Ein Regen von Licht und Geld

MUSEUM ⋅ Der französische Louvre eröffnet in Abu Dhabi einen ambitiösen Ableger. Das «Museum der Toleranz» verpflichtet sich den Gemeinsamkeiten der Zivilisationen – und einer geostrategischen Partnerschaft zwischen Frankreich und den Arabischen Emiraten.
08. November 2017, 00:00

Stefan Brändle, Abu Dhabi

Die Palmen sind geschnitten, der herangeschaffte Naturrasen eingepasst: Alles ist bereit für die Einweihung des Louvre Abu Dhabi am Donnerstag durch Scheich Khalifa bin Zayed al-Nayan, den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), und seinen französischen Amtskollegen Emmanuel Macron.

Zuerst, was das Pariser Museum am Persischen Golf nicht sein will: keine Filiale, kein Franchising-Unternehmen und schon gar nicht eine billige Kopie. Original ist zumindest der Bau. Jean Nouvels neues Wunderwerk arabesker Schlichtheit hat als Wahrzeichen eine flache Kuppel von 180 Metern Durchmesser. Gebildet wird sie aus knapp 8000 Metallsternen, die einen «Lichtregen» passieren lassen und dem Besucher das Gefühl vermitteln, «im ruhigen Schatten» einer Medina zu wandeln, wie Nouvel am Dienstag vor Ort erklärte. Der so filigran scheinende, in Wahrheit 7500 Tonnen schwere Dom überspannt zwei Dutzend Galerien, in denen die permanente Ausstellung auf 6000 Quadratmetern sowie vier periodische Schauen im Jahr Platz finden.

Ein erster Durchgang durch die Säle bestätigt den Anspruch des Louvre Abu Dhabi als «erstes universelles Museum der arabischen Welt». Das Spektrum ist sehr breit, so breit, dass es zum Umdenken zwingt. Was verbinden neolithische Figuren aus Zypern mit antiken Objekten aus Ägypten, Rom und Indien? Was altarabische Schätze – ein Blatt des «blauen Koran» oder ein Astrolabium – mit Gemälden von Da Vinci oder Holbein? Was mit Matisse, Klee, Pollock und (zuletzt noch für 21,5 Millionen Euro dazugekommen) Mondrian? Ein Van Gogh fehlt ebenso wenig wie ein Picasso.

Sammelsurium musealer Blockbuster

Das Umdenken ist erforderlich, weil der zweite Louvre nicht nach Perioden oder Regionen ausstellt, sondern «transversal», wie sein Direktor Manuel Rabaté sagte. Die verschachtelten Abteilungen tragen Namen wie «erste Dörfer», «Am Hof der Prinzen» oder «Kosmografien» oder «universelle Religionen» – genannt sind Buddhismus, Christentum, Islam. Dazu kommt immerhin eine hebräische Bibel.

Diese Gliederung folgt gemäss Rabaté «den Gemeinsamkeiten zwischen den Zivilisationen und Epochen». Nicht immer werden sie ersichtlich. Bisweilen wirkt das ökumenische Angebot eher wie ein Sammelsurium musealer Blockbuster – von arabischen Geldgebern gewünscht und finanziert, von Franzosen wie Rabaté oder Nouvel inszeniert. Das ist schade, denn Abu Dhabi wäre durchaus prädestiniert, eine globale Sicht von West und Ost, Europa und Orient, afrikanischen bis japanischen Kunstobjekten zu vermitteln: Das grösste der sieben vereinten Emirate liegt geografisch wirklich zwischen den Kulturen, auch zwischen Wüste und Wasser, und zwischen Aufbruch und Tradition. Der Direktor der emiratischen Kultur- und Tourismusbehörde, Mohamed Khalifa al-Mubarak, betonte gestern in seiner Begrüssungsrede vor 500 Journalisten mehrfach, der Louvre Abu Dhabi sei «nicht nur ein Museum, sondern ein Zentrum der Toleranz». Geschmälert wird dieser Anspruch einzig durch die Absenz von unbekleideten Akten. Bellinis «Jungfrau mit Kind» trägt glücklicherweise ein Kopftuch.

Wie Doha oder Dubai, die beiden anderen Wolkenkratzermagnete am Golf, setzt das gesellschaftlich und religiös aufgeschlossene Scheichtum Abu Dhabi auf Museen, Festivals und Tourismus, um für die Zeit nach dem Öl und Erdgas vorzusorgen. Der neue Louvre ist nur der erste Stein eines ganzen Kulturdistriktes, der auf der Saadiyat-Insel am Rande der Millionenmetropole für 27 Milliarden Dollar aus dem Boden gestampft wird. Auf den Baubeginn warten auch der Ableger des New Yorker Guggenheim-Museums und ein nationales Zayed-Museum, dazu Golfplätze, Konzerthallen und riesige Hotelkomplexe.

Als Abu Dhabi 2007 in Paris vorstellig wurde und einen Louvre-Zwilling am Golf anregte, winkte dessen Pariser Vorsteher Henri Loyrette entschieden ab. Bald aber setzten sich die Argumente des Scheichtums durch. Die VAE zahlen allein für die auf dreissig Jahre befristete Benutzung des Namens «Louvre» 400 Millionen Euro. Dazu kommen 190 Millionen für Leihgaben wie etwa einen Da Vinci (seine Mona Lisa natürlich ausgenommen). Weitere 165 Millionen gibt es für technische Hilfe durch Experten der zwölf bekanntesten Museen Frankreichs.

Die Sammlung wurde faktisch nach dem Prinzip zusammengestellt: Die Emirati schlagen vor, die Franzosen entscheiden. Und dann zahlen die Emirati. Letztere stellten die Zahlungen mindestens einmal ein, weil sie mit der Wahl nicht zufrieden waren. Zum Schluss einigte man sich aber stets, während die Amerikaner des Guggenheim-Museums mangels französischer «Souplesse» noch nicht so weit gekommen sind. Vor allem aber war den Franzosen nicht nur an Kulturexport in einen Wüstenstaat gelegen. Vor zehn Jahren, also fast gleichzeitig mit dem Louvre-Abkommen, kauften die Emirate 40 Exemplare des Riesen-Airbus A380. Dann einigte sich der damalige Präsident Nicolas Sarkozy auf die Eröffnung eines französischen Militärstützpunktes in Abu Dhabi, der heute nur 30 Kilometer vom neuen Louvre entfernt ist. Sarkozy nannte es eine «strategische Partnerschaft» mit den VAE.

Kritik von Human Rights Watch

Das hinderte die Emirati nicht, ein paar Jahre später keine französischen, sondern südkoreanische Atomkraftwerke zu kaufen. Etwa zur gleichen Zeit zirkulierten Berichte von Human Rights Watch, die 5000 asiatischen Gastarbeiter der pharaonischen Louvre-Baustelle würden nicht immer nur gut behandelt. Jean Nouvel wollte von nichts wissen.

Neuerdings sucht Frankreich zu mässigen, während die verjüngte VAE-Führung militärisch in Jemen eingreift und als treibende Kraft hinter dem Versuch gilt, Nachbar Katar – einen anderen Verbündeten Frankreichs in der Region – zu isolieren. Alles in allem hält aber die strategische Entente zwischen Paris und Abu Dhabi. Nicht nur, aber auch dank dem Louvre Abu Dhabi, dem völkerverbindenden Museum.


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