Ansichten

Geld ist die Voraussetzung für Freiheit

10. November 2017, 00:00

Nichts macht freier als wirtschaftliche Unabhängigkeit. Geld zu haben, macht Menschen frei. Über diesen Satz rümpfen Moralisten der wahren freiheitlichen Werte gerne mal die Nase. Freiheit allein als Ergebnis wirtschaftlicher Unabhängigkeit? So simpel kann das ja wohl nicht sein.

Zugestanden, ganz so simpel ist es nicht. Allein wachsender wirtschaftlicher Wohlstand macht nicht frei. Das hat der 19. Parteitag der Kommu­nistischen Partei Chinas mit seiner politischen Rolle rückwärts gezeigt. Von den knapp 1,4 Milliarden Menschen in China profitieren durchaus nicht alle vom Wirtschaftswachstum einer eigenwilligen sozialistischen Marktwirtschaft.

Nur diejenigen, die richtig Geld verdienen, können sich aus dem Herren-Knecht-Verhältnis freikaufen, ins Ausland gehen oder über unternehme­rische Aktivitäten ihre persön­liche Freiheit absichern. Die anderen bleiben Sklaven eines Systems, das sie in Abhängigkeit halten will. Das Zusammenspiel zwischen ökonomischer und individueller Freiheit könnte auch in Saudi-Arabien eskalieren.

Soeben hat der saudische Kronprinz Mohammad bin Salman seine Pläne verkündet, für 500 Milliarden Dollar eine Stadt am Roten Meer aus dem Boden zu stampfen. Das Projekt mit dem Namen Neom soll eine «free zone» werden, ein Gebiet, in dem Menschen unabhängig von den ansonsten gültigen politischen Vorgaben des Landes leben können. «In Neom ... wird es keinen Platz für irgendetwas Traditionelles geben», so der Kronprinz bei der Projektvorstellung. Im Werbevideo für die Zukunftsstadt joggen unverschleierte Frauen in Leggings durch die Strassen und arbeiten Seite an Seite mit Männern.

Es mag sein, dass der Kronprinz vor allem daran denkt, sein Land wirtschaftlich auf die Zeit nach dem Öl vorzubereiten. Wenn das gelingen soll, muss er die Produktivkräfte der Bevölkerung heben. Bis zu einem bestimmten Punkt kann das, wie in China, im Korsett politischer Zwänge gelingen. Irgendwann aber nicht mehr. Ein echter Wachstums- und Entwicklungsschub folgt nur aus der wirtschaftlichen Unabhängigkeit des Individuums. Es reicht dann nicht, Frauen im Jahr 2017 das Autofahren zu erlauben. Erst wenn sie nicht nur im Auto am Steuer sitzen, sondern sogar ihr eigenes Geld verdienen, können sie sich aus der Abhängigkeit einer radikal religiös und patriarchalisch geprägten Gesellschaft lösen.

Etwas Ähnliches steht nun, auf anderem Niveau, in den westlichen Gesellschaften an. Auch bei uns gibt es noch immer das Herren-Knecht-Verhältnis, wenn auch im schönen Mäntelchen der Filmrobe oder des Businessanzugs. Das zeigt der ganze Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein, seine sexuellen Übergriffe bis hin zur mutmasslichen mehrfachen Vergewaltigung. All das hat sehr wenig mit Sex, aber ganz viel mit Macht und verkommenen Abhängigkeitsverhältnissen zu tun. Viele junge Schauspielerinnen und Schauspieler wissen, dass sie nie Geld verdienen werden, wenn sie die grossen Filmbosse zurückweisen.

Viele junge Frauen in der Wirtschaft wissen, dass man besser nicht offen gegen die Anzüglichkeiten des CEO rebelliert. Wer sich wehrt, geht ins ökonomische Exil. Das ist die Ökonomie der Zustimmung in der modernen Sklavenhaltung. Geld ist die Voraussetzung für Freiheit. Mit ihm kommt wirtschaftliche Unabhängigkeit. Und die hilft gegen Kommunismus, religiösen Fanatismus und die Überheblichkeit einer selbst ernannten Elite. Wir können viele moralische Debatten führen. Wichtig wäre erst mal, jeder und jedem die Chance zu geben, wirtschaftlich unab­hängig zu sein.

Miriam Meckel

Publizistin


Leserkommentare

Anzeige: