Kopf des Tages

Jähes Ende einer schillernden Karriere

ÖSTERREICH ⋅ Peter Pilz, Ex-Urgestein der Grünen und Skandalaufdecker, soll Frauen mehrfach sexuell belästigt haben. Sein Parlamentsmandat hat er abgelegt.
07. November 2017, 00:00

Peter Pilz sieht sich als Opfer einer Intrige, legte aber umgehend sein Nationalratsmandat nieder, das er sich bei den Wahlen vor drei Wochen erkämpft hatte. Er habe von Politikern stets hohe Massstäbe gefordert, «diese gelten selbstverständlich auch für mich», sagte er vor Journalisten in Wien.

Der 63-jährige Pilz war rund 30 Jahre lang Leitfigur und Abgeordneter der Grünen, deren Erscheinungsbild er massgeblich geprägt hat. Das Land verdankt ihm die Aufklärung einer Reihe politischer Skandale, die ohne die hartnäckige Wühlarbeit des studierten Politologen und Volkswirtschafters in diversen Untersuchungsausschüssen folgenlos versickert wären.

Letzten Sommer trennte sich Pilz von den Grünen im Streit, weil ihn die Parteibasis auf der Kandidatenliste zurückgereiht hatte. Daraufhin trat er bei den Wahlen vor drei Wochen mit eigener Liste an und zieht nun mit acht Mandataren in den Nationalrat ein. Ein Teil früherer Grünwähler war ihm gefolgt, womit er seinen Beitrag dazu leistete, dass die Ökopartei nach 31 Jahren aus dem Parlament flog. Pilz wirft jetzt seiner Ex-Partei Rache und Intrige vor. Erste Gerüchte über seine Macho-Manieren tauchten 2013 auf: Am Rande einer Tagung soll er eine Frau mehrmals begrapscht haben, berichtet die Zeitung «Falter». Pilz sagte dazu, er habe «keine Erinnerung», wolle aber alles tun, um die Vorwürfe aufzuklären. An einen anderen Fall kann er sich erinnern, aber anders als das vermeintliche Opfer, eine Mitarbeiterin der grünen Parlamentsfraktion. Die Frau hatte Pilz 2016 beim Volksanwalt für Gleichbehandlung angezeigt, sie 40-mal sexuell belästigt zu haben. So habe Pilz sie mehrfach zu küssen versucht und sie zu einer Reise nach Paris einladen wollen.

Für Pilz stecke da ein Arbeitskonflikt dahinter: Die junge Frau sei «sehr ehrgeizig» gewesen und habe eine Beförderung verlangt, die er ihr nicht genehmigt habe. Wenig später sei er von der damaligen Grünenchefin Eva Glawischnig informiert worden, dass beim Volksanwalt eine Beschwerde gegen ihn wegen sexueller Belästigung eingegangen sei. Er habe, so Pilz, bis heute keine schriftlichen Unterlagen erhalten, weshalb er nicht klagen könne. Grünen-Fraktionschef Albert Steinhauser erklärte, die Frau habe den Fall nicht öffentlich machen wollen.

Über die brennende Frage, warum die Sexaffären gerade jetzt, nach der Wahl und nicht davor, an die Öffentlichkeit kamen, kann vorerst nur spekuliert werden. Vordergründig haben die Grünen durchaus ein politisches Interesse, der Liste Pilz nachhaltig zu schaden: Sie mussten weitere Erfolge des Politikers auf ihre Kosten bei kommenden Regionalwahlen fürchten, namentlich in Wien. Aber auch die konservative ÖVP und die Rechtspartei FPÖ, die beide die nächste Koalitions­regierung bilden werden, haben ein gewisses Interesse: Beide Parteien stecken im Korruptionssumpf um den Kauf der Eurofighter-Flugzeuge. Ohne Pilz, der vor der Wahl kompromittierende Details zur Affäre ans Tageslicht befördert hatte, wird der laufende parlamentarische Untersuchungsausschuss wohl sanft entschlafen.

Rudolf Gruber, Wien


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