«Man muss alle an Bord haben»

06. November 2017, 00:00

Klimaziele An der Bonner Klimakon­ferenz geht es um Details, sagt Reto Knutti, Klimatologe an der ETH Zürich. Oberstes Ziel ist es, in 50 Jahren keine fossilen Treibstoffe mehr zu verbrennen.

Reto Knutti, werden in Bonn die ersten Versprechungen von Paris 2015 auf den Prüfstand gestellt?

An dieser Klimakonferenz passiert in dieser Hinsicht nicht viel. Standortbestimmungen werden alle fünf Jahre gemacht. Zum ersten Mal im Jahr 2018 an der nächsten Konferenz und dann wieder 2023. Es geht dieses Jahr darum, das Abkommen auszugestalten – zu sehen, was es überhaupt bedeutet. In Paris hat man ein Ziel festgesetzt, aber man hat sich nicht auf Details geeinigt.

Also wird nicht diskutiert, wie viel die einzelnen Länder freiwillig zum Klimaschutz beitragen wollen?

Nein, die individuelle Ausgestaltung der verschiedenen Länder wird kein grosses Thema sein. Nach Kyoto und den Nachfolgeverhandlungen hat man gemerkt, dass die Idee, sozusagen ein globales Klima-Budget zu verteilen – also der darf so viel, der andere so viel – erfolglos ist. Die Länder haben dafür zu unterschiedliche Ausgangslagen. Wirtschaftlich und gesellschaftlich sowie entwicklungsmässig. Eine solche Aufteilung hätte nie in allen Augen fair sein können. Man will aber, dass sich alle am Klimaschutz beteiligen. Das geht im Moment nur, wenn alle selbst bestimmen, was sie für den Klimaschutz leisten können.

Dann könnte es Länder geben, die praktisch gar nichts leisten.

Entscheidend war in Paris, dass alle an Bord sind, dass alle unterschreiben. Mit Trittbrettfahrern geht das nicht. Deshalb hat man in Kauf genommen, dass einige vielleicht nur wenig tun. Man hofft natürlich, dass die Staaten dazu animiert werden, mehr zu unternehmen. Dass man die Schraube anziehen kann. Auch im Wissen, dass die Technologien für den Klimaschutz besser und billiger werden.

Wie könnte denn die Schraube angezogen werden?

Im Moment gibt es keinen Mechanismus, der Staaten unter Druck setzt. Man geht davon aus, dass Länder, die wenig bis nichts machen, sich mit der Zeit genötigt fühlen, doch mehr in den Klimaschutz zu investieren. Auch dank öffentlichem Druck inner- und ausserhalb eines Landes. Wenn Staaten zudem zeigen können, dass Umwelttechnik rentiert, kann das eine Vorbildwirkung für Zögerliche haben. Vielleicht gibt es diplomatischen Druck. Aber international gibt es in dieser Hinsicht kein Recht, das über allem steht. Es gibt keine Weltklima-Polizei. Die UNO funktioniert nur mit Konsens.

Gibt es Beispiele für Selbst­beschränkung?

Der Autoindustrie hat niemand diktiert, ihre Technologie zu verändern. Aber die Vorgänge in den letzten Jahren haben dazu geführt, dass viele Autobauer sagen, der Verbrennungsmotor sei auf ­lange Sicht tot. Firmen springen auf den Zug, wenn sie sich davon einen Erfolg versprechen.

Das in Paris festgelegte Endziel ist die Entkarbonisierung, also der völlige Verzicht auf das Verbrennen fossiler Treibstoffe zwischen 2050 und 2100.

Genau. Das Endziel ist, die Erderwärmung nicht über 2 oder 1,5 Grad steigen zu lassen. Und für das braucht es null Emissionen in der zweiten Jahrhunderthälfte. Dafür gibt es keinen exakten Zeitpunkt. Ein Land kann länger zuwarten, muss dann aber schneller reduzieren. Es bleiben rund fünfzig Jahre, um die Emissionen auf null zu reduzieren.

Interview: Bruno Knellwolf


Leserkommentare

Anzeige: