sie viele als Subvention des Berggebiets an das Flachland. Es wurde ein Maximum und nicht ein Minimum der Wasserzinse statuiert. Ich kann mir die Schweiz nicht als schmalen Mittellandgürtel ohne Berggebiet vorstellen.

Zur Person

Jon Mathieu (65) ist Titularprofessor für Geschichte mit Schwerpunkt Neuzeit an der Universität Luzern. Er hat sich als Gebirgsforscher, Historiker und Autor über die Alpen einen Namen gemacht. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und wohnt in Burgdorf.


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