Kopf des Tages

Ein Mann, ein «Hurricane»

HARRY KANE ⋅ Der englische Fussballstar ist der Stürmer der Stunde. Er lässt seinen Verein ebenso träumen wie die Nationalmannschaft. Beide sehnen sich nach Erfolgen.
30. Dezember 2017, 00:00

Es umweht ihn etwas von Harry Potter. Dabei ist er «nur» Harry Kane. Doch, was heisst da «nur»: Der gebürtige Londoner ist derzeit das Mass aller Dinge im englischen Fussball. Was in diesen Tagen von besonderer Bedeutung ist, da die Profiligen auf der Insel eine englische Woche nach der andern abspulen. Zur Freude der Briten, für die der Stadionbesuch über die Festtage ebenso zum unverzichtbaren Programm gehört wie Christmas Pudding.

Harry Kane hingegen stellt sich derzeit alles andere als pomadig an, obwohl seine Haartolle, die selbst nach manch erbittertem Kopfball­duell perfekt sitzt, einen Schönwetter-Fussballer vermuten lässt. Das Gegenteil ist der Fall: Kane geht dahin, wo es weh tut. Und weiss auch, warum. Er ist am Schmerzpunkt im Strafraum so gefährlich wie kein anderer in der Premier League. Und das will etwas heissen in der Liga, wo ausländische Topskorer den Ton angeben. Wobei es der 70 Millionen Pfund teure Kane gerne öfter auf einmal krachen lässt. Wie am Boxing Day, dem zweiten Weihnachtsfeiertag, als Tottenham Hotspur, der Verein des gebürtigen Londoners, die Saints aus Southampton mit 5:2 abfertigte. Dreifacher Torschütze: Harry Kane. Es war bereits sein sechster Hattrick in diesem Jahr. Und er brach gleichzeitig einen Rekord. Stürmerlegende Alan Shearer hatte vor über zwei Jahrzehnten in einem Kalenderjahr 36 Liga-Tore erzielt – Harry Kane steht nun bei 39 Treffern.

Der 24-Jährige, der seine Karriere bei den Spurs startete, dann zum Drittligisten Leyton Orient ausgeliehen wurde und auf die Saison 2011/12 an die Londoner White Hart Lane zurückkehrte, ist ein Ausnahmekönner. Doch wie bei vielen Topstürmern gilt auch für ihn: Er ist so gut, wie es die kongenialen Vorbereiter zulassen. Im Fall von Tottenham sind das in erster Linie der dänische Internationale Christian Eriksen und der englische Nationalspieler Dele Alli. Sie zirkeln Kane die Bälle reihenweise in Perfektion auf Fuss und Kopf.

Und dann ist da noch Trainer Mauricio Pochettino. Der Argentinier lässt einen schnellen, taktisch extrem wandelbaren Fussball spielen, der seinem Superstar wunderbar schmeichelt. Dabei ist die Sache für Tottenham in dieser Saison nicht einfach. Weil die Spielstätte der Nordlondoner derzeit umgebaut wird, spielen sie im altehrwürdigen Wembley-Stadion. Schien für die Spurs zunächst ein Fluch auf dem Umzugsort zu liegen, haben sie sich mit dem heiligen englischen Rasen zwischenzeitlich angefreundet. Diesen kennt Kane auch als Nationalspieler der «Three Lions»: Er debütierte vor zweieinhalb Jahren unter dem ehemaligen Schweizer Nationalcoach Roy Hodgson.

Apropos: Als Einzelspieler ist Kane ein Riese – von den Teams, in denen er aufläuft, lässt sich das nicht behaupten. Tottenham hat seit Jahren keinen Titel geholt. Und die Dramen der englischen Fussball-Nationalmannschaft an grossen Turnieren sind zahlreich. Wenn es an der WM in Russland einer richten kann, dann er: Harry Kane, der Tor an Tor reiht. Am 2. Januar beim Spiel in Swansea bietet sich ihm Gelegenheit, das Skore 2018 zu eröffnen.

Balz Bruder


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