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Die rohe Botschaft

22. Dezember 2017, 00:00

Eigentlich möchte ich ja gerne über die General Electric fluchen. Darüber, was die mit ihren Angestellten machen, ihnen kurz vor Weihnachten mitteilen, dass über tausend Stellen gestrichen werden. «Wir sagen euch aber noch nicht, wer betroffen ist, damit ihr noch ruhige, besinnliche Festtage habt.» Was für ignorante Idioten müssen das sein, die ein solches Timing planen?

Keine besonderen, denn das gehört zum Geschäfts­modell.

Was soll man da sagen? Gopfertelli, gopfertoori, huere Siech? Das sind nur die drei harm­losesten Flüche, die zur Auswahl stehen. Die anderen teile ich Ihnen gerne mit, wenn Sie mir ein frankiertes Rückantwort-Couvert schicken.

Fluchen nützt aber leider nichts, denn man muss heute einfach feststellen, dass all die Diskussionen rund um die Abzocker-Initiative im Endeffekt rein gar nichts gebracht haben. Die Manager, um die es ging, haben sich kurz am Füdli gekratzt und dann weitergemacht wie vorher. Ab und zu verzichten sie auf ein Prozent ihres Bonus und feiern sich ab wie Helden: Seht ihr, wir haben unsere Lektion gelernt! Widerlich.

Die Karawane zieht weiter, aber es sind nicht nur Kamele, es hat auch ein paar mit Ringelschwänzchen darunter.

Aber halt, man müsste in ­dieser Zeit eher von brennenden Kerzlein, Lametta und ­leuchtenden Äuglein erzählen. Doch das tun ja schon unsere Ladengeschäfte seit August. Früher haben sie wenigstens mit der Weihnachtsdekoration gewartet, bis die Badis ge­schlossen waren. Heute ­wundert es mich nicht, wenn am Weihnachtsbaum noch ein kleiner Osterhase hängt.

Und, wenn ich gerade in Rage bin, möchte ich diese seltene Gelegenheit benützen, um über ein zweites Phänomen zu berichten. Die Weihnachtszeit ist ja nicht nur ein besinnliches Fest, sie ist auch ein will­kommener Tummelplatz für verblendete Religionsidioten geworden. Anschläge auf Weihnachtsmärkte, das bringt Publicity. Da kann sich ein jämmerliches Würstchen auf einen Schlag in die Berühmtheit katapultieren.

Ich bin fast überzeugt, dass in nächster Zeit wieder ein Anschlag passieren wird, vielleicht wird irgendwo einem Christkindli in der Krippe eine Sprengstoff-Windel montiert, damit man in der Kinder-Messe möglichst viele Opfer trifft – die kranke Fantasie kennt bald keine Grenzen mehr. Da habe ich dann immer viele Fragen, auf die ich noch keine Antwort weiss:

Wie lange noch muss das ­dämliche Gesicht des ach so mutigen Terroristen auf den Titelblättern sein? Damit dann Hunderte von Brüdern in seinem Geiste sehen: Aha, ich bin zwar ein nutzloser Vollidiot, aber mit einem Sprenggürtel kann ich sofort zum VIP werden und das für mehrere Tage weltweit.

Jetzt frage ich uns als Leser: Wollen wir das wirklich so genau wissen? Wollen wir das wirklich im Detail wissen, was der Volltrottel am Tag vorher noch gegessen, woher er seine Turnschuhe hat? Wollen wir dieses hirnlose Grinsen wirklich sehen? Wollen wir, dass die Presse keine Ruhe hat, bis sie uns das Bild präsentieren kann? Reicht es nicht, einfach zu schreiben: Wieder hat ein Hohlkopf gemeint, er könne durch das Mittöten unschuldiger Menschen seinem Versagerleben doch noch einen Sinn geben.

Es ist zwar wichtig, die genauen Umstände der Tat abzuklären, damit man Vorkehrungen treffen kann. Diese Informationen bringen uns Lesern aber rein gar nichts.

Und gleichzeitig machen wir ein Geschrei, wenn die Polizei Telefone abhören möchte, damit sie vielleicht solche Krankhirnis schon rechtzeitig aus dem Verkehr ziehen könnte?

Früher war gar nichts besser… aber auch nichts schlechter.

Da hat man am Morgen eine Zeitung gelesen, dann um 12.30 und 20 Uhr die ­Nachrichten gehört. Heute muss man schon mit Gehörschutz und Augen­binde durch den Tag marschieren, um nicht jede halbe Stunde von Informations-Leerkalorien erschlagen zu werden

Wie wäre es, wenn wir ab sofort nach jedem Terroranschlag drei Tage keine Sensationszeitung kaufen würden, kein Online-Portal anklickten?

So, jetzt aber genug gewettert, kommen wir zum besinnlichen Teil: Ich wünsche Ihnen schöne Festtage! Und denken Sie daran, es ist etwas seltsam, wenn man sich das ganze Jahr darüber aufregt, dass die Chinesen sich langsam über die halbe Welt ausbreiten, und dann isst man am Weihnachtsabend ein Fondue chinoise. E Guete!


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