Ein Museum als wichtiges architektonisches Statement

08. November 2017, 00:00

Universalmuseum Das derzeit höchste Haus der Welt, der Burj Khalifa in Dubai, steht seit 2010 für die Wirtschaftskraft der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Doch kulturell wirkte das Zukunftsland im Wüstensand lange provinziell. Bis sich Abu Dhabi vor gut zehn Jahren entschloss, die kulturelle und öko­logische Vorreiterrolle am Golf zu übernehmen. Nach der Wirtschaftskrise wuchsen aber auch hier die Palmen nicht mehr in den Himmel. Vor allem die beiden ehrgeizigsten urbanen Projekte, die Ökostadt ­Masdar City und die Kulturinsel Saadiyat, gerieten ins Stocken.

So war auf Saadiyat lange kaum etwas zu sehen von der 2007 in der «Vision Abu Dhabi 2030» festgeschriebenen Vorzeigestadt für 80000 Menschen – ausser einige luxuriöse Strandhotels, Universitätsbauten und das Manarat-Kulturzentrum. Dabei sollten dort bereits die spektakulären Kulturbauten von Stararchitekten wie Tadao Ando, Norman Foster, Frank Gehry und Zaha Hadid stehen. Nur der 2007 durch einen Staatsvertrag mit Frankreich abgesicherte und von Jean Nouvel, dem Architekten des Luzerner KKL, geplante Louvre Abu Dhabi kam trotz mehrerer verschobener Eröffnungstermine voran.

Das architektonisch einzigartige Universalmuseum, das am 11. November eingeweiht wird, zeigt in seiner ersten Dauerausstellung 600 hochkarätige Kunstwerke aus fünf Jahrtausenden Menschheitsgeschichte von Altägypten bis heute, die zur Hälfte von Abu Dhabi für teures Geld erworben wurden, zur Hälfte leihweise aus 13 französischen Museen stammen. Überschattet wird der Komplex von einer flachen, perforierten Riesenkuppel aus Stahl und Aluminium mit 180 Metern Durchmesser, die aus 7850 ineinander verwobenen Sternen besteht.

Wie das Guggenheim-Museum in Bilbao oder die Oper von Sydney

Ähnlich wie die Fassaden von Nouvels Pariser Institut du Monde Arabe verweist das auf nur vier Pfeilern ruhende, 36 Meter hohe Kuppeldach, durch das die gleissende Tageshelle wie ein sanfter Lichtregen dringt, auf die traditionellen Fenstergitter in der islamischen Welt. Unter ihm wähnt man sich in einem futuristischen Souk, während man in den Häusern, von denen knapp die Hälfte als Ausstellungsräume dienen, in eine westöstliche, nach zwölf Ausstellungsbereichen geordnete Wunderwelt eintaucht. Belebt wird die künstlerisch-architektonische Promenade durch glitzernde Kanäle.

Selbst wer das finanziell lukrative Abkommen zwischen dem Pariser Louvre und dem Emirat Abu Dhabi kritisch sieht, wird beim Durchschreiten von Nouvels Museumsbau ins Schwärmen kommen. Die Frage, ob es sich bei dieser sprechenden Architektur um gebauten Kitsch oder um grosse Architektur handelt, wird schnell zur Nebensache. Denn der Louvre Abu Dhabi hat das Zeug zu einer den Tourismus ankurbelnden Ikone, vergleichbar nur mit der Oper von Sydney und dem Guggenheim-Museum in Bilbao.

Roman Hollenstein, Abu Dhabi


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